Julia Lorenz
Ausgehen und rumstehen

So dicht der blaue Rauch,
so freundlich die matten Gesichter der Menschen

Nein, es gibt schon wieder keine Früchte. Keine Erdbeeren oder Feigen, nicht mal bescheidene Trauben oder noch bescheidenere Äpfel. Dabei soll das Motto des Abends doch „sexy­erotisch“ sein, so steht es geschrieben, und immerhin heißt die Party ja: Tutti Frutti Fest. Schon bei der letztjährigen Ausgabe dieser Reihe waren wir hier gewesen, im Friedrichshainer Club Urban Spree. Ich erinnere mich an tolle Musik, schöne Menschen und Palmentapete, obwohl wir einen Großteil des Abends wild diskutierend in einer Art Betonmischer verbracht hatten, der aus mir unerklärlichen Gründen im Keller des Clubs stand.

Ein Jahr später sind wir wieder im Urban Spree, es gibt noch immer kein Obstbuffet, aber dafür enorm viel Lametta. Es hängt an den Wänden und von der Decke und lässt die Bühne aussehen, als trüge sie einen kurzen, glitzernden Pony. Auf der Hauptbühne und im Keller spielen abwechselnd Bands: Funk, Psychedelic, Italo-Disco. Mehr Camp, mehr Schwüle und Sachen-ins-Ohr-Flüstern, weniger Gitarrengewitter als im letzten Jahr. „Kein Rock’n’Roll“, stellt T. fest und klingt enttäuscht. Dann aber wird Aldous RH auf die Bühne gebeamt, geradewegs von einer verdrogten Yachtparty in den späten Siebzigern. Er lässt die Gitarren sliden, und wir sliden mit ihm. Musik ist das, sagt T., um in den Hollywood-Hills auf einer Luftmatratze im Pool zu treiben, während einem langsam das Daiquiri-Glas aus der Hand gleitet. Pyjamamusik, wird er später hinzufügen, und ich ergänze: Seidenpyjama.

R. holt Schnaps, wir finden erst ein Ledersofa und dann neue Freunde: Einen Australier und einen Briten, der in Nordengland auf dem Land lebt und sich über alles, wirklich alles in dieser Nacht sehr herzlich wundert. Als das Urban Spree sich leert, schlägt W. vor, in den Internet Explorer zu gehen. Ich muss ein bisschen lachen, dabei ist anscheinend kein Scherz, sondern ein Club in Neukölln.

Schieben wir uns also vorbei an den wahnsinnigen Menschen auf der Warschauer Brücke, fahren mit der Bahn ins Industriegebiet und fragen uns, im Club angekommen, ob man das jetzt so macht: In einem schlauchförmigen Raum zu schlechtem Dancepop tanzen? Ich bin irritiert und möchte zugleich nicht, dass die Musik besser wird in diesem Disco gewordenen Tropenhaus; möchte festhalten an der bizarren, zwischen Abrisshaus- und Achtziger-Jahre-Kokserparty oszillierenden Stimmung, bevor der harte, monotone, alles nivellierende Bass einsetzt und die Gemeinschaft in die übliche Technotrance führt.

Wir können vom Obst nicht lassen und überlegen, welche Früchte wir wären. T. sagt, ich sei eine Kiwi, was mich wirklich freut, denn ich hätte mich eher als Birne gesehen: magenschonend und weniger kompliziert zu verzehren. Ich ernenne ihn zur Brombeere und W. sich selbst zur Drachenfrucht, bevor es uns hinaus in die Kälte zieht, hin zu jenem Ort, an dem für uns alles begonnen hat und vieles endet: unsere Stammkneipe im Wedding. So dicht der blaue Rauch über dunklem Holz, so freundlich die matten Gesichter der Menschen am Nebentisch. Selbst der Psychopath, ein stets gefährlich blinzelnder Stammgast, von dem W. erzählt, er habe einem Mann einst grundlos eine gezimmert, lehnt heute friedlich an der Bar.

Wir füllen den Aschenbecher mit Asche und die Jukebox mit Münzen. Wir trinken Futschi, hören Ideal und beobachten Menschen beim Billardspiel. Irgendwann erklären wir die Nacht für beendet, T. und ich gehen nach Hause. Die Wohnung ist friedlich und warm. Auf dem Küchentisch, endlich: eine große Schale Mandarinen.