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Kahlschlag im Darm

Vor allem die Gabe von Antibiotika zerstört einen Großteil der nützlichen Bakterien im Darm

Antibiotika schädigen die Abwehrkräfte des Darms und begünstigen die Ausbreitung potenzieller Krankheitserreger. Laut dem Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) ebnen sie Infektionen, Übergewicht, Diabetes sowie entzündlichen und neurologischen Erkrankungen den Weg. Harald Matthes, Ärztlicher Leiter und Geschäftsführer am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, beklagt, dass „in der konventionellen Medizin viel zu häufig ein Antibiotikum gegeben wird, obwohl es dafür keine Indikation auch nach den Leitlinien gibt“. Was häufig von Patienten verwechselt wird: Antibiotika wirken nur gegen bakterielle Infekte. Die Indikation einer antibiotischen Therapie ist also nur bei bakteriell verursachten Infektionen gegeben, nicht bei viralen.

In Deutschland werden beispielsweise die Infekte der oberen Luftwege – Nasennebenhöhlen-, Mandel- und Mittelohrentzündung – in 40 bis 60 Prozent der Fälle mit einem Antibiotikum behandelt, obwohl dies nur in 4 bis 8 Prozent der Fälle notwendig ist. „In einer Versorgungsstudie bei anthroposophischen Ärzten konnte gezeigt werden, dass anthroposophische Ärzte (Hausärzte, Internisten und Kinderärzte) bei diesen Diagnosen in nur 6,3 Prozent der Fälle eine antibiotische Therapie vornehmen“, sagt Matthes. Problematisch ist nicht nur, dass eine Antibio­se die Entstehung von Resistenzen fördert. Eine Studie, an dem auch das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin beteiligt war, zeigte, dass sich das Mikrobiom zwar ein halbes Jahr später erholt hatte, einige empfindliche Bakterienarten jedoch dauerhaft verschwunden blieben. Ist eine Antibiose unvermeidlich, tritt aufgrund der Störung der Mikrobiota des Darms häufig eine Durchfallstörung auf, die in Schwere und Frequenz laut Matthes mit gleichzeitiger Gabe eines Probiotikums deutlich reduziert werden kann. Vor einem ganzheitlichen Hintergrund ist es sinnvoll, das Immunsystem zu aktivieren, damit der Organismus selbst mit dem Infekt fertig wird. Dies kann zum Beispiel bei einer Pneumonie (Lungenentzündung) durch einen Brustwickel – je nach Stadium Senf-Thorax- oder Quarkwickel – erfolgen und bei einer Blasenentzündung durch einen Eukalyptus-Blasenwickel. Matthes: „Heute weiß auch die Mainstream­medizin, dass es keine medizinische Indikation für eine Fiebersenkung gibt und dies die Immunantwort des Organismus vermindert. Wichtigste Maßnahme ist daher die Immunreaktion des Organismus zu unterstützen.“ Für die Vielzahl der Infektionen kann die anthroposophische Medizin aus einem reichhaltigen Arzneimittel- und Methodenschatz schöpfen. Susanne Kretschmann