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Zwischen Otto und Roland

Rings um Magdeburg gibt es viele schöne Radstrecken an Elbe und Saale, die zur Naherholung einladen. Sehenswert sind vor allem Barby, Calbe und das „sachsen-anhaltinische Stonehenge“ im Pömmelte

Reise durch die Zeit auf dem Elberadweg – mit Blick auf den Magdeburger Dom Foto: Jens Wolf/dpa

Von Katharina Gebauer

Unten am Ufer steht gleich der erste von vielen Bilderrahmen auf dem Elberadweg. Der Blick geht direkt auf den Magdeburger Dom, die erste von Anfang an gotisch konzipierte und die am frühesten fertiggestellte Kathedrale der Gotik auf deutschem Boden. 1363 wurde sie geweiht und ist die Grabkirche Ottos des Großen, einst sächsicher Herzog und später römisch-deutscher Kaiser. Benannt ist die „Ottostadt“ Magdeburg aber nach Otto von Guericke. Der ehemalige Bürgermeister der Stadt rekonstruierte 1663 aus Knochen das sagenumwobene Quedlinburger Einhorn – was sich 100 Jahre später aber als Stoßzahn eines Mammuts entpuppte.

Vom Hauptbahnhof aus brauche ich zehn Minuten bis zum Fluss und auf den Elbe-Radweg, Deutschlands beliebtester Fernradweg. Bei sonnigen 28 Grad geht es in Richtung Süden nach Schönebeck, durch die Ortschaften Pömmelte und Glinde nach Barby und schließlich über den Ortsteil Wespen bis nach Calbe. Die Strecke ist etwa 45 Kilometer lang und für jeden geeignet. Außer ein paar Baustellen, die gelegentlich ohne Wegweisung und mit Intuition umfahren werden müssen, klappt alles problemlos. Immer direkt an der Elbe entlang und durch die Stadtteile Buckau, Fermersleben und Westerhüsen geht es in Richtung Süden.

In Westerhüsen werden Personen, Tiere, Fahrräder und sogar landwirtschaftlich genutzte Fahrzeuge auf einer sogenannten Gierseilfähre zur Kreuzhorst auf die anderen Seite transportiert. Eine Gierseilfähre, auch fliegende Brücke genannt, kommt ohne Motor aus. Der Fährtyp nutzt mithilfe von Drahtseilen die Strömung des Flusses aus. Aufgrund des niedrigen Elbepegels durch den fehlenden Niederschlag sowohl im letzten als auch im diesjährigen Sommer fährt die Fähre allerdings derzeit nicht.

Zum Holocaust-Mahnmal in Schönebeck

Kaum raus aus der Stadt, geht es nur noch geradeaus. In etwa einer Stunde erreiche ich die rund 30.000 Einwohner große Stadt Schönebeck. Der Elberadweg führt beim Elbblick, einem kleinen Café mit – wie der Name erahnen lässt – direktem Blick auf die Elbe, in die Stadt hinein. Wegen des herben Kopfsteinpflasters erkunde ich Schönebeck zu Fuß. An der Promenade betreibt die Reederei Süßenbach das Theaterschiff „Marco Polo“. Einmal im Monat wird hier ein Stück vorgeführt, wahlweise gibt es ein Drei-Gänge-Menü dazu. Neben der nahe liegenden Schönebecker Elbbrücke schaue ich durch einen weiteren Bilderrahmen auf den Salinekanal.

An bunten Häusern vorbei fahre ich zu einer Brücke, die über den Salinekanal zum Bürgerpark Saleinsel führt, eine rund zwölf Hektar große Grünanlage. Ein Sandstrand, ein Beach­volleyballfeld und ein Grillplatz laden sowohl zur sportlichen Freizeitaktivität als auch zur Erholung in der Natur ein. Über die Brücke zurück komme ich zum Holocaust-Mahnmal von 1951 für die Opfer des Faschismus. Die Figurengruppe stammt von dem Bildhauer Richard Horn. Unmittelbar neben dem Gedenkpark befindet sich der Marktplatz mit dem Salzturm, dem Rathaus und dem Marktbrunnen.

Richtig tierisch wird es auf dem Bördehamster-Radweg

Vom malerischen hellen und weiten Platz aus kann man die „Salzblume“ sehen, die der Verein Elbufer Förderverein Schönebeck realisiert hat. Die Skulptur des dänischen Künstlers Anders Nyborg nimmt Bezug auf Schönebecks Tradition als Ort der Salzgewinnung und des Salzhandels. Die Produktion des sogenannten weißen Goldes war der wichtigste Wirtschaftszweig für Schönebeck. Im Jahr 1170 wurden in der Stadt die ersten Salzquellen entdeckt. Die Geschichte der Salzgewinnung lässt sich im Salzlandmuseum Schönebeck nachvollziehen.

