tazūüźĺsachen

Lesen und lesen lassen

Als ich eines Tages einen handgeschriebenen Zettel im Postkasten finde, ahne ich Schlimmes. Bestimmt stört eine*n Nachbar*in etwas, was ich oder mein Hund machen und nun will man sich anonym beschweren.

Aber nein. Die Nachbarin aus dem Erdgeschoss ‚Äď eine Rentnerin ‚Äď schreibt mir, dass sie den Zeitungsverteiler morgens gesehen habe, der die taz bei mir eingeworfen habe. Da ich die taz ja auch √∂fters f√ľr die Nachbar*innen hinlege morgens vor der Arbeit, bitte sie mich nun, ob ich ihr diese nicht, sofern ich sie nicht selber lese, in den Postkasten legen k√∂nne. Sie selbst sei taz-Leser*in, ein Abo k√∂nne sie sich allerdings von ihrer kleinen Rente nicht leisten. Ihr Postkasten ist direkt neben meinem, und so packe ich seither fast t√§glich meine Mitarbeiter*innen-taz einen Schlitz weiter nach links.

Seitdem habe ich mindestens einmal die Woche Schokolade im Postkasten und oft auch kleine nette Zettelchen von der ‚Äědankbaren taz-Leserin‚Äú. Die Schokolade nehme ich meist mit in die taz und lege sie den Kolleg*innen als √úberraschung auf deren Tische oder packe sie mit auf unseren Tresen zu den diversen Naschereien. So tut in einer Kette von Ereignissen der eine dem anderen etwas Gutes und alle freuen sich √ľber eine kleine Nettigkeit des anderen. Schokolade macht bekannterma√üen gl√ľcklich. Das nenne ich gelebte Nachbarschaft und Kollegialit√§t in der und durch die taz.

Was wir machen, wenn es irgendwann keine t√§gliche Print-taz mehr gibt, wei√ü ich noch nicht. Im Zweifel w√ľrde ich der lieben Nachbarin aber auch meinen WLAN-Schl√ľssel geben. Desiree Fischbach