wie machen sie das?

Die Pflegemutter

Meta Kemmerich, 61, hat den Verein AktivVerbund mit gegründet, der Pflegeeltern unterstützt. Sie selbst hat in 30 Jahren 30 Pflegekinder aufgenommen – die meisten für wenige Monate. Das bedeutet auch, sich immer wieder verabschieden zu müssen.

taz am wochenende: Frau Kemmerich, Sie nehmen immer wieder Kinder bei sich auf. In der Kurzzeitpflege müssen Sie sich oft wieder verabschieden. Wie machen Sie das?

Meta Kemmerich: Man kann sich vorbereiten. Früher wusste man in der Kurzzeitpflege nie, wie lang ein Kind bleibt. Heute nimmt man ein Kind auf in der Gewissheit, dass es höchstens sechs Monate bleiben wird. Ich kann auch erfahren, an wen das Kind danach geht. Wenn ich sicher bin, dass es ihm gut geht, kann ich auch loslassen.

Wie bauen Sie in kurzer Zeit Nähe und Vertrauen auf?

Das passiert instinktiv. Einer meiner Pflegesöhne hatte blutige Füße, als ich ihm zum ersten Mal die Socken auszog. In diesem Moment wurde mir bewusst, unter welchen Umständen er bisher gelebt hat. Da kommt automatisch so eine Liebe und ein Bedürfnis zu helfen auf.

Wie kommen Sie mit den Schicksalen der Kinder zurecht?

Mir hilft es zu wissen, dass die Kinder durch die Pflege gesundes Familienleben erfahren. Selbst, wenn es nur kurz ist – das ist ein echter Gewinn. Wir sind eben wirklich Eltern, ein Familienverbund. Diese Nähe zu einem Kind, die kann zum Beispiel ein Heimträger allein zeitlich nicht leisten.

Können Sie besser loslassen als andere Menschen?

Ja, auf jeden Fall. Ich sage mir bei jedem Abschied: Das ist meine Arbeit, die hab ich gut gemacht, und wo immer das Kind jetzt hingeht, dafür bin ich nicht mehr zuständig. Das konnte ich aber nicht von Anfang an.

Wann fällt Ihnen der Abschied besonders schwer?

Wenn ich mich nicht verabschieden kann. Ich hatte mal ein Mädchen aus Rumänien in der Kurzzeitpflege. Ihr Abschied kam so ad hoc, dass ich meinen Urlaub nicht mehr absagen konnte. Also wurde sie für diese Zeit zu einer Tagesmutter gebracht. Nach drei Tagen rief die mich an und sagte, das Jugendamt sei da gewesen und habe das Mädchen mitgenommen. Da habe ich sehr gelitten. Ein halbes Jahr lang bin ich immer wieder in ihr Zimmer gegangen und habe an ihrer Decke geschnuppert.

Hilft es Ihnen, beim Abschied zu weinen?

Ja, aber ich weine niemals vor dem Kind, egal wie alt es ist. Bei den ganz kleinen ist es besonders schlimm, da blutet mir das Herz.

Wissen Sie, wie es Ihren ehemaligen Pflegekindern heute geht?

Wir haben keinen Kontakt, aber ich weiß, wie sie leben. Eines meiner Pflegekinder ist heute 34 und ich habe ihn dieses Jahr adoptiert.

Interview: Lin Hierse