heute in hamburg

„Es gibt keine Opposition“

EINFLÜSSEIn der feministischen Bewegung wird Antisemitismus geduldet. Wieso eigentlich?

Merle Stöver

Foto: Sharon Adler

22, feministische Aktivistin, lebt in Berlin und Jerusalem, arbeitet bei der Stiftung Zurückgeben und studiert Soziale Arbeit.

taz: Frau Stöver, wie zeigt sich Antisemitismus in der feministischen Bewegung?

Merle Stöver: Er zeigt sich momentan vor allem darin, wie Bündnisse geschlossen werden. Feminismus gilt als Hauptanliegen und Antisemitismus als Nebenwiderspruch und kann nicht thematisiert werden. Auch historisch war dies so: Feminismus stand im Vordergrund und andere gesellschaftliche Missstände wurden nicht wirklich mitgedacht.

In welchen feministischen Bündnissen wird Antisemitismus denn ignoriert?

In allen, die Feminismus und Antirassismus zusammendenken. Gerade in antirassistischen Bewegungen wird Hass gegen Israel vertreten und es gibt keine Opposition dazu.

Judith Butler und Angela Davis unterstützen die Kampagne Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen, die sich für Sanktionen gegen Israel einsetzt. Tragen Einflüsse aus den USA – wie zum Beispiel durch die beiden – dazu bei, dass Antisemitismus hier an Salonfähigkeit gewinnt?

Auf jeden Fall. Ich glaube, gerade die beiden sind gute Beispiele. Butler betont immer wieder, dass sie als Jüdin spricht. Ihre Queer Theory gilt als unhinterfragbar. Auch bei Davis, die Bürgerrechtlerin ist, wird ihr Antirassismus so hingenommen und nie hinterfragt. Beide vertreten Antizionismus. Dies ist Teil ihrer Ideologie und wird nicht kritisch gesehen, da ihn hierzulande viele vertreten.

In der Arbeit welcher Feministin zeigt sich die antisemitische Ideologie besonders?

Es ist nicht gewinnbringend, Namen zu nennen. Aber auch in Deutschland gibt es Bündnisse, in denen Antisemitismus geduldet wird. Zum Beispiel bei Ausnahmslos, der Resolution, die nach der Silvesternacht in Köln geschlossen wurde. Da wurden antisemitische Positionen vertreten und das ging, die haben mitwirken dürfen, weil sie Feministinnen sind.

Wie kann man mit antisemitischten Tendenzen umgehen?

Feminismus muss sich zutrauen, Kritik auszuhalten. Ich habe das Gefühl, dass jede Kritik momentan als Angriff auf den ganzen Feminismus gewertet wird. Ich bin aber auch Feministin. Meine Kritik kommt nicht von außen, sondern von innen. Ich habe das Gefühl, dass eine große Angst der Bedeutungslosigkeit besteht. Wo man Kritik zulassen würde, wären Diskussionen möglich.

Interview Caren Miesenberger

Vortrag „Antisemitismus in feministischen Kontexten“ mit Merle Stöver: 19 Uhr, Uni Hamburg, Edmund-Siemers-Allee, W 221