Eine Geschichte zu Silvester von Katrin Seddig (Text) und Imke Staats (Illustrationen)

It’s a Kind ofMagic

Olve und Strehlow trugen beide Anzüge und weiße Hemden, Olve eine Krawatte und Strehlow eine Fliege. Sie waren gleich groß und schon irgendwie attraktiv. Olve sah immer so aus, als würde er über etwas Ernsthaftes und ein bisschen Trauriges nachdenken, er sah so tapfer in das Ungewisse, mit seinen dunklen Augen, er zog immer gleich sämtliche Liebe auf sich. Strehlow war ein ganz anderer Mann, er war ein gutes Gegenüber, er ließ sich auf die Menschen ein, er kam ihnen entgegen, er wollte verstehen und verstanden werden, und das sah man ihm auch an. Im Grunde ließ ihn das manchmal ein wenig wie einen Verkäufer wirken, obwohl er das gar nicht war. Er verkaufte ja nichts, er verschenkte all seine Aufmerksamkeit und sein Verständnis für die Welt. Sie hätten sich hassen können, Olve und Strehlow, aber sie waren Freunde und liefen die Straße hinunter und redeten miteinander. Olve redete eigentlich nicht, Strehlow redete und Olve sah die Straße hinab, die graue, und sah dem Abend entgegen.

„Ich glaube nicht, dass Neni so einen Mann verdient hat. Sie hat ihn nicht verdient. Nein.“

„Hmh“, sagte Olve.

„Sie hätte doch wirklich jemand Guten kriegen können. Sie hätte einen kriegen können, der gut aussieht und nett ist. Einen netten Mann hätte sie kriegen können, einen sehr netten. Männer würden doch alles tun für Neni. Ich würde alles für sie tun. Ich meine, sie ist nicht die schönste Frau, die ich kenne …“

Er dachte eine Weile darüber nach, wer noch schöner wäre als Neni, während sie weiter im gleichen Schritt die saubere Straße entlangliefen. Überhaupt schien alles geputzt. Nirgends lag etwas herum. Das Licht lag fein säuberlich über der Stadt, ein gedämpftes, ein ganz feines Licht, wie das Licht einer sehr weißen Kerze, wie das Licht einer Perle, wenn eine Perle Licht abgäbe. Es war vielleicht zu warm, es waren vielleicht zwölf Grad ungefähr? Deshalb trugen sie keine Jacken und nur diese Anzüge.

„Wir sollten vielleicht etwas mitbringen“, sagte Strehlow.

Olve sagte nichts. Er ging auch viel zu lässig, um irgendwas zu sagen. Strehlow hätte ihn am liebsten getreten.

„Ich werde jedenfalls etwas mitbringen“, sagte Strehlow.

„Ich auch“, sagte Olve.

Die Trüffel sahen aus, als würden sie in dem Öl leben. Er nahm eine Flasche in die Hand, bewegte sie und die Trüffel rollten ein bisschen hin und her. Der Mann in der Jägerjacke beobachtete ihn, aber er sagte nichts. Strehlow stellte das Trüffelöl wieder hin und nahm eine Flasche Champagner aus dem Regal. Er sah sie sich an, aber es gab nichts Besonderes an ihr zu sehen. Normalerweise hätte ein Verkäufer gesagt: Das ist ein Champager der so und so und ganz toll ist. Aber der Jägersmann sagte nichts.

Darum sagte Strehlow: „Nun ist das Jahr schon wieder um.“

„Da sagen sie was“, sagte der Jägersmann.

Olve griff nach einer Dose Wildschweinfleisch und einer Flasche Wein.

„Machen Sie ’ne Schleife rum?“, fragte er.

„Du willst ihr Fleisch mitbringen?“, fragte Strehlow.

„Schleifen haben wir nicht“, sagte der Jägersmann.

„Gehn sie heut noch auf die Jagd?“, fragte Olve.

„Ich denke schon“, sagte der Jägersmann.

Strehlow musste lächeln, obwohl es ihm alles sehr unangenehm war.

„Ich denke nicht, dass das mit dem Fleisch gut ankommt.“, sagte er zu Olve.

„Es ist einfach wunderbar, nachts auf dem Hochsitz, und dann ein paar Tiere schießen. Da weiß ich, wofür ich lebe“, sagte der Jägersmann.

„Das ist doch schön“, sagte Strehlow.

