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Basketball als Ballett

Dank des überragenden und vielseitigen Griechen Giannis Antetokounmpo benötigen die Milwaukee Bucks nur noch einen Sieg fürs NBA-Halbfinale

Zum ersten Mal an diesem Abend war Giannis Anteto­kounmpo um eine Antwort verlegen. Als der Star der Milwaukee Bucks nach dem Spiel gefragt wurde, was er den Boston Celtics empfehlen würde, wie man ihn am besten verteidigen sollte, kratzte er sich am Kopf, schüttelte ihn und sagte: „Ich weiß es wirklich nicht.“

Tatsächlich hatte der Grieche zuvor die Abwehr der Celtics mit einer Variation an Pirouetten, Drehungen und Wendungen, Tempo- und Richtungswechseln lächerlich gemacht. Basketball als Ballett. Am Ende standen 39 Punkte mit einer unwirklichen Trefferquote von 68 Prozent zu Buche, dazu 16 Rebounds und vier Vorlagen. Und vor allem der 113:101-Sieg, mit dem Milwaukee nur noch ein Erfolg fehlt, um die Best-of-seven-Serie zu gewinnen. An diesem Mittwoch können die Bucks ins NBA-Halbfinale einziehen.

Es sind solche Auftritte, die Antetokounmpo den Spitznamen „The Greek Freak“ beschert haben. Er ist, wie das Fachblatt Sports Illustrated unlängst diagnostizierte, ein „Einhorn“, ein nie vorher gesehenes Wesen, ein „transformative athlete“ in einer Reihe mit Spielern wie Wilt Chamberlain, Magic Johnson, Dirk Nowitzki und Stephen Curry – Profis, die die Art und Weise, wie Basketball in der NBA gespielt wird, fundamental veränderten.

Mit Nowitzki verbindet Antetokounmpo, dass beide spät zum Basketball kamen, der Deutsche mit 13 Jahren, der Grieche mit 12. In ihren Heimatländern spielten beide nur in der zweiten Liga, bevor sie von ihren NBA-Klubs im Draft ausgewählt wurden. Aber hier enden die Ähnlichkeiten. Während Nowitzki eine behütetete Kindheit in Würzburg verbrachte, kamen Antetokounmpos Eltern 1991 als Flüchtlinge aus Nigeria nach Griechenland, brachten sich und ihre vier Söhne mit dem Straßenverkauf von Handtaschen über die Runden und mussten ständig befürchten abgeschoben zu werden. Nun verdient der Zweitälteste knapp 26 Millionen Dollar im Jahr, und das ist noch ein Schnäppchen – 28 NBA-Profis bekommen mehr in dieser Saison.

Der 2,11 Meter große Antetokounmpo wird nicht umsonst „Greek Freak“ genannt: Der Oberkörper eines Bodybuilders sitzt auf einer schmalen Hüfte und geradezu dünnen, beweglichen Beinen. Seine Hände sind riesig, seine Armspanne misst mehr als seine Körpergröße. Niemand ist so kräftig und groß, gleichzeitig so beweglich und besitzt auch noch außergewöhnliches Ballgefühl. Mit dieser einmaligen Physis kann Antetokounmpo jede Position spielen, vom Center bis zum Aufbauspieler – und tut das bei den Bucks auch.

Favorit für den Titeldes wertvollsten Spielers

Nach sechs Jahren in der NBA hat Antetokounmpo gelernt, seine körperlichen Voraussetzungen in den Dienst des Teamerfolgs zu stellen, und Milwaukee zu den meisten Siegen in der regulären Saison geführt. Sein Trainingseifer ist schon jetzt legendär, stets versucht er von den Besten zu lernen, holt sich Rat von Legenden wie Kobe Bryant oder Hakeem Olajuwon. Nur an seinem Sprungwurf muss der erst 24-Jährige noch arbeiten: Aktuell versenkt er gerade mal ein Viertel seiner Dreierversuche.

Antetokounmpo ist eines der Gesichter der NBA geworden. Bei der Wahl zum Allstar-Team bekam nur LeBron James mehr Stimmen von den Fans. Unter den Experten streitet man sich indes, ob Gian­nis, wie er in Amerika genannt wird, nicht bereits als der weltweit beste Basketballspieler bezeichnet werden kann. LeBron James hat nicht nur mit seinen L.A. Lakers die Playoffs verpasst, er muss dem Alter Tribut zollen, vor allem in der Verteidigung. Ein anderer Vergleich beschäftigt deshalb die Fachleute: Ist Kevin Durant vom Meister Golden State Warriors der beste Akteur im immer noch besten Team? Oder doch Giannis?

Auf jeden Fall gilt der Grieche als Favorit für den Titel des MVP, des „Wertvollsten Spielers“ der Saison. Da hat Durant schlechtere Karten, weil er in Oakland neben drei weiteren Allstars auf dem Parkett steht. Sollten die Warriors ohne Durant antreten, wären sie immer noch Titelfavorit. Bei den Bucks liegt die Last deutlicher auf Antetokounmpo.

Die Frage, wer der beste Basketballer des Planeten ist, könnte bald entschieden werden. Im Finale kommt es möglicherweise zum Aufeinandertreffen der Warriors und Bucks, also von Durant und Anteto­kounmpo. Thomas Winkler