Jan Feddersen zum Urteil über die Leichtathletin Caster Semenya

Widernatürlicher Richterspruch

Gut ließe sich das nun ergangene Urteil zulasten der südafrikanischen Leichtathletin Caster Semenya als ausgewogen interpretieren. Weil die mehrfache Olympiasiegerin über die Mittelstrecken ihrer Konkurrenz mutmaßlich wegen ihrer hohen Testosteronwerte überlegen war, ist sie nun vor dem Internationalen Sportgericht CAS mit ihrem Ansinnen gescheitert, sich nicht medikamentös-hormonell behandeln zu lassen, um das Niveau ihres biologischen Hormonspiegels auf das bei ihren Konkurrentinnen zu bringen.

So würde sie, Expert:innen zufolge, langsamer werden – und ihre Rivalinnen bekämen auch eine Chance, mal vor ihr ins Ziel zu laufen. Aber selbst wenn es stimmen würde, dass die Überlegenheit des südafrikanischen Idols nicht allein auf Trainingsfleiß, sondern auf hormonellen Werten jenseits der statistisch ermittelten Normen beruht: Dann wäre das Urteil immer noch falsch, besser: es wäre nur scheinbar gerecht.

In jeder Sportart haben die jeweiligen Spitzenkönner:innen körperliche Vorteile im Grundsätzlichen. Kein genetisch zum Schwergewicht codierter Mensch wird sich je realistisch den Wunsch erfüllen können, etwa im Kunstturnen olympisch zu reüssieren – oder im Eiskunstlaufen. Beide Disziplinen haben Körper von eher sehr schmalem und kurzem Wuchs zur Voraussetzung; kein:e Biathlet:in kann werden, wer in der Leichtathletik zum Diskuswerfen prädestiniert wäre. Und niemand mit graziler Federgewichts­figur kann ernsthaft hoffen, olympische Ambitionen im Hammerwerfen zu realisieren.

Ein Usain Bolt wäre niemals mit Handicaps chemischer Art versehen worden, weil seine Beine länger und muskulärer ausfielen als die seiner Laufkolleg:innen. Caster Semenyas Überlegenheit in ihren Disziplinen weckte Misstrauen, weil sie äußerlich eher robust wirkt, nicht jedenfalls das klassische Bild einer Frau abgibt, die demnächst auf Catwalks als Prinzessin modeln wird. Ihr ist nun eine chemische Prozedur auferlegt, die ihr körperliche Vorteile nimmt. Das ist gemein. Und schamlos ungerecht.