„Das ist Mord“, sagte Olve und steckte die Wildschweinwurst in seine Anzugtasche.

„Genaugenommen ja“, sagte der Jägersmann.

Strehlow konnte sich nicht mehr auf sein Einkaufen konzentrieren. Deshalb nahm er Olve die Flasche aus der Hand und sagte: „Die nehm ich.“

Olve hatte nichts dagegen. Ihm war fast immer alles egal. Vielleicht auch nicht, aber in den obersten Schichten seines Selbstes war er so. Er war mit anderen Dingen beschäftigt.

„So ein Spinner“, sagte Olve draußen, wo es plötzlich Abend war und ein bisschen kalt. „Der jagt doch nicht. In seinen Träumen vielleicht.“

„Warum hast du ihn dann gefragt, ob er zur Jagd geht?“

Sie näherten sich Nenis Wohnstraße. Sie liefen im gleichen Schritt. Es war kälter als vorhin, aber immer noch nicht kalt. Strehlow kam es nicht kalt vor. Er erinnerte sich an eine ähnliche Kälte im Juni, als er ein Poloshirt getragen hatte, und die Straße hatte genau wie jetzt ausgesehen. Die Autos hatten dieselben beruhigenden gelben Lichter und fuhren alle ganz vorsichtig und feierlich, in dieser guten Gegend mit den hohen Mauern, wo die Fenster alle weiter oben waren, wo es Tore gab und Treppen hinauf. Es gab Stille und Leere und eine angenehme Gleichgültigkeit.

Ziemlich spät antwortete Olve.

„Es ist dir vielleicht nicht aufgefallen, aber er trug eine Jägerjacke.“

„Es ist mir aufgefallen.“

„Na siehst du.“

Eine sehr gerade und steile Treppe aus dunklem Stein ging zu Nenis Haus hoch und an ihrer Klingel stand: „Neni Pusch“.

Da fing es an, ganz, ganz sanft zu schneien.

„Es muss kälter sein, als ich dachte“, sagte Strehlow und fing augenblicklich an zu frieren.

„Wir sind ganz schöne Idioten“, sagte Olve.

Dann ging die Tür auf und sie stiegen durch das Treppenhaus nach oben hoch bis zu Nenis Wohnung.

Neni stand in der Tür und zitterte, obwohl es im Treppenhaus eigentlich nicht kalt war. Neni war eine Frau, die sehr unruhig war, aber das auf eine angenehme, nicht sehr auffallende Art. Sie zappelte und sie redete schnell, aber ihr Körper war so dünn und sie tat alles so sanft und so leise, sie war wie ein Hauch, und ihre Bewegungen waren ein wenig kraftlos und deshalb verpuffte viel von dieser Energie ganz zart und elegant. Sie machte eigentlich gar keinen hektischen Eindruck. Auf niemanden.

„Ihr Lieben“, sagte sie, „wie schön, wie schön, wie schön, dass ihr gekommen seid. Ich bin so froh. Sie umarmte sie beide mehrmals rasch und dann ging sie ihnen voran und ließ sie die Jacken ausziehen, die sie selber an den Haken ihrer Garderobe hängte, wo sie mehrmals wieder runterrutschten, aber sie hob sie immer wieder auf und sagte auch zu den Jacken „Ihr Lieben“.

„Ist was?“, fragte Olve.

„Ach, nichts Besonderes“, sagte sie, „es ist nur so, dass Arndt noch nicht gekommen ist.“

„Das ist ja nun nicht so schlimm“, sagte Olve und ging ins Wohnzimmer rüber, wo er sich auf das Sofa setzte. Im Wohnzimmer sah es ganz hübsch aus. Es hingen ein paar Bilder an den Wänden, die Neni selber gemalt hatte. Sie konnte nicht besonders malen, aber die Wände sahen trotzdem nett damit aus. Sie malte meistens Landschaften, die nicht fertig wurden und dann hängte sie sie unfertig an die Wand. Sie hatte riesige Räume, die Wohnung war ein Palast. Strehlow war sehr gern bei Neni, er fühlte sich dann selber immer ein bisschen mehr wie ein Mensch, der wertvoll ist. In Nenis Erbwohnung gab es hohe, alte Schränke, abgetretene Perserteppiche, es gab Glasvitrinen, in denen Muscheln und Steine lagen, es gab Bücherregale und es gab Schmuck, überall lag Schmuck herum, es gab Kissen und Vorhänge und Decken und alles war weich und staubig und zum Glück gab es keine Katzen. Farblich war es alles sehr blau und lila und rot. Aber grün gab es auch, in den Bildern an den Wänden.

