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Inbesitznahme der Natur

15 Botanische Gärten quer durch Deutschland zeigen eine Ausstellung über historische Pflanzensammler – nicht selten haben diese ihre Funde gestohlen und geschmuggelt

Usambaraveilchen, benannt nach ihrer Herkunft, den Usambara-Bergen in Tansania Foto: B.Schlumpberger

Von Joachim Göres

Den Schotten David Douglas (1799–1834) kennen heute die wenigsten, aber sein Name ist dennoch in aller Munde: Nach ihm wurde die Douglasie benannt, der in Europa wichtigste nichtheimische Forstbaum. Mit den von ihm in Nordamerika „entdeckten“ 200 neuen Arten wurden in Großbritannien amerikanische Gärten angelegt. Das an Baumarten arme Europa profitierte so von der großen Vielfalt vor allem in Nordamerika und Ostasien und konnte die ­eigenen geplünderten Wälder mit genügsamen Sorten aufforsten.

Douglas zählt zu den bedeutendsten, aber auch unglücklichsten Pflanzensammlern: Auf seiner mehr als 11.000 Kilometer langen Tour zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Kanu wurde er mehrfach ausgeraubt, er kenterte mitsamt seinen Aufzeichnungen, erblindete auf einem Auge und starb in jungen Jahren in einer Tierfalle auf Hawaii.

In der Ausstellung „Forscher, Sammler, Pflanzenjäger“ kann man Douglas näher kennenlernen: Die Schau stellt in vielen Botanischen Gärten rund 30 wichtige Pflanzenentdecker vor. Anlass ist der 250. Geburtstag des Naturforschers Alexander von Humboldt, der fünf Jahre die spanischen Kolonien in Südamerika bereiste. Auf ihn gehen die Beschreibungen Hunderter neuer Pflanzen wie etwa der bekannten Königspalme aus der Karibik zurück. Er sandte Samen an den Botanischen Garten Berlin, wo darauf in Europa unbekannte Pflanzen wie die Wildform der Tomate aus Venezuela oder die Scharlach-Dahlie aus Mexiko blühten. Auftraggeber von Pflanzenjägern waren oft Monarchen, die mit kunstvoll angelegten Gärten voll exotischer Pflanzen ihre Macht und ihren Wohlstand demonstrieren wollten.

Ohne die Pflanzensamler würden unsere Botanischen Gärten, die Parkanlagen, aber auch der eigene Vorgarten wesentlich eintöniger aussehen. Doch den Sammlern ging es nicht nur um mehr Farbenvielfalt in europäischen Beeten, sondern auch ums Geschäft. Das zeigt etwa die Geschichte von Robert Fortune, der die nach ihm benannte chinesische Hanfpalme (Trachycarpus fortunei) nach England sandte. 1848 beauftragte ihn die Britische Ostindien-Kompanie, aus dem für Ausländer verbotenen Inland Chinas die erlesensten Teepflanzen zu beschaffen. Zehntausende Pflanzen gelangten durch Fortune nach Indien, wo die Briten in ihrer Kronkolonie mit den gestohlenen Pflanzen riesige Plantagen in Assam und Darjeeling anlegten.

Henry Wickham (1846–1928) schmuggelte dagegen 1876 Samen des Kautschukbaums aus Brasilien und begründete so die Vorherrschaft der Briten auf dem Kautschukweltmarkt. Ein mörderisches Geschäft: Von 230 um 1900 in Brasilien bestehenden indigenen Gruppen wurden 87 bis zum Jahr 1950 ausgerottet – Kautschuksammler waren daran wesentlich beteiligt.

In der Ausstellung werden die Pflanzenjäger immer zusammen mit einer von ihnen importierten und im Botanischen Garten ausgestellten Pflanze präsentiert. Das Verdienst der Schau ist es, dass durchaus kritisch auf ihre Tätigkeit geschaut wird. So wird in der üblichen Benennung der Pflanzen nach europäischen Pflanzensammlern der Eindruck erweckt, dass sie deren „Entdecker“ waren – tatsächlich nahmen sie meist die Hilfe von Einheimischen in Anspruch, die sie oft erst auf die Spur der Pflanzen brachten und ihr Wissen über sie weitergaben.

