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Das Alte für die Nachwelt bewahren

Die Anforderungen an Restauratoren sind hoch – immer weniger Interessenten bewerben sich um einen Studienplatz. Am besten ist die Stimmung in Schleswig-Holstein. Besonders in den Kirchen gibt es viel zu tun, doch wer auch konzeptionell tätig sein will, benötigt einen Master-Abschluss

Wenn die Kirche zur Werkstadt wird, sind meistens Restauratoren am Werk Foto: Arne Dedert/dpa

Von Joachim Göres

2018 war Henrik Seidel sechs Monate in Dresden als Restaurator tätig, in diesem Jahr hat er Kirchen in Ostfriesland überprüft und Altäre in Kirchen in Burgdorf bei Hannover ausgebessert. „Das sind so kleine Sachen, reinigen, konservieren, retuschieren“, sagt der 43-Jährige, dessen Atelier sich in Uetze bei Hannover befindet. Auf seiner Referenzliste finden sich das Neue Palais Potsdam, der Wiener Zentralfriedhof, die Städtischen Museen Braunschweig und der Zwickauer Dom. „Als Restaurator bist du viel unterwegs. Das muss man wissen, wenn man in diesem Beruf als Selbstständiger arbeiten will.“

Seidel hat an der Fachhochschule Erfurt am Fachbereich Konservierung und Restaurierung studiert und sein Studium 2001 als Diplom-Restaurator abgeschlossen. Danach hat er an der Uni Bamberg noch das Masterstudium Denkmalpflege erfolgreich absolviert und sich für die Selbstständigkeit entschieden. „In Museen etwas zu finden, ist schwierig, oft gibt es nur halbe und befristete Stellen“, erklärt er seinen Entschluss, den er nicht bereut hat: „So bin ich mein eigener Herr.“

Seidel bietet unter anderem die Restaurierung von Skulpturen, Gemälden und Wandmalereien an, sein Spezialgebiet sind Holzschnitzereien sowie die Ergänzung und Rekonstruktion fehlender Skulpturenteile und Ornamentik. Sein Hauptauftraggeber ist die evangelische Kirche. „Man darf bei seinen Angeboten nicht zu teuer, aber auch nicht zu billig sein. Ich komme finanziell gut zurecht, wobei hilfreich ist, dass meine Frau auch verdient. Je länger man dabei ist, umso bekannter wird man und die Nachfrage wächst“, sagt Seidel. Größere Aufträge übernimmt er zusammen mit anderen Freiberuflern. Zwischendurch gibt es auch mal Auftragsflauten: „Im Winter darf es in der Kirche nicht unter vier Grad sein, sonst kann man dort nicht arbeiten.“

Der Verband der Restauratoren (VDR) hat eine Umfrage unter seinen rund 3.000 Mitgliedern aus Anlass des Europäischen Kulturerbejahres 2018 zur Ausbildungs- und Berufssituation der Restauratoren durchgeführt, an der 779 Personen teilnahmen. Von ihnen haben 95 Prozent einen akademischen Abschluss, 15 Prozent zudem eine Handwerkerausbildung. Zwei Drittel fühlen sich durch das Studium ausreichend auf das Berufsleben vorbereitet. Ein Drittel spricht von guten beziehungsweise sehr guten finanziellen Bedingungen, jeder Fünfte beklagt, dass man von seiner Arbeit den Lebensunterhalt nur ungenügend oder gar nicht bestreiten könne.

Die Arbeitszufriedenheit wurde mit Schulnoten bewertet. Dabei wird die Wertschätzung durch die Kunden und die eigene praktische konservatorisch-restauratorische Tätigkeit am besten benotet (je 2,5), am schlechtesten schneidet die Bezahlung ab (3,5). Die Mehrheit der Mitglieder arbeitet selbstständig. Die Hälfte von ihnen kalkuliert mit einem Stundensatz zwischen 40 und 50 Euro, mit zunehmendem Alter wird mehr Geld verlangt. Restauratoren für moderne Kunst und Grafik verdienen am besten, Restauratoren in der Archäologie am schlechtesten. Das durchschnittliche Jahreseinkommen vor Steuern liegt bei 28.000 Euro.

Die Frage „Würden Sie aktuell pauschal einem Berufsanfänger zu einem Studium der Restaurierung raten?“ beantworten bundesweit 43 Prozent positiv (ja und eher ja) und 49 Prozent negativ (nein und eher nein). Dabei gibt es regionale Unterschiede: Restauratoren aus Schleswig-Holstein äußern sich deutlich positiver (ja und eher ja: 56 Prozent) als Restauratoren aus Hamburg und Bremen (je 48 Prozent) sowie aus Niedersachsen (41 Prozent). Dazu passt die Einschätzung der Arbeitsmarktsituation: „Es gibt zu viele Restauratoren in meinem lokalen Umfeld“ – diese Aussage unterstützen in Niedersachsen 59 Prozent, in Hamburg und Bremen jeweils 42 Prozent, in Schleswig-Holstein dagegen nur 26 Prozent.

