Engeline Kramer über Integration

„Ich hatte nur noch eine Alibi-Funktion“

Engeline Kramer, bis 2008 Leers stellvertretende Bürgermeisterin und Migrationsbeauftragte des Kreises, kümmert sich inzwischen auf eigene Faust um Integration

„Hier bekommen unsere Gäste zum ersten Mal lockeren Kontakt zu Einheimischen“, sagt Engeline Kramer. Foto: Thomas Schumacher

taz: Frau Kramer, warum wollten Sie nicht mehr die Migrationsbeauftragte des Landkreises Leer sein?

Engeline Kramer: Das war ein langer Leidensweg. Ich habe gemerkt, dass ich auch nach über 30 Jahren Arbeit mit MigrantInnen und der Organisation von interkulturellen Begegnungen mit Menschen auf der ganzen Welt immer noch dazulerne. Wenn ich aber im Stadtrat über Hilfen für Flüchtlinge rede, geht das vielen KollegInnen, entschuldigen Sie, am Arsch vorbei. 2008 habe ich meine Stelle als Migrationsbeauftragte beim Landkreis gekündigt. Ich hatte nur noch eine Alibi-Funktion. Bei Abschiebungen ist der Landkreis immer sehr forsch. An gut organisierter Integrationsarbeit hat er wenig Interesse.

Welchen Ansatz verfolgen Sie jetzt als freie Trainerin für interkulturelle Kommunikation?

Wir müssen miteinander kommunizieren, bevor wir über gut oder schlecht urteilen. Dies betrifft nicht nur unseren Umgang mit anderen Kulturen, es betrifft auch den Umgang mit uns selbst, innerhalb unserer eigenen Kultur.

69, war für die SPD stellvertretende Bürgermeisterin in Leer und arbeitete mehr als 20 Jahre als Migrationsbeauftagte für den ostfriesischen Landkreis. Dann trat sie aus der Partei aus und kündigte ihren Job. Heute arbeitet sie als Kommunikationstrainerin und ist stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat von Leer.

Unsere eigene Kultur? Was wäre denn unsere eigene, unsere deutsche Kultur?

Das ist es ja eben. Es gibt nicht die eine deutsche Kultur. Das ist populistischer Quatsch. Fragen sie mal einen Ostfriesen und einen Bayern, was sie als deutsch empfinden. Die beiden werden sich nicht einigen können. Sie können sich nicht mal in derselben Sprache begrüßen! Trotzdem haben sie klare Bilder voneinander. Das sind Vorurteile.

Und was macht man da?

Wichtig ist, sich zu respektieren, neugierig aufeinander zu sein und zu schauen, was der jeweils andere zu bieten hat. Ich meine das nicht im ökonomischen Sinne. Die Debatte, Deutschland braucht Fachkräfte, deswegen können die Ausländer, die wir benötigen, zu uns kommen, alle anderen fliegen raus, ist unwürdig. Miteinander leben, voneinander lernen, das ist der wesentliche Punkt.

Das klingt sehr moralisch.

Nee, überhaupt nicht. Wir haben doch die Erfahrungen mit den sogenannten Gastarbeitern, die in den 1960er-Jahren nach Deutschland kamen. Da ist damals von den Firmen und von den Behörden keine Integration geleistet worden. Spanier, Türken, Griechen haben sich über ihre Arbeit entweder selbst gewissermaßen eingedeutscht, sind dann in ihre Heimatländer zurückgekehrt oder in Deutschland in Ghettos gelandet. In den 1980er-Jahren kamen dann kurdische und libanesische Flüchtlinge nach Deutschland.

Welche Integrationsangebote wurden den Menschen denn damals gemacht?

In Niedersachsen gab es 1985 eine offizielle Vorschrift, keine Sprachkurse für die Menschen anzubieten. Die Flüchtlinge sollten sich erst gar nicht integrieren! Dann wurden die sogenannten Boatpeople aus Vietnam aufgenommen. Nur privater oder kirchlicher Hilfe ist es zu verdanken, dass die Menschen hier leben konnten.

Wie sieht es heute aus?

Heute redet zwar jeder über Integration, aber viel gelernt haben die Institutionen nicht. Gut, es gibt heute bessere Angebote, aber ohne jegliche Koordination. Wir müssen einfach akzeptieren, dass viele Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Afrika, die aus Verzweiflung zu uns kommen, nicht mehr in ihre Heimat zurück wollen oder können. Das ist globaler Politik geschuldet, und niemand kann einen Hebel umwerfen und so die Situation schlagartig ändern.

Was bedeutet das?

Integration ist zweigleisig, die einen müssen sich integrieren, die anderen müssen die Integration aber auch zulassen. Und wir dürfen die Länder, aus denen die Menschen kommen, nicht ausbeuten, sondern müssen mithelfen, dort lebenswürdige Bedingungen zu schaffen.

Hätten Sie da als Migrationsbeauftragte nicht mehr tun können, als sie es jetzt als Privatperson vermögen?

Mit einer privaten Initiative haben wir von Leer aus in Afrika zwei Krankenstationen gebaut, Kindergärten und Schulen eingerichtet. Viele Leeraner haben die Initiative unterstützt.

So etwas wäre für Sie als Mitarbeiterin des Landkreises nicht möglich gewesen?

Nach meiner Ausbildung als unabhängige Kommunikationstrainerin bin ich jetzt völlig frei und kann mehr anschieben. Ich organisiere Personalschulungen zur interkulturellen Öffnung von Betrieben und Institutionen. Zurzeit koordiniere ich im Auftrag der evangelisch-lutherischen Kirche Emden-Leer 30 Ehrenamtliche in Leer im Projekt Café-International.

