: Der Mensch ist nicht rational, sondern sozial
Richard Thaler erhält den Nobelpreis für Wirtschaft. Er hat die Verhaltensökonomie begründet
Von Ulrike Herrmann
Der Wirtschaftsnobelpreis geht in diesem Jahr an den US-Ökonomen Richard H. Thaler. Der 72-Jährige hat vor allem an der Universität Chicago gelehrt und gilt als einer der Mitbegründer der Verhaltensökonomie. Thaler hat lebenslang mit dem Psychologen Daniel Kahnemann zusammengearbeitet, der bereits 2002 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.
Thaler gehört dem Mainstream in der Ökonomie an, der sogenannten Neoklassik. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie den „Markt“ ins Zentrum der Theorie rückt. Es interessiert vor allem, wie sich Preise bilden – und wie sich Kunden und Unternehmen verhalten.
Die neoklassischen Modelle sind lange von „rationalen“ Agenten ausgegangen, die ihren Nutzen optimal maximieren. Diese Annahme hat Thaler durch empirische Experimente zertrümmert. Menschen sind irrational.
Thaler beschrieb unter anderem, dass Menschen immer in Bezug auf „Referenzwerte“ denken. So waren Testpersonen gern bereit, einen Extraweg von 10 Kilometern in Kauf zu nehmen, wenn sie einen Radiowecker im Wert von 45 Dollar 10 Dollar billiger bekommen konnten. Aber sie weigerten sich, den gleichen Umweg einzuplanen, um 10 Dollar bei einem Fernseher zu sparen, der 495 Dollar kostete. Für Menschen sind also 10 Dollar nicht gleich 10 Dollar, sondern entscheidend ist der Ausgangswert. Rational ist das nicht.
Thalers Erkenntnisse haben das Marketing von Firmen maßgeblich beeinflusst. So konnte er beispielsweise zeigen, wie man Kreditkarten optimal anpreist: Die Banken dürfen nicht davon sprechen, dass die Karten eine „Gebühr“ kosten. Stattdessen müssen sie behaupten, es gebe einen „Bargeld-Rabatt“.
Thaler arbeitete auch heraus, wie zentral das Gerechtigkeitsgefühl ist. In Experimenten zeigte sich immer wieder, dass Menschen bereit sind, auf eigene Vorteile zu verzichten, wenn sie gleichzeitig das egoistische Verhalten von anderen abstrafen konnten.
Thaler ist längst auch eine öffentliche Figur: Er wirkte in einem Beratergremium von US-Präsident Barack Obama mit – und spielte sich selbst in dem Kinofilm „Big Short“.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen