Das kommt auch

Die Skandalnudel und das Bürgertum

Reporter und Kameraleute schieben sich die schmale Wendeltreppe im Holstentor hinauf zur Pressekonferenz mit Jonathan Meese. Dann steht der Künstler in schwarzer Adidas-Jacke und Handwerkerhose im Foyer, direkt unter den Schiffsmodellen des Holstentor-Museums, und ruft mit großer Geste: „Gesamtkunstwerk Deutschland, Ahrensburg, Lübeck, großartig!“ Man könnte meinen, dass schon darin der Versuch einer Kränkung liegt. Ahrensburg, Lübeck – was bitte sollen diese beiden Orte miteinander gemein haben? Also außer: Meese. Jedenfalls für das nächste halbe Jahr. Das ist der einzig gültige Referenzpunkt im Meese-Universum.

Der Mann, dessen ironisch blitzender Blick von den langen dunklen Haaren und einem Bart eingerahmt wird, ist im 40 Kilometer entfernten Ahrensburg aufgewachsen. Jetzt hat Lübeck ihn hergeholt – für ein Großprojekt, das unter der thematischen Klammer „Heimat“ und dem Titel „Dr. Zuhause: K.U.N.S.T. (Erzliebe)“ an fünf Orten vier Ausstellungen und eine Performance von Meese zeigt.

Dass er als Skandalkünstler gilt, stört den 49-jährigen nicht. Der eigentliche Skandal daran sei, dass er das Label für seine Ideologiekritik bekommen habe. „Mit einem Mitläufergehirn kann man keine Kunst machen, damit muss man zur Therapie“, sagt er. Er sieht sich als Ahab, der Wal aus „Moby Dick“ sei die Kunst. „Ich stelle mich gegen den Wind, bei Windstärke 13 wird es gemütlich.“ Dieser Ahab ruft eine „Diktatur der Kunst“ aus, um die Zukunft zu gestalten.

Ab Sonntag sind seine Installationen unter anderem in der Petrikirche zu sehen. Dort sieht es auf den ersten Blick aus wie auf einem unordentlichen Flohmarkt: Das Kirchenschiff ist pickepackevoll mit Arrangements aus Spielzeug, beschrifteten Skeletten, die durch Müll waten, Popkultur-Trash. Dazwischen hängen Motivdecken mit Schriftbändern und Transparente mit Manifesten: Kunst nach John Sinclair, Richard Wagner oder den ???.

„Eine so konservative Stadt und ein Skandalkünstler – passt das zusammen?“, fragt bei der Pressekonferenz eine Journalistin. Der Autor Heinz Strunk hatte im November gesagt, Lübeck sei „in ihrer Spießigkeit und Bürgerlichkeit nicht zu übertreffen“, seitdem gibt es darüber eine Debatte in der Stadt. Ob ein Meese ausreicht, um Lübeck zu einem Hotspot progressiven Denkens zu machen?

Friederike Grabitz