Weiter geht es nach Pömmelte mit dem „Stonehenge“ Sachsen-Anhalts: Südlich von Magdeburg wurde 1991 die Kreis­grabenanlage von Pömmelte-Zackmünde aus der Luft entdeckt. Die Holz-Erde-Architektur besteht aus sieben Palisaden-Ringen sowie aus Gräben und Wällen. Scherben von Keramikgefäßen, Tierknochen, Steinbeile und Mahlsteine, dazu menschliche Skelette lassen auf eine Nutzung als Ritual-Heiligtum schließen. Die Rekonstruktion umfasst 10.000 Qua­dratmeter mit einer neun Meter hohen Aussichtsplattform und ist mit dem Elberadweg verbunden.

In Glinde entdecke ich die ­St.-Matthäi-Kirche der kleinen Elbgemeinde. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut. Zu besichtigen ist in Glinde außerdem das Lichtmessmuseum, das den Brauchtum der Glinder Lichtmess erklärt. Der Ortsteil hat eine „eigene Zeitrechnung“. Diese beginnt jedes Jahr am ersten Sonntag im Februar.

Auf der Strecke zwischen Glinde und Barby wird es tierisch: Ein umzäuntes Stück Wiese wird von Gänsen bewohnt, die aufgeregt schnatternd unter einer alten Kutsche Schutz vor der Sonne suchen. Tierisch ist auch der Radweg, der mich ab hier begleitet und zusammen mit dem Elberadweg ausgeschildert ist: Gemeint ist der Bördehamster-Radweg. Dieser ist verbunden mit dem ­Elberadweg bei Schönebeck und Barby und dem Saale-Radwanderweg bei Barby und Calbe. Beim Bördehamster handelt es sich um den Feldhamster, der in Gegenden mit Löß- und Lehmboden beheimatet ist und deshalb in der Magdeburger Börde die besten Lebensbedingungen findet.

Barby – wo die Saale in die Elbe mündet

Der Elberadweg verläuft über 994 Kilometer durch Tschechien und Deutschland. Durch Sachsen-Anhalt führen etwa 330 Kilometer.

Der Saale-Radweg führt über 403 Kilometer an der Saale von der Quelle am Großen Waldstein bis zur Mündung in die Elbe bei Barby. Die Route geht neben Sachsen-Anhalt durch Thüringen und Bayern.

Nützliche Hinweise und Adressen entlang der Route gibt das Elberadweg-Handbuch 2019 her. Der aktuelle Wegweiser enthält Informationen über touristische Ziele, Restaurants, Cafés und radlerfreundliche Unterkünfte. Erhältlich in allen Touristenbüros entlang der Elbe.

Das Steinzeitmonument Pömmelte liegt an der Pfännerstraße 41 in Schönebeck: www.ringheiligtum-poemmelte.de.

Mitten in Sachsen-Anhalt, wo die Saale in die Elbe mündet, liegt die 8.500-Einwohner-­Altstadt von Barby mit Stadtmauer und Türmen, einigen Mühlen und mehreren großen Kirchen. Hier gibt es eine Vielzahl weiterer Radwege, die auf den Elberadweg münden. Die EL-SA-Tour führt etwa durch das Elbe-Saale-Gebiet. Hier fährt man durch das Biosphärenreservat „Mittlere Elbe“ wie den Lödderitzer Forst. Leider wird dort momentan ein neuer Deich gebaut, sodass man sich auf der Landesstraße als Umleitung wiederfindet. Die Drei-Fähren-Route führt ebenfalls über die Elbe und Saale nach Barby. Der Rundweg nutzt vorhandene ausgewiesene Radwege an Elbe und Saale.

Der Saale-Radweg folgt über etwa 175 Kilometer dem Verlauf der Saale mit der einen oder anderen Steigung. Ein Großteil des Weges über Wespen bis nach Calbe durch endlose Felder sind asphaltiert und gut beschildert. Im Kleinod Wespen ist die Schrotholzkirche zu bestaunen, mehr aber auch nicht.

Ich erreiche mein Ziel Calbe, die Rolandstadt am Saalebogen. Im Mittelalter wurden die Ritterfiguren in vielen Orten als Zeichen bürgerlicher Freiheiten und der Stadtrechte aufgestellt, so auch in Calbe. Am Bahnhof Calbe-Ost befindet sich die nächstgelegene Verbindung mit der Regionalbahn zurück nach Magdeburg. Ich habe nach etwas mehr als fünf Stunden deutlich Farbe bekommen und bin froh, dass es erst am Abend heftig abschüttet.