american pie

Neue Machtfülle

In der NBA bestimmen plötzlich die Superstars die Transferpolitik – wie zum Beispiel Kawhi Leonard, der aus Toronto zu den L.A. Clippers wechselt

Man weiß nicht, ob Kawhi Leonard eine Schwäche für Lapdance hat. Man weiß eh nicht viel über ihn. Er ist der wohl stillste Star, den die Sportwelt je gesehen hat. Aber sollte der Basketballer wider Erwarten eine Vorliebe für Stripclubs haben, dann sollte er beim nächsten Besuch in Kanada nicht das Zanzibar aufsuchen. Über dem Eingang der Bar ist seit dem Wochenende in großen Lettern zu lesen: „No more lapdances for Kawhi.“

Nachdem Leonard die Toronto Raptors Mitte Juni zum NBA-Titel geführt hatte, stellte das Zanzibar ihm und dem Rest des Teams kostenlosen Lapdance bis zum Lebensende in Aussicht. Dass der Stripclub das Angebot nun zurückzog, ist einer von vielen Kollateralschäden von Leonards Entscheidung, zu den Los Angeles Clippers zu wechseln. Eine Entscheidung, die nicht nur den kanadischen Premierminister Justin Trudeau zu einem sentimentalen Tweet anregte, sondern die ganze NBA erschütterte. Die Rede ist nun von einer historischen Entscheidung. Von einem Paradigmenwechsel, einer neuen Ära in der NBA. Und die New York Times fragt: „Sind Kawhi Leonard, Kevin Durant und LeBron James zu mächtig?“

Und tatsächlich: Was wir gerade in der NBA beobachten, ist die endgültige Manifestation eines Machtwechsels. Die Zeiten, als Teambesitzer und Agenten entschieden, welcher Spieler wo zu spielen hat, und nur wenige, altgediente Profis ein Vetorecht gegen einen Verkauf besaßen, sind vorbei. Im komplizierten System aus Draft, Gehaltsobergrenzen und unzähligen Vorschriften, die eine größtmögliche sportliche und finanzielle Chancengleichheit erzeugen sollen, haben neuerdings die Spieler – zumindest die etablierten Stars – den größten Einfluss auf ihre Zukunft. Verträge sind nicht mehr viel wert, wenn das Aushängeschild des Klubs unzufrieden ist. Und Klubbesitzer, die sonst gern mal eine ganze Stadt erpressen, wenn sie ein neues Stadion auf Steuerzahlerkosten wollen, müssen akzeptieren, dass sie nicht mehr am längeren Hebel sitzen.

Neu ist auch, dass sich die Spieler längst nicht mehr nur vom Geld leiten lassen. Immer öfter entscheiden sie nach sportlichen Perspektiven oder Standortvorteilen – wie Leonard, der unbedingt zurück ins südliche Kalifornien wollte, wo er aufgewachsen ist. In anderen US-Profiligen wie der NFL, NHL oder im Baseball sind die rechtlichen Rahmenbedingungen zwar andere, die Profis noch nicht so weit, aber in der NBA sind die Bedingungen nun zumindest vergleichbar mit denen im Profifußball seit dem Bosman-Urteil.

Diese Zeitenwende eingeleitet hat LeBron James, als er vor neun Jahren nach Miami ging, um dort mit seinen Kumpels Chris Bosh und Dwayne Wade ein Superteam zu formen. Bis dahin war es undenkbar, dass sich Spieler untereinander absprachen und ihren Willen durchsetzten. Nun telefoniert ausgerechnet jemand wie der als extrem verschlossen geltende Leonard, der die sozialen Medien boykottiert, so lange mit Berufskollegen, bis er jemanden überzeugen kann, mit ihm zusammen ausgerechnet die Jahrzehnte als Lachnummer der Liga verschrieenen Clippers zu verstärken. Kevin Durant zu überzeugen, war Leonard noch misslungen, der ging lieber zusammen mit Kyrie Irving zu den Brooklyn Nets, um dort die neue Macht im Osten zu bilden. Aber bei Paul George war er dann erfolgreich, obwohl der erst vor zwölf Monaten bei Oklahoma City Thunder einen hochdotierten Vier-Jahres-Vertrag unterschrieben hat.

Die neue Macht der Profis hat dazu geführt, was den Teambesitzern und der Liga mit ihrem hochkomplexen Regelwerk nicht gelungen war: Ausgeglichenheit. Indem Leonard die Avancen von LeBron James ablehnte, mit ihm bei den L.A. Lakers ein neues Superstar-Trio zu bilden, hat er dafür gesorgt, dass die NBA so unvorhersehbar ist wie lange nicht mehr. Thomas Winkler