die dritte meinung

Namen zu löschen, ist die falsche Antwort Hollywoods auf sexuelle Belästigung, sagt Johanna Roth

Johanna Roth

geboren 1989, ist Redak­teurin im Meinungs­ressort der taz.

Harvey Weinstein ist mutmaßlich ein Schwein. Einer, der Frauen zu Besprechungen in seine Wohnung bittet und den Bademantel öffnet mit dem Angebot, die Karriere zu fördern, wenn er im Gegenzug eine kleine Massage bekäme. Der das Machtgefälle zwischen sich als millionenschwerem Hollywood-Produzenten und jungen, nach Rollen hungernden Schauspielerinnen brutal ausnutzt. Allein achtmal erzielte Weinstein entsprechende außergerichtliche Einigungen, wie die New York Times (NYT) vergangene Woche aufdeckte.

Die Enthüllung selbst ist eklig. Viel mehr aber noch, dass sie erst jetzt kommt, obwohl Weinstein in Hollywood seit Jahrzehnten den Ruf eines „sexual predator“ hat; ein so offenes Geheimnis, dass „Sex mit Harvey Weinstein ablehnen“ als Gag in der Comedysendung „30 Rock“ auftauchte.

Weinstein bezahlte Hollywoods Träume, also guckten alle lieber woanders hin. Jetzt aber, da andere den Job des Anprangerns übernommen haben, wird umso fleißiger durchgeputzt: Seine eigene Produktionsfirma kündigte Weinstein fristlos, allerorten wird er geächtet. Nun soll auch sein Name aus dem Abspann der Serien, an denen er als Produzent mitwirkte, nachträglich gelöscht werden. Das ist die dämlichste Reaktion überhaupt, denn sie folgt der Logik: Es hätte nie passieren dürfen, also machen wir einfach, dass es nie passiert ist. Was soll das bringen? Außer, dass sich alle, die ewig mit Weinstein arbeiteten und nie was gemerkt haben (wollen), erleichtert auf die Schulter hauen können: Mit uns hat das nichts zu tun. Den Opfern bringt das nichts. Für sie interessiert sich keiner.

Ausgerechnet die NYT druckte jetzt auch noch einen flotten Kommentar mit dem Titel „The pigs of liberalism“ (dt.: Die Schweine des Liberalismus). Tenor: Nicht der Mann ist das Schwein, sondern die politische Ideologie dahinter (Weinstein ist bekennender Clinton- und Obama-Unterstützer). So kann man den Diskurs natürlich auch für sich kapern. Wen wundert es da, dass sexuelle Belästigung noch immer so oft verschwiegen wird?