Katrin Seddig
Fremd und befremdlich

Auf der Stelle Sterben ist verpönt, lieber bringen wir uns langsam um

Foto: Lou Probsthayn

Katrin Seddig ist Schrift-stellerin in Hamburg mit einem besonderen Interesse am Fremden im Eigenen. Ihr jüngster Roman „Das Dorf“ ist bei Rowohlt Berlin erschienen.

Wo ich wohne, ist das Mekka der Shisha-Freunde. Ungefähr alle 100 Meter gibt es eine Shisha-Bar, das ist in Hamburg an der Wandsbeker Chaussee, und manchmal frage ich mich, ob ich ein Déjà-vu habe, ob ich nicht eben schon an dieser Shisha-Bar vorbeigekommen bin, oder ob vielleicht diese Shisha-Bar eben gerade neu aufgemacht hat? Es scheint dafür die Zeit zu sein. Das Geschäft muss brummen wie nichts Gutes. Da kann eine Shisha-Bar der anderen gar keine Konkurrenz machen, selbst wenn die eine neben der anderen sich aufreiht, wie Perlen auf einer Schnur.

Es muss so unglaublich viele Shisha-Freunde in Eilbek geben, dass der Bedarf nicht gedeckt werden kann. In den Lücken zwischen den Shisha-Bars verkümmern Nagelstudios und Zehn-Euro-Friseurläden. Die Nagelstudios sind klein, während die Shisha-Bars meistens geräumig sind und in einigen Fällen auch kaum bis gar keine Gäste begrüßen dürfen, was ihnen aber nicht schadet, denn Shisha-Bars sind auf Umsätze nicht so sehr angewiesen, glaube ich. Ich beobachte aber auch gefüllte Shisha-Bars, man darf nicht alle über einen Kamm scheren.

Als jungem Menschen, glaube ich, hätte es mir in einer Shisha-Bar sehr gefallen, es sieht dort aus, wie ich mir eine schicke Bar 1980 vorgestellt hätte. Es gibt so gemütliche Sessellandschaften und das gefällt mir auch jetzt noch. Ich bin nur kein Raucher, ich vertrage das Rauchen einfach nicht. Und dann gibt es jetzt auch Ärger mit dem Kohlenmonoxid in diesen Shisha-Bars, das soll ungesund sein, wenn es zu viel ist, und dieser schädliche Kohlenmonoxid-Wert soll vom Tabak-Rauchen kommen.

Die Wandsbeker Chaussee ist eine sechsspurige Hauptverkehrsstraße. Die Luft in den Wandsbeker-Chaussee-Shisha-Bars, kommt also woher? Von der sechsspurigen Hauptverkehrsstraße? Und in dieser Luft machen es sich die Menschen bequem, um ein bisschen was zu tun? Zu rauchen? Und dann kommt die Polizei und sagt, sie dürfen das nicht, weil es ungesund für sie wäre? Also, zu ungesund. Gefährlich ungesund. Was soll man dazu sagen?

Es soll ja Fälle gegeben haben, in denen Menschen durch so eine Kohlenmonoxidvergiftung gestorben sind, und vor dem Sterben muss man die Menschen beschützen. Man muss sie nicht davor beschützen, sich langsam zu vergiften, sich so lange in krankmachenden Umgebungen aufzuhalten oder krankmachende Substanzen zu sich zu nehmen, freiwillig, bis sie irgendwann daran sterben. Aber vor dem schnellen Sterben durch schnelles Vergiften muss man die Menschen schon beschützen. So ist die Welt organisiert. Wir dürfen uns tot­rauchen, totarbeiten, totfahren, man darf uns Alkohol verkaufen, der uns umbringt – irgendwann später – aber durch Kohlenmonoxid in einer Shisha-Bar sollen wir nicht umkommen, denn dafür gibt es nun mal Vorgaben.

In einer Shisha-Bar sollen wir nicht umkommen, denn dafür gibt es nun mal Vorgaben

Die Ärztekammer Nordrhein forderte im letzten Jahr, Kohlenmonoxid-Melder als Pflichtgerät in jede Shisha-Bar einzubauen, und ich stelle mir das vor wie einen Rauchmelder, der dann Alarm gibt. Die Leute rennen dann alle auf die Wandsbeker Chaussee, bevor sie ohnmächtig werden. Da stehen sie und keuchen und haben sich gerade mal so gerettet. Der Wirt lüftet, denn das Lüften ist ja das einzige, was hilft, und die Luft auf der Wandsbeker Chaussee ist zwar nicht gut, aber ein bisschen besser, und dann gehen sie alle wieder rein und rauchen weiter. Es muss immer ein Pegel eingehalten werden, die Verschmutzung, das Gift, müssen immer im Rahmen bleiben, im gesetzlichen, und so, dass niemand auf der Stelle stirbt. Denn das ist uns etwas Unerträgliches, dass jemand auf der Stelle stirbt.

Langsam umbringen darf er sich, darf man ihn, durch Straßenverkehr, durch Lärm, durch Stress, durch Industrieabgase, Lebensmittelzusätze, chemische Dünger, aber nicht auf der Stelle, das ist gegen die Ordnung, da braucht es ein Messgerät. So ist die Welt, so leben wir.

Die nächste Kolumne von Katrin Seddig erscheint am 27 Februar.