das kommt

Modernste Märchen

Dreitausend Qua­drat­meter in feinster Lage stehen zur Verfügung: im Baakenhafen, also Hamburger Hafencity-Feeling pur. Glaubt man ersten Meldungen, sind wieder einmal alle begeistert, die auch sonst begeistert sind, was auch nötig ist, wird doch eine Besucherzahl von 300.000 pro Jahr anvisiert. Worum es geht? Um eine neue Eventhalle, in der mittels eines „automatischen Besucherführungssystems“ Gruppen von bis zu 30 Personen durch die Märchenwelt der Brüder Grimm geführt werden sollen.

Nur gibt es weder Bezüge der Grimm’schen Märchen zur Hansestadt Hamburg, noch hat es die Grimms je an die Elbe verschlagen. Aber das ist im Grunde ja auch egal: Wichtig am Event ist das Event.Versprochen wird laut einer Presseerklärung eine „einzigartige Kombination aus Kultur und Erlebnis, modernster Technik und einem interaktiven, multimedialen Edutainment-Konzept bis hin zur integrierten Erlebnis-Gastronomie“. Tatsächlich: „modernste Technik“. Mag man „moderne Technik“ noch als Alltagsbegriff hinnehmen, so ist die Steigerung von „modern“ eben barer Unsinn. Und damit sind wir genau beim Thema, ist doch das große und bis heute gültige Verdienst der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm nicht allein ihre Sammlung von Märchen und Volkserzählungen, sondern vor allem ihr Deutsches Wörterbuch, in dem sie die Herkunft und Bedeutung von 320.000 deutschen Wörtern analysierten. Weshalb es seitdem zur genauen Betrachtung von Sprache aufruft und 2005 zum Weltdokumentenerbe erklärt wurde

Vielleicht sollte, wer an den Brüdern Grimm, ihrem Märchenfundus, vor allem aber an ihrer universellen Forschungs- und Arbeitsweise interessiert ist, besser gleich etwas mehr Mühe und Zeit investieren – und die „Grimmwelt“ in Kassel besuchen. Dort lässt man ganz klassisch jeden Besucher in seinem eigenen Tempo schauen, konzentriert sich auf das Assoziationspotenzial der vorgestellten Sagen und Märchen, bietet einzelne künstlerische Arbeiten wie eine Videoinstallation zum mündlichen Weitererzählen von Märchen und eine Skulptur von Ai Weiwei. Dass man so vergleichsweise zurückhaltend vorgeht, hat womöglich mit dem Ort zu tun: In Cassel, wie es einst hieß, haben die Grimm-Brüder 30 Jahre lang in aller Ruhe gelebt. Frank Keil