die steile these

Deliveroo hatte keine Chance gegen das deutsche Kantinenwesen

Von Martin Reichert

Mag sein, dass, wie so oft, Karl Marx recht hatte und somit auch die kompetente Kollegin Ulrike Herrmann, die an anderer Stelle in dieser Zeitung eine glaubhafte Erklärung für die Einstellung des Lieferservices Deliveroo präsentiert hatte: Dem konkurrierenden Unter­nehmen Lieferando sei es rascher ge­lungen, ein Monopol zu bilden. Ja, längst hatte sich ­Lieferando die Konkurrenzdienste Lieferheld, pizza.de und Foodora einverleibt und konnte daher seine Kurierdienste günstiger abrechnen, weil die gemeinsam genutzte Technik nun mal billiger ist.

Doch reicht dies allein als Erklärung für eine solch überraschend frühe Sättigung des Marktes? In einem Land mit 82 Millionen Einwohnern sollte doch immer noch Platz sein für einen kleinen Teriyaki-Burger oder ein paar Dumplings mit Wildschwein, Süßkartoffel, Kumquats, Szechuanpfeffer und einer Prise Zimt. Und so also auch für den Londoner Lieferdienst Deliveroo, zu dessen Kerngeschäft die Fütterung hungriger Bürobeleg­schaften gehört. Denn wer in London lebt und arbeitet, hat in der Mittagspause die Wahl zwischen überteuerten überfüllten Restaurants und einem kargen Meal-Deal im knappen öffentlichen Raum: Finden Sie mal eine Bank oder einen Park, in dem Sie in Ruhe Ihr Sandwich und eine Tüte Chips essen können. Am ehesten wird man noch auf Friedhöfen fündig, und so liegt der Griff zum Smartphone nicht fern, um eine Essenbestellung aufzugeben. Eine Bowl hier, ein Curry dort. Junge Menschen mit strammen Waden radeln und bringen alles.

Auf dem Kontinent aber, namentlich in Deutschland, herrscht zu Mittag das Kantinenwesen. Nicht Schmalhans ist dort Küchenmeister, und eine Bowl gab es hier zu allen Zeiten. Einen Napf, in den der Linseneintopf mal gefüllt, mal geklatscht wurde, Letzteres mit besonderer Verve und Ausdauer in den nunmehr neuen Bundesländern mit ihren Schächten ähnelnden Essenausgaben, die das Gesicht der klatschenden Damen hinter einer hölzernen oder sprelacartenen Sichtschutzwand verbargen. Und Curry ja sowieso, in Begleitung von Wurst, Ketchup-Senf-Soße und Pommes.

Ja, auch das ist wahr: Schnitzel, Pommes und Currywurst gehören nach wie vor zu den Kantinenklassikern, aber um diese heiligen Säulen herum hat sich hierzulande ein komplexer Food-Court gebildet, der fast allen Bedürfnissen gerecht wird. Lieferdienste braucht es nicht, wenn Großunternehmen wie Volkswagen für die Belegschaft selbst kochen lassen und Konzerne darum ringen, wer die beste Mitarbeiterkantine vorzuweisen hat (was längst als Standortvorteil im Kampf um die besten Köpfe gilt). Doch auch ohne Festanstellung bei einem bestimmten Unternehmen findet sich in Groß- und mittleren Städten immer eine Kantine in der Nähe, die man zur Mittagszeit besuchen kann. Seien es solche von Ämtern oder solche von Firmen, die ihre Plätze auch externen Gästen zur Verfügung stellen.

Das Auf-den-Teller-Klatschen und -Knallen hat sich derweil weitestgehend erledigt. Der Gast hat die Wahl am Buffet, kann sich, wenn er will, auch eine Portion Brokkoli zur Roulade nehmen oder Pommes frites zum Tofugulasch. Es gibt mehr oder weniger gut ausgestattete Salatbars und immer häufiger „Aktionsgerichte“, die frisch vom Koch zubereitet werden, etwas teurer sind und einer längeren Wartezeit bedürfen.

Marinierter Seidentofu, in der Pfanne gebraten mit frischem Wok-Gemüse? Boeuf bourguignon mit gebratenen Champignons und Silberzwiebeln? Saltimbocca an Prosecco-Sud? Palatschinken mit Kastaniencreme? Wraps, Quinoa-Bowls und Zitronengraskaltschale?

All das bekommt man auch in der Kantine, mittags von 12 bis 14 Uhr mindestens. Zu vernünftigen Preisen zwischen 3 und 8 Euro und ohne dass sich junge Menschen unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen gefährlichem Verkehr aussetzen müssen. Und das Ganze kann man an richtigen Stühlen und Tischen genießen, umgeben von farbigen Lärmschutzstellwänden, wenn der Betriebsrat auf Zack war. Wer findet es denn wirklich schön, wenn das Mauskabel in der Misosuppe hängt und die getrocknete Zwiebel vom letzten Hotdog die FESTSTELltaste blockiert?

Ja, natürlich, nicht überall wird zartestes ­dampfgegartes Gemüse gereicht, und auf mancher Fertigsoße bildet sich mehlschwitzige Haut. Und, nein, am deutschen Kantinenwesen soll keineswegs die Welt genesen, zumal man anderswo auch zu Mittag gepflegt mindestens zwei Gänge verzehrt und dazu sogar ein kleines Glas Wein trinkt. Aber besser, als, irgendwo zwischen Büromobiliar eingeklemmt, Essen in sich reinzu­schaufeln, das, in Wegwerfgeschirr verpackt, von algorithmengesteuerten Menschen durch die Gegend gefahren werden musste, ist ein mittäglicher Besuch in der Kantine allemal. Und diese Haltung teilen so viele Menschen, dass eben kein Platz mehr für Deliveroo war.

In Trier, der Geburtsstadt von Karl Marx, ist ­Deliveroo übrigens überhaupt nie angetreten. Aber man hört, dass die Kantine im Finanzamt ganz gut sein soll. In der letzten Woche gab es zum Beispiel Hühnerbrust in Currysoße mit Pasta und Grilltomaten, Kartoffelklöße an Gemüseragout und Schwenkbraten mit Wedges. Mahlzeit!