Da saßen sie dann in den dicken Sesseln und auf dem Sofa und es sah überhaupt nicht so aus, als ob Neni eine Party vorgehabt hatte. Strehlow sah sie an und sah in Nenis Gesicht, dass es mit Arndt noch mehr gab, als dass er noch nicht hier war.

„Kommt möglicherweise Arndt auch gar nicht mehr?“, fragte er Neni.

„So ist es“, sagte Neni. „Er ist noch nicht gekommen, und er kommt auch gar nicht mehr.“

„Das ist eine komische Art, uns etwas mitzuteilen“, sagte Olve.

„Wenn du ein Mensch wie Strehlow wärst, dann hättest du das schon verstanden“, sagte Neni.

„Ich bin aber nur ein Mensch wie Olve“, sagte Olve.

„Feiern wir halt zu dritt“, sagte Strehlow.

„Warum kommt er denn nicht?“, fragte Olve.

„Weißt du“, sagte Neni, „er ist einfach nicht der richtige Mann für mich.“

„Was habe ich gesagt?“, sagte Strehlow und zuckte mit den Schultern

„Wir haben jedenfalls das hier mitgebracht“, sagte Olve und legte die Dose Wildschweinfleisch auf den Tisch.

„Aha“, sagte Neni, weil alle wussten, dass sie kein Fleisch aß.

„Wir haben auch noch das“, sagte Strehlow und stellte den Wein auf den Tisch.

„Na also“, sagte Neni, „das wird noch eine sehr nette Party werden“.

Aber sie fing an zu weinen.

Olve ging rasch zu ihr rüber und legte seinen Arm um sie. Strehlow ärgerte das schon, er hätte auch gerne seinen Arm um sie gelegt, er war nur etwas anständiger als Olve.

„Ich habe nichts vorbereitet, nichts, gar nichts“, schluchzte Neni und sprang auf und schüttelte dabei Olve ab. Sie rannte durch den Raum und schwang die dünnen Arme. Sie trug ein Kleid mit langen, weiten Ärmeln und der Stoff schimmerte und glänzte und um den Hals trug sie eine lange Kette.

Wir gucken einfach mal, was du so hast“, sagte Strehlow und ging in die Küche. Er sah in ihren großen Kühlschrank, aber in dem Kühlschrank war nur sehr wenig. Fast gar nichts. Etwas Fenchel. Reismilch. Marmelade. Eingefrorener Schnittlauch. Geschimmeltes Pesto im Glas. Ein Rest Butter.

„Gehn wir eben aus“, sagte Olve.

„Geht nur!“, sagte Neni und schnaubte sich die Nase.

„Na, ich bleibe hier“, sagte Strehlow und Olve blieb dann auch. Sie saßen in Nenis warmem Wohnzimmer, Neni stellte Musik an und rauchte eine Zigarette auf dem großen Sessel, aschte auf ihren alten Tisch und redete über Arndt. Sie sagte kaum was Gutes über ihn, nur dass er sexuell ganz gut gewesen wäre.

„Sexuell war er ganz gut“, sagte sie, und Strehlow fragte sich, wie sowas sein konnte, dass jemand in allem eigentlich nicht so gut, aber sexuell doch gut sein konnte. Wieso konnte er selber sexuell nicht ganz gut sein, wie Arndt, jedenfalls glaubte er nicht, dass eine Frau über ihn mal sowas gesagt hatte, dass er sexuell ganz gut gewesen wäre. Über ihn sagten sie meistens, dass er nett wäre. Da ist irgendwo ein Fehler, dachte er. Er sah Olve an, wie er die Beine übereinandergeschlagen und sich ganz in das Sofa eingeschmiegt hatte. Olve schlug vermutlich mehr in Arndts Richtung. Oder nein, Olve war ein ganz anderer Mensch als Arndt. Arndt war breit und schwer und ließ sich nie beirren. Er sagte, was er dachte, er schmeichelte niemandem, nicht mal Neni, seine Ehrlichkeit war direkt brutal. Olve dagegen war an Ehrlichkeit nicht besonders interessiert, Olve ging es mehr um das Schöne und Elegante, er sagte oft Sachen einfach so, um sie auszuprobieren, weil sie sich gut anhörten, er glaubte auch gar nicht an Wahrheit und solche Dinge, er glaubte nur daran, dass eigentlich nichts im Leben besonders viel bedeutet, nicht mal er selbst, daraus leitete sich auch seine gewisse, merkwürdigerweise ein bisschen arrogante Bescheidenheit ab.