„Für unseren Verband ist der Masterabschluss für die Qualifikation zum Restaurator nötig. Die meisten Studierenden machen den Master, aber die Verlockung ist groß, bereits nach dem Bachelor Geld zu verdienen. Dann bleibt man aber nur Erfüllungsgehilfe und entwickelt keine Konzeptionen für die Lösung restauratorischer Probleme“, sagt VDR-Präsident Jan Raue. Er spricht von neuen Berufsfeldern für Restauratoren und ist für die Zukunft vorsichtig optimistisch. „Die Ingenieurkammer Brandenburg ist bundesweit die erste, die Restauratoren als Mitglieder aufnimmt, wodurch auch der Zugang ins Versorgungswerk möglich ist.“

Dies sei ein Weg raus aus der Prekarisierung des Berufs. Außerdem würden Restauratoren zunehmend Tätigkeiten übernehmen, die bislang Architekten und Denkmalpflegern vorbehalten waren. Nötig sei der bessere Schutz der Berufsbezeichnung – in den meisten Bundesländern könne sich jedermann Restaurator nennen.

Zudem beklagt der VDR nachlassendes Interesse an dem drei bis sechs Jahre dauernden Studium. Kamen in den 80er-Jahren auf einen Studienplatz elf Bewerber, so sind es heute drei. Teilweise bleiben Plätze wegen fehlender Eignung unbesetzt – an den meisten Hochschulen muss ein einjähriges Vorpraktikum nachgewiesen und die Aufnahmeprüfung bestanden werden. An der Fachhochschule Erfurt wurde mangels Interesse im Fachbereich Konservierung und Restaurierung der Bachelorstudiengang zum Wintersemester 2018/19 aufgegeben.

„Wir haben zuletzt 17 Studierende aufgenommen, die doppelte Zahl der Plätze steht zur Verfügung“, sagt Gerhard D’ham, Leiter der Restaurierungswerkstatt für Stein/Keramik an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Dort können sich Studierende – zu 90 Prozent Frauen – auf eine oder zwei der insgesamt fünf Studienrichtungen spezialisieren: gefasste Holz­objekte und Gemälde, Möbel und Holzobjekte, Stein und Keramik, Wandmalerei und Architekturoberfläche sowie Schriftgut, Buch und Grafik.

„Restauratoren sind viel unterwegs. Das muss man wissen“

Henrik Seidel, Restaurator

Die Ausbildung erfolgt an historischen Objekten, dabei geht es um die Untersuchung, Zieldefinition für die Erhaltung, Konzeptfindung, Durchführung von Maßnahmen unter Anleitung sowie die Dokumentation. Außerdem werden Grundlagen der Chemie, Physik und Mikrobiologie gelehrt, um die Prozesse bei der altersbedingten Veränderung von Materialien zu verstehen. Die Vermittlung von Grundlagen der Kunstgeschichte, Ethik und Geschichte der Restaurierung soll ein Verständnis für die Bedeutung von historischen Zeugnissen von Kunst und Kultur schaffen. „Ein Mindestmaß an Beobachtungsgabe und künstlerischer Sensibilität muss vorhanden sein“, sagt D’ham.

„Früher wurden im Studium die Ergebnisse von Restaurierungen viel stärker diskutiert und mehr Wert auf die Sehschulung gelegt, das fehlt heute leider. Dafür geht es zu sehr um die Dokumentation“, kritisiert Ruth Keller, Professorin am Studiengang Konservierung und Restaurierung/Grabungstechnik der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. „Bei uns in Dresden wird viel Wert auf die Vermittlung künstlerischer Techniken gelegt. Darüber freuen wir Studierende uns am meisten“, sagt Anneke Horstmann, Studentin am Studiengang Kunsttechnologie, Konservierung und Restaurierung an der Hochschule für bildende Künste Dresden.

Zu weiteren Studienorten gehören die Staatliche Akademie der bildenden Künste Stuttgart, die TH Köln, die TU München sowie die Uni Mainz, die mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz ein duales Studium zum Restaurator für archäologische Objekte anbietet.

Reich kann man nicht werden, die Anforderungen sind hoch – was macht also den Reiz dieses Berufes aus? Seidel: „Die Arbeit ist so vielseitig und meistens auch entspannt. Ich möchte nicht tauschen.“