Was bieten Sie da an?

Das ist mitten in der Stadt eine Anlaufstelle für Flüchtlinge in der Region, die oft kilometerweit mit dem Fahrrad zu unseren Kursen kommen. Darüber hinaus brauchen die Menschen Hilfe bei Anträgen, die selbst für Deutsche schwer zu verstehen sind. Wir begleiten unsere Gäste auf Behördengängen. Wir bieten Sprachkurse an. Ein Imam, ein ehemaliger Arzt, vermittelt seinen Landsleuten, wie der Alltag hier funktioniert.

Was machen Sie anders als der Landkreis?

Bei unseren ehrenamtlichen Helfern bekommen unsere Gäste oft zum ersten Mal lockeren Kontakt zu Einheimischen. Und so kommt Dialog zwischen den Kulturen zustande. Integration funktioniert nur in gegenseitigem Kontakt. In solch lockeren Runden werden auch die entscheidenden, kulturellen Verständnisfragen gestellt: Wie funktioniert Erziehung bei euch, wie lernt man Leute kennen, wie verhalte ich mich in alltäglichen Situationen, wo finde ich für welches Problem Hilfe und so weiter. Wie gesagt, das ist kein Projekt der Stadt oder des Landkreises. Integrationsarbeit wird und wurde bisher in ganz Deutschland von Ehrenamtlichen geleistet und denen gebührt großer Dank.

Was sind aus Ihrer Sicht politische Eckpunkte eines guten Integrationsprozesses?

Der erste Schritt ist immer, die Sprache des Gastlandes zu lernen. Sprachkurse werden zwar angeboten, aber es ist alles nicht gut koordiniert und ich befürchte, die Kurse bleiben zum größten Teil wirkungslos. Bei Geldmangel werden sie sogar unterbrochen. In jedem Fall gehen die Gäste nach dem Unterricht in ihre Unterkünfte und sprechen ihre Landessprachen. Deswegen ist der zweite Schritt wichtig: Wir müssen Arbeit für unsere Gäste finden, damit sie in einem umfassenden Sprachzusammenhang stehen, soll heißen: sprechen und verstehen. In Dänemark und Schweden werden Flüchtlinge in Arbeitspraktika vermittelt. Das ist sehr wichtig, auch um deren Alltag zu strukturieren.

Was können Sie da machen?

Ich versuche in meinen Vorträgen in Betrieben, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Beschäftigung von Flüchtlingen ein großer Gewinn für die Kommunikation im Betrieb und ein Plus für den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft ist. Teilhabe an Bildung ist der Schlüssel. Wer Integration verlangt, muss Geld in die Hand nehmen.

Aber es gibt ja nun wirklich auch Konflikte gerade wegen der kulturellen Unterschiede.

Richtig. Aber schauen wir mal aufs Detail. Das Sozialamt Leer weist zwei sich fremden afghanischen Familien mit Kindern eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung zu. Mal ehrlich, wie würde es ihnen gehen, mit sieben Personen in einer kleinen Hucke leben zu müssen – ohne jegliche Hilfe? Erster Fehler.

Nächster Fehler?

Nach islamischen Gewohnheiten darf sich ein fremder Mann mit einer fremden Frau nicht allein in einem Raum befinden. Das muss man respektieren. Mal angenommen, dann bekommen sich die Kinder beim Spielen in die Haare. Das ist ganz normal. Die Kinder haben sich längst wieder vertragen, da rangeln sich die Väter wegen des Kinderkrachs. Peng. Schlagzeile: Ausländer prügeln sich. In Wirklichkeit steckt interkulturelle Inkompetenz der Behörde dahinter.

Viele argumentieren, die Geflüchteten sollten doch zufrieden sein, wenn ihnen nach der Flucht wenigstens ein Dach über dem Kopf angeboten wird.

Die meisten Menschen, die etwa aus Syrien zu uns kommen, sind hoch traumatisiert und brauchen Hilfe. Bei uns im Café ist zum Beispiel ein Mann, der so gut wie nicht gesprochen hat. Er war psychisch am Ende. Hilfe? Fehlanzeige. Schließlich hat er sich in unserem Café-Garten eingerichtet, gestaltet ihn und wird zum ersten Mal einfach nur ruhig. Er fühlt sich bei uns wohl und sicher. Er pflanzt im Garten Gemüse an, wir kochen gemeinsam. Punkt. Das ist ein sicherer Alltag.

Solche Programme müssen aber auch finanziert werden.

Ach ja? Ich glaube ja immer noch, dass Waffen mehr Geld kosten als soziale Dienste. Wenn es keine Waffen gäbe, gäbe es keinen Krieg. Aber gerade wir Deutschen stecken doch voll drin im Geschäft. Ehrlich, ich kann diese alten Weisheiten bald selbst nicht mehr hören. Aber das waren und sind nun einmal die Fakten.

Die Frage der Finanzierung bleibt aber. Wie machen Sie das?

Ich möchte nochmal erinnern: Die meiste Integrationsarbeit wird von Ehrenamtlichen geleistet, deutschlandweit. Geld ist genug da, man muss es nur sinnvoll einsetzen. Was meinen Sie, wie viele Hausbesitzer, nicht nur in Leer, sich mit der Unterbringung von Flüchtlingen eine goldene Nase verdienen, obwohl ihre Buden manchmal abbruchreif sind. Und das Geld, was die Flüchtlinge angeblich kosten, fließt doch voll in unsere Wirtschaft, die profitiert davon.

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