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Süßer Abgang im Anmarsch

Nach langem Hickhack hat Stevia eine EU-Zulassung, aber noch ist die Nachfrage nach der kalorienfreien Süße mau. Unternehmen aus Bremen und Hannover wollen das ändern

Eher unscheinbar, aber soo süß: Stevia rebaudiana hat ihr Potenzial noch längst nicht ausgereizt, finden ein Ex-Kapitän in Bremen und ein Bio-Start-up in Hannover Foto: S. Sound- arapandian/Wikimedia Commons

Von Teresa Wolny

Manchmal braucht es ein Gegenbeispiel, um etwas eigentlich Offensichtliches zu erkennen. So wie bei Zucker und Stevia. Dass Zucker nicht einfach nur süß ist, sondern auch einen distinktiven Geschmack hat, kann man daran erkennen, dass Stevia in der Regel nicht nur viel süßer ist, sondern auch anders schmeckt. Und vor allem länger. Bei Schokolade oder Fruchtaufstrichen etwa ist der Unterschied am größten im intensiv-süßen Abgang.

Stevia rebaudiana heißt die Pflanze offiziell. Getrocknet sehen die Blätter ähnlich aus wie Minze. Im Jahr 1887 wurde sie erstmals vom Schweizer Botaniker Moises Bertoni beschrieben. Bereits die indigene Bevölkerung im heutigen Paraguay kannte die süßende Wirkung der Blätter und schon im Jahr 1900 isolierte der Paraguayer Chemiker Ovidio Rebaudi die süßenden Inhaltsstoffe.

Auch heute enthalten fast alle Produkte, die mit Stevia deklariert sind, nicht die Blätter selbst, sondern die daraus hergestellten Steviolglykoside. „Man muss spezifizieren, wovon man spricht“, sagt Nadine Grewe, Geschäftsführerin der Firma „Organic Stevia“ aus Hannover, die ihre Pflanzen in Bio-Qualität in Andalusien anbaut. Steviolglykosid ist einer von mehreren Süßstoffen, die in der Pflanze enthalten sind, erklärt sie.

Nach der Extraktion des Süßstoffs gilt er wie die getrockneten oder zu Pulver zerstoßenen Blätter als „Süßungsmittel pflanzlichen Ursprungs“. Die Süßkraft von Steviolglykosid kann bis zu 350-mal die von Zucker überschreiten, teilweise ist von 450-facher Süße die Rede. Weil das beim Backen kompliziert sein kann, bieten viele Firmen eine sogenannte Streusüße mit Stevia an, die eins zu eins wie Zucker verwendet wird. Dass Stevia keinen Einfluss auf den Insulinspiegel hat, bezeichnet Grewe als besondere Stärke, zumal für Diabetiker*innen. Man müsse jedoch bedenken, dass Stevia bei Unterzuckerung nichts nütze. „Grundsätzlich ist es aber ein gut geeigneter Ersatz für Zucker.“

Deutschland und die EU sind im internationalen Vergleich eher Nachzügler. Im Jahr 2000 wurde eine Zulassung des Süßungsmittels von der EU wegen unzureichender Studienlage noch abgewiesen. Seit 2011 ist Stevia aber als Lebensmittelzusatzstoff E 960 zugelassen. Bestimmte Produktgruppen wie Getränke oder Backwaren dürfen in der EU jedoch weiterhin nicht zu 100 Prozent mit Stevia gesüßt sein. Auch deshalb fühlten sich viele Verbraucher*innen verständlicherweise veräppelt, wenn ein Produkt neben Stevia weiterhin auch Zucker enthalte, sagt Grewe. Als Grund für die Einschränkung sieht sie auch den 2011 von der Europäischen Lebensmittelbehörde (Efsa) festgelegten Höchstwert von täglich vier Milligramm pro ein Kilo Körpergewicht. Dieser sogenannte ADI, eine Abkürzung für „accepted daily intake“ sei bei Stevia wegen der starken Süßkraft jedoch sehr gering. „Man kann gar nicht so viel an Steviolglykosiden zu sich nehmen, um in die Nähe zu kommen.“

Das Vorurteil, dass Stevia bitter schmecke, habe in der Regel zwei Ursachen: entweder eine falsche und zu hohe Dosierung, wenn die Süßkraft unterschätzt wird, oder eine niedrige Qualität. „In der EU ist eine Reinheit von mindestens 95 Prozent gefordert, im Internet findet man aber auch unreinere Produkte.“ Stevia sei noch ein Nischenprodukt, trotzdem hält Grewe es definitiv für das Süßungsmittel der Zukunft. Zu einem Durchbruch könnte die Aufhebung der Einschränkung für Backwaren und Getränke führen.

In Japan wird Stevia seit den 1950ern angebaut. Etwa 40 Prozent der Süßwaren werden dort bereits damit gesüßt. Ein weiterer großer Produktionsstandort ist China. Der Bremer Hermann Schepers lernte die Pflanze 2007 in ihrer südamerikanischen Heimat kennen. Beim Frühstück sei flüssiges Stevia-Extrakt zum Süßen des Orangensafts verwendet worden, erzählt er. Er sei fasziniert davon gewesen, dass das Süßungsmittel weder nennenswerte Kalorien hat noch die Zähne angreift. Seit mittlerweile zehn Jahren erzeugt, entwickelt und vertreibt Schepers Steviaprodukte, ein echter Pionier. Der Name seiner Firma, „Stevialine“, gibt dabei einen dezenten Hinweis auf sein früheres Berufsleben: Er war mal jüngster Kapitän Deutschlands. Von Südamerika führte ihn sein Weg über China nach Bremen.

Besonders stolz ist Schepers derzeit auf die neue Vollmilchschokolade – „Zauberschokolade“ steht auf der Verpackung. „Die erste zuckerfreie Kinderschokolade weltweit“, so Schepers. Der Onlineshop, Migfo.de, wachse, dennoch würde er seine Produkte gerne in noch mehr Supermarktregalen sehen. Oft seien es die Kund*innen gewesen, die einzelne Märkte überzeugt hätten, die Produkte ins Sortiment zu nehmen. Den Hauptumsatz macht Schepers, der in Bremen sieben Mitarbeiter*innen hat, durch das über die Jahre erworbene Stevia-Know-How auf dem internationalen Markt.

Die Pflanzen für die derzeit 25 Produkte des Onlineshops wachsen in Spanien, verarbeitet wird in Deutschland. „Made in Europe“, das sei ihm wichtig. „Man kann Stevia auch auf dem eigenen Balkon anbauen, allerdings ist die süßende Wirkung hier geringer.“ Die Pflanzen seien sehr robust, bräuchten wenig Wasser und kaum Dünger. Dass Stevia das führende Süßungsmittel weltweit werden kann, steht für ihn fest. Auch wenn es in Deutschland länger dauert, ist er sich sicher, dass seine Kinderschokolade ohne Zuckerzusätze noch mehr Durchschlagskraft erreicht: „Es geht vorwärts“, so Schepers.