„Irgendwas müssen wir aber essen“, sagte Olve. „Gehn wir zu dem Jäger. Der hat ja einiges da.“

„Der Jäger“, sagte Neni.

„Hier gibt es doch sicher einen Supermarkt, hier irgendwo?“, sagte Strehlow, weil er gar nicht gern zu dem Jäger wollte.

„Eigentlich nicht“, sagte Neni.

Darum gingen sie zu dem Jäger und als einziger Laden in dieser schönen, schimmernden Silvesterstraße hatte der Jäger noch seinen Laden geöffnet.

„Sie haben wohl heut Abend nichts Besseres vor“, sagte Strehlow, als sie den Laden zu dritt unter den Klängen des wundersamen Gongs betraten.

„Für mich ein Tag wie jeder andere“, sagte der Jäger.

„Na, gut für sie“, sagte Neni, „wir kaufen jetzt nämlich noch eine ganze Menge ein.“

Und sie kaufte eine ganze Menge ein. Sie kaufte sogar eine Flasche mit Trüffelöl, das nahm sie der busigen Gartenzwergfrau vom Tablett. Sie kaufte Champagner und eingelegte Pilze, sie kaufte überhaupt Eingelegtes, denn Frisches gab es ja gar nicht, sie kaufte Kuchen in Dosen und Pralinen, sie kaufte nichts, was irgendwie ein vernünftiges Essen war, denn so etwas gab es hier gar nicht. Und am Ende musste sie vierhundertsiebenundachtzig Euro bezahlen.

„Ich geb dir was zu“, sagte Strehlow und Olve lachte.

Neni lachte auch und öffnete die erste Flasche Champagner im Laden.

„Hätten sie Gläser?“, fragte sie den Jäger. Erstaunlicherweise holte er tatsächlich Gläser.

„Und“, sagte Neni, „nehmen sie sich auch ein Glas!“

„Ich trinke nicht“, sagte der Jäger.

„Es ist Silvester“, sagte Neni. „Sie müssen trinken!“

„Ach so?“, fragte der Jäger.

„Sie müssen nicht trinken“, sagte Strehlow.

„Er muss“, sagte Neni und schlang ihre Arme um den Jäger. Das war allerdings frech. Er schlang sie von sich ab und schob sie ein Stück weg.

„Ich möchte jetzt schließen“, sagte er.

„Er wirft uns raus“, sagte Olve.

Strehlow nahm Neni am Arm. Sie war noch nicht mal betrunken, aber sie war in so einer Stimmung. Sie hatte ihre Seelenlage nicht im Griff. Das kam von der Trennung vom Arndt her.

„Sie ist nicht immer so“, sagte Olve zum Jäger.

„Entschuldigt ihr euch wegen mir?“, sagte Neni.

„Ich würde ja trinken“, sagte der Jäger, der offenbar wankte.

„Ja? Ja? Ja?“, sagte Neni. „Es ist Silvester!“

Er wiegte seinen Kopf, aber dann trank er. Er war vielleicht Alkoholiker, denn als er angefangen hatte, trank er rasch mehr und dann war die Flasche alle. „Ich mach noch eine auf?“, sagte er, und öffnete sofort die nächste Flasche. Die tranken sie auch rasch aus und dann fragte Neni in einer neuen Anredeform: „Feierst du wo?“

Er zuckte mit den Schultern. Sie schleppte ihn mit in ihre Wohnung und da waren sie dann, Strehlow, Olve, Neni und der Jäger. Sie öffneten alle Dosen, tanzten zu „It’s a Kind of Magic“ und alle waren verliebt in Neni, das sah Strehlow ganz genau. Strehlow war selbst am meisten verliebt in Neni, aber er hatte sich damit abgefunden, dass sie ihn nicht zurücklieben wollte. Im sanften Leiden kann man sich auch ganz gut einrichten, so war es bei Strehlow und er fühlte sich eigentlich damit wohl. Vielleicht litt er auch gar nicht so besonders. Der Jäger aber, das sah Strehlow genau, war ganz frisch in Nenis Bann, und was er für ein Mensch war, das konnte man jetzt noch ganz schlecht sagen. Ein Jäger war er jedenfalls nicht.