Richard Spruce (1817–1893) sorgte dafür, dass Samen und Pflanzen des Chinarindenbaums aus den Andenländern geschmuggelt wurden. Sie wurden in Asien angebaut, um da­raus das damals einzige bekannte Mittel gegen Tropenkrankheiten wie Malaria zu gewinnen, an der die Hälfte des britischen Militärpersonals in Äquatorialafrika starb. In Indien wurden die aus Chinarinde gewonnenen Präparate aber nur an britische Siedler sowie an Beamte und deren Familien gegeben, nicht aber an Einheimische.

Letztlich waren die Pflanzenjäger Teil des Kolonialsystems, bei dem es darum ging, gewaltsam neue „Schutzgebiete“ in Übersee in Besitz zu nehmen. „Das bedeutete die Nutzung, Ausbeutung und Vernichtung ihrer Ressourcen, darunter vor allem Bodenschätze, Pflanzen, Tiere und Lebensräume“, schreibt der Direktor des Botanischen Gartens Darmstadt, Stefan Schneckenburger, in dem lesenswerten Begleitkatalog zur Ausstellung. „Der profitorientierte Anbau gebietsfremder Nutzpflanzen als ‚Cash Crops‘ führte zu großflächigen Biotopzerstörungen mit gravierenden Folgen gerade auch für spätere Generationen.“

Zu sehen ist die Ausstellung „Forscher, Sammler, Pflanzenjäger“ in den Botanischen Gärten von Freiburg, Bielefeld und Bonn (jeweils bis zum 31. 8.), Magdeburg und Düsseldorf (bis 8. 9.), Erlangen (bis 22. 9.), Potsdam und Leipzig (bis 30. 9.), Bremen, Osnabrück und Münster (bis 13. 10.), Frankfurt/Main, Krefeld und Wien (31. 10.), Hannover (bis 30. 9.) sowie Darmstadt (bis Frühjahr 2020). Der zur Ausstellung erschienene Katalog „Forscher, Sammler, Pflanzenjäger. Unterwegs mit Humboldt & Co.“ umfasst 83 Seiten und wird in den Botanischen Gärten angeboten. (jg)

Eine der wenigen Frauen unter den Pflanzensammlern war Amalie Dietrich (1821–1891). Die in Sachsen geborene Forscherin heiratete den Botaniker Wilhelm Dietrich, der sie mit dem Sammeln von Pflanzen vertraut machte. Dietrich trug wesentlich zum Lebensunterhalt der Familie bei, indem sie zu Fuß auf weiten Reisen durch Deutschland und Österreich botanische Artikel an Apotheken und Botanische Gärten verkaufte.

Gleichzeitig begab sie sich unterwegs auf die Suche nach immer neuen Pflanzen. 1863 entschloss sich Dietrich dann zur großen Reise nach Australien, wo sie zehn Jahre blieb und einem Sammler immer neue Funde nach Deutschland schickte. Sie entdeckte mehr als 600 Pflanzenarten, von denen einige, etwa die Algenart Sargassum amalia oder der Sonnentau Drosera dietrichiana, nach ihr benannt sind.

„In der Vergangenheit waren Pflanzenjäger ein Teil des Problems“, sagt Michael Burkart, Kustos am Botanischen Garten Potsdam und einer der Autoren der Ausstellung. „Etliche Arten von Orchideen, Kakteen und anderen für Sammler attraktiven Pflanzen wurden in der Natur ohne Rücksicht auf das Überleben der wilden Population für gewerbliche Zwecke gesammelt.“

Heute verbietet die Konvention über die biologische Vielfalt von 1993 die unkontrollierte Ausfuhr lebender Pflanzen und Samen aus den meisten Ländern der Erde. „Das Problem besteht bei einigen Arten und Artengruppen bis in die Gegenwart“, weiß aber auch Burkart. „Wobei die heute verhältnismäßig einfache Möglichkeit des Reisens in praktisch alle Teile der Welt außerdem die Zahl der Hobbyjäger und -jägerinnen erhöht hat.“