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Ulrike Herrmann über den Wirtschaftsnobelpreis für Paul RomerAngetäuschtes Rebellentum

Paul Romer ist der ideale Nobelpreisträger für Ökonomie – jedenfalls für die schwedische Reichsbank, die diese Auszeichnung vergibt. Denn Romer, der zusammen mit dem Klimaforscher William Nordhaus geehrt wurde, scheint ein Kritiker der herrschenden Lehre zu sein, stellt den neoklassischen Mainstream aber in Wahrheit nicht in Frage. Dieses angetäuschte Rebellentum ist für die Reichsbank perfekt: Sie kann sich modern geben und gleichzeitig ihrer neoliberalen Agenda treu bleiben.

Romer erregte 2015 weltweites Aufsehen, als er seiner Zunft „Mathiness“ vorwarf. Viele Ökonomen würden mathematische Formeln nur verwenden, um zu kaschieren, dass ihre Argumentation tautologisch ist. Die Ökonomie, so Romer, sei aber keine rationale Wissenschaft, sondern würde sich in quasi­theologische Sekten zerlegen. Seine Kollegen würden „wie auf einem interreligiösen Treffen“ nur noch „Dogmen rezitieren“ und dafür „andächtige Stille“ erwarten. Diese Kritik trifft ins Schwarze, aber der Witz ist: Romers ­eigene „endogene Wachstumstheorie“ weist die gleichen Schwächen auf. Sie besagt im Kern, dass Technik und Innovation nicht vom Himmel fallen. Stattdessen seien „Ideen“ wichtig. Wer hätte das gedacht.

Mit Empirie hat diese „Forschung“ nichts zu tun, stattdessen arbeitet auch Romer mit Formeln, Setzungen und Hypothesen. Auch seine Theorie nimmt an, was bewiesen werden soll: Romer will zeigen, dass der „Markt“ die „Ideen“ generiert. Die Rolle von Staat, Nachfrage oder Löhnen kommen nicht vor, um technischen Fortschritt zu erklären. Gefeiert wird das freie Unternehmertum.

Blöd nur: Romers Theorie ist widerlegt. Die italoamerikanische Ökonomin Mariana Mazzucato („The Entrepreneurial State“) hat gezeigt, dass die großen Innovationen fast immer in staatlichen Laboren entstehen – und eben nicht in privatwirtschaftlichen Unternehmen. Aber Empirie hat die schwedische Reichsbank noch nie interessiert. Die Ideologie muss stimmen.

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