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Spielen am Rand

Christian Wolffs Leben bündelt einiges an Migrations-, Geistes- und Musikgeschichte. Geboren ist er 1934 in Nizza. Sein Vater war der berühmte deutsche Verleger Kurt Wolff, der schon früh Schriftsteller wie Franz Kafka veröffentlichte. Aufgewachsen ist Christian Wolff dann in New York, wohin die Wolffs 1940 vor der Verfolgung durch die Nazis geflohen waren. Dort gründete Kurt Wolff 1942 mit seiner zweiten Frau Helen den Verlag Pantheon Books.

Der Sohn Christian lernte als 16-Jähriger seinerseits John Cage kennen, bei dem er Kompositionsunterricht erhielt. Wolff gelangte so in den Kreis der New York School, zu der neben Cage auch die Komponisten Morton Feldman und Earle Brown gehörten. Aus dieser Gruppe ist er heute als Letzter noch am Leben. Mit Deutschland schließlich verbindet ihn unter anderem die Akademie der Künste in Berlin. Dort ist Wolff seit 20 Jahren Mitglied.

Als Komponist ist Wolff weitgehend Autodidakt. Eine Nähe zu Cage und Feldman ist in seiner Musik durchaus zu erkennen. So arbeitet er wie Cage mit vielen Pausen, lässt den Interpreten einiges an Freiraum beim Gestalten und bevorzugt eine stille, ruhige Tonsprache, die sich oft aus kleinen Einheiten zusammensetzt, ähnlich wie bei Feldman.

Der britische Pianist Philip Thomas stellt unter dem Titel „Preludes, Variations, Studies and Incidental Music“ jetzt eine umfangreiche Auswahl der Klaviermusik Wolffs vor. Dazu gehören Variationen, die vom französischen Exzentriker Erik Satie inspiriert sind, andere haben ganz klassisch den Titel „Prelude“, und eine Variation führt gar den Beatles-Song „Eight Days A Week“ im Titel.

Der schönste Werktitel ist aber immer noch „Incidental Music“, zu Deutsch „nebensächliche Musik“, eine Sammlung von 100 kurzen Skizzen, die als Grundlage zur Improvisation dienen und für eine Veranstaltung zum Gedenken an den Choreografen Merce Cunningham geschrieben sind.

Wolffs Stücke wirken in ihrem offen-luftigen Satz insgesamt oft wie Skizzen, haben zugleich aber etwas hochgradig Verdichtetes und auf moderne Weise Klassisches. Die Provokation besteht bei ihm allenfalls im Understatement. Philip Thomas bringt das in seinen Einspielungen wunderbar zart und präzise auf den Punkt.

Tim Caspar Boehme

Christian Wolff: „Preludes, Variations, Studies and Incidental Music“ (Sub Rosa)