Frederic Valin
Helden der Bewegung

Axel Witsel, Hausmann für die blutwurstjunge Dortmunder Rasselbande

Fußball gilt allgemein als Schlachtfeld der Kriegsmetaphern. Es fallen Schüsse, über die Flanken wird angegriffen, im Bollwerk verteidigt, bis es gestürmt wird. Der beste deutsche Stürmer aller Zeiten wird selbst in Dresden „Bomber der Nation“ genannt.

Über diese ganzen Martialitäten, die immerhin im Laufe der Zeit weniger geworden sind (keiner würde zu einem Schuss aus der zweiten Reihe noch Granate sagen), wird allerdings oft vergessen, dass es einen zweiten Diskurs gibt, aus dem sich die Fußballsprache gerne bedient: die Welt des Haushalts. Es wird auch weiterhin abgestaubt und ausgebügelt, und auch wenn es kaum noch Staubsauger vor der Abwehr gibt, halten Torhüter nach wie vor ihren Kasten sauber.

Diese sprachliche Zivilisierung findet ihr Sinnbild in Axel Witsel, dem Mädchen für alles im Spiel des Ballspiel­vereins Borussia aus Dortmund. Wann immer etwas anzubrennen droht, Axel Witsel ist da, um die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Wann immer dem BVB ein Rezept fehlt, streut Axel Witsel ein Schmankerl ein oder spielt noch vier, fünf Pässe, bis der Gegner weichgekocht ist respektive sich die Zähne ­ausgebissen hat. Er ist der ideale Hausmann: zu­verlässig, aufmerksam, stets Zentrum des Geschehens, ohne sich in den Vordergrund zu drücken; und wird nicht die blutwurstjunge Dortmunder Mannschaft um ihn herum seine Rasselbande genannt?

Dabei begann Axel Wit­sels Karriere mit einem derart ­bösen Foul, dass man auf Regenbogen von einem Attentat sprach: 2009 war es, Axel Witsel war 19 Jahre alt, frisch gekürter Fußballer des Jahres in Belgien, der große Star bei Standard Lüttich, ein Versprechen für alle europäische Topclubs, da trat Axel Witsel seinem Gegenspieler Marcin ­Wailewski Schien- und Wadenbein durch, an der Außenlinie; ein brutales Foul, das ­einige, die es live sahen, darüber ­haben nachdenken lassen, ihren Fernseher abzuschaffen, um dergleichen nie wieder ­sehen zu müssen.

Von da an war nichts mehr, wie es war: acht Spiele Sperre, die Zeitungen gingen harsch mit ihm ins Gericht, er erhielt Morddrohungen, Steine flogen durch die Fenster seines Elternhauses, die Polizei musste ihn persönlich schützen. Aber Axel Witsel, obwohl der allgemeinen Zuneigung beraubt, bleibt: erst 2011 wechselt er zu Benfica Lissabon, ein Jahr später zu Zenit St. Petersburg. Schon damals hätte er zu großen Clubs nach England gehen können. 2017 dann scheint der Schritt in die erste Reihe anzustehen; Juventus Turin hat gesteigertes Interesse angemeldet.

Aber Axel Witsel unterschreibt nicht, stattdessen geht er nach China, zu Tianjin Quanjan, 18 Millionen Euro verdient er im Jahr. Was ihn bewog, würde jedem schwäbischen Hausmann zur Ehre gereichen: das Wissen darum, dass seine Familie dann ausgesorgt habe. Also zog er sich auf diesen Elefantenfriedhof zurück – um sich dort, als wäre er eine Sauce Béarnaise, zu verfeienern.

Und um am Ende doch noch in einer der europäischen Topligen aufzuschlagen, nach einer fabulösen Weltmeisterschaft obendrein. Seither schwingt er im Dortmunder Mittelfeld den Kochlöffel, fädelt Aktionen ein, setzt Nadelstiche, spielt hier und da einen Zuckerpass. Und wenn es sein muss, nimmt er seinen Gegner in die Mangel.

Das alles im defensiven ­Mittelfeld, wo eigentlich das letzte Reservat der wilden Krieger liegt, der Paul Pogbas und Arturo Vidals. Er macht es anders, mit ruhiger Eleganz, mit wissender Übersicht. Wie schafft er das – ein Satz wie aus einer „Mad Men“-Folge –, bei all dem Aufwand noch in jeder Situation gut auszu­sehen? Freundlich, dass selbst Fritz J. Raddatz zufrieden wäre, schüttelt er die Hände, selbst wenn sich seine Mannschaft zwei einschenken lässt, selbst wenn der Faden reißt.