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Brian De Palma ist mehr Hitchcock als der Meister selbst

„Domino – A Story of Revenge“ (Dänemark, Frankreich, Italien, Belgien, Niederlande 2019; Regie: Brian De Palma). Die DVD ist ab rund 14 Euro im Handel erhältlich.

Brian De Palma kam aus der New Yorker Avantgarde-Szene, war im Theater und in der Kunst unterwegs, veranstaltete in seinen Filmen wilde stilistische und narrative Experimente, wollte der amerikanische Godard werden und landete in den Siebzigern in Hollywood, das ein paar Jahre lang sehr offen war für künstlerische Ambitionen dieser Art. „Carrie“ oder „The Fury“ waren Hits, beim Publikum und bei der Kritik. In den Achtzigern wurde er mit „Blow Out“ oder „Body Double“ eher als Hitchcockianer gesehen, der die Sex-and-Crime-Perversionen, die die Filme des Meisters durchziehen, in kruden Metavarianten übersteigert und reflektiert.

Der Kamerablick als Blick des Voyeurs, die Kamera als Waffe, das gedoppelte, auch das täuschende, das jedenfalls für jede Täuschung offene Bild, das Sehen als von Körpern sich lösende Kraft ist das durchgehende Thema De Palmas, wenn nicht seine Obsession. Es finden sich in seinen Filmen häufig virtuose Sequenzen, die sich in immer neuen raffinierten Varianten darum drehen. Genre-Plot-Apparaturen, meist Thriller, sind das Medium, in das De Palma seine Obsession einträgt. Realismus interessiert ihn nicht, er gebraucht das Kino als Spiegelkabinett, das immer schon (über) sich selbst reflektiert.

In den Neunzigern kamen dabei manchmal slicke Blockbuster heraus, etwa der erste Film der „Mission: Impossible“-Reihe, da fiel es nicht weiter auf, dass De Palma nie Genre-Filme dreht, sondern auf höchst artifizielle Weise immer nur deren raffinierten Nachbau. In den Neunzigern wollte das Publikum davon aber immer weniger wissen, das wild übersteigerte „Snake Eyes“ mit Nicholas Cage floppte ebenso wie das sehr eigenwillige Science-Fiction-Epos „Mission to Mars“. Als Kassengift war De Palma dann bald aus Hollywood raus. Ähnlich wie die einstigen New-Hollywood-Kollegen Paul Schrader oder Francis Ford Coppola sucht er seitdem auf anderen Wegen nach Finanzierungsmöglichkeiten für seine Projekte, der 2002 in Frankreich produzierte Film „Femme Fatale“ war ein letzter großer Wurf.

Seitdem wecken die Filme eher gemischte Gefühle, auch der 2012 im Berliner Sony Center gedrehte „Passion“. Im neuesten Werk, „Domino“, steckt nun ausgerechnet dänisches Geld, weshalb er in Kopenhagen spielt, im ersten Teil jedenfalls. Die Produktion war, so hört man, chaotisch, De Palma selbst distanzierte sich früh von diesem Projekt. Ins Kino kommt der Film nun erst gar nicht, obwohl er in seinen besten Momenten nur auf der Leinwand groß rauskäme. Man muss aber zugeben, dass es nicht viele solcher bester Momente darin gibt. Der Plot um Isis-Kämpfer in Kopenhagen, Almería und Brüssel ist De Palma sichtlich egal, das Drehbuch von Petter Skavlan ist komplett medioker, die Game-of-Thrones-Stars Carice van Houten und Nikolaj Coster-Waldau reißen es, freundlich gesagt, auch nicht raus.

In zwei Sequenzen, einer am Anfang, einer am Ende, zeigen der Regisseur und sein Kameramann José Luis Alcaine (der auch Almodóvars „Schmerz und Leidenschaft“ gedreht hat) aber sehr eindrucksvoll, was sie können. Beides sind Hitchcock überhitchcockende Szenen: Die erste eine Verfolgungsjagd durchs Treppenhaus und über das Dach, in Farbkomposition, Raumaufteilung und Timing zeigt sich der Meister. Die zweite ein per Drohnenkamera gefilmtes Bombenattentat in der Stierkampfarena von Almería.

Insgesamt Geschmackssache, ob das Glas halb leer oder halb voll ist. Für die Fans ist „Domino“ aber allemal was. Ekkehard Knörer