„Ist das ein gutes Gefühl, wenn man ganz allein im Wald ist?“, fragte Neni.

Der Jäger zuckte mit den Schultern.

„Es ist vor allem einsam“, sagte er und sah sie so an, so als könnte er sehr einsam sein.

„Das kann ich mir denken“, sagte Neni, „aber trotzdem ist es doch auch gut, so im Wald einsam zu sein, oder?“

„Was soll daran gut sein?“, fragte Olve, der auch recht einsam war, seit seiner Scheidung.

„Ich weiß nicht, man trifft sich vielleicht selbst, in der Einsamkeit.“

„Und das soll gut sein?“, fragte Olve.

„Ich treffe mich ungern selbst“, sagte Strehlow und dachte, dass das stimmte. Aber er wusste, dass es notwendig war, gerade jetzt noch mehr als sonst. Es hatte sich im letzten Jahr immer mehr ein Gefühl in ihm breit gemacht, es war ihm so, als würde er seinem eigenen Leben nur beiwohnen. Gerade heute hätte er vielleicht mal alleine bleiben sollen, er hätte sich vielleicht der Einsamkeit aussetzen, über eine Veränderung an sich selbst nachdenken sollen. Aber gewiss hätte er das nicht ausgehalten.

„Ich glaube, es geht mehr darum, Tiere abzuschießen“, sagte der Jäger.

„Und wie ist das so?“, fragte Neni.

„Ich weiß nicht“, sagte der Jäger.

Olve öffnete die Dose mit dem Wildschweinfleisch. Der Fleischgeruch durchzog den Raum. Neni verzog das Gesicht.

„Du jagst aber gar nicht?“, fragte Strehlow.

„Natürlich jagt er nicht. Er ist gar nicht der Typ“, sagte Olve.

Dann klingelte es, und Neni ging zur Tür. Sie diskutierte dort herum und kam dann mit Arndt zurück. Arndt hatte einen roten Kopf. Das kam vielleicht davon, dass er keine Mütze aufgehabt hatte und Schnee auf ihm drauf lag.

„Die Knalltüten sind auch schon da“, sagte Arndt und sein Blick blieb beim Jäger hängen. „Und der da?“

„Das ist unser Jäger“, sagte Neni, obwohl es mehr nur ihr Jäger war. „Und das ist Arndt.“

Arndt ließ sich in den Sessel fallen, in dem vorher Neni saß, die jetzt keinen Platz mehr hatte.

„Ich wollte eigentlich ganz woanders sein“, sagte Arndt.

„Und warum bist du’s nicht?“, fragte Olve.

Arndt sah ihn eine Weile an, nicht böse, er lächelte freundlich. „Olve“, sagte er, „dir hau ich beizeiten noch mal eine rein.“

Olve nickte ein paar mal mit dem Kopf.

Der Jäger zog seine Jacke aus und jetzt wurde es interessant. Denn als der Jäger seine Jacke ausgezogen hatte, sah er plötzlich ziemlich gut aus. Das fiel auch Arndt auf.

„Was bist du für ein Clown?“, fragte er und er sah ihm so direkt ins Gesicht, wie er jedem ins Gesicht sah, so als wollte er jedem gleich eine reinhauen, allein mit seinem Blick. Strehlow erwartete auch immer, dass er wütend wurde, aber das passierte gar nicht, eigentlich hatte er ihn bisher meistens nur lächeln sehen.

Den Jäger beeindruckte Arndt nicht. Er sah ihn genauso frech an, wie Arndt ihn frech ansah. Neni stand zwischen den beiden und kaute an ihren Fingern.

„Ich denke, ich geh dann mal“, sagte der Jäger.

„Nein, nein, nein“, sagte Neni und legte ihre nassgekaute Hand auf seine Schulter.

Arndt sah es nicht gern.

„Was soll’n das werden?“, sagte er.

Draußen zischten ein paar Raketen hoch.

„Was is’n das hier überhaupt für ’ne scheiß Party?“, fragte Arndt.

Strehlow gab ihm im Stillen recht.

„Du warst nicht eingeladen“, sagte Neni

Der Jäger war aufgestanden. Er streckte sich und er hatte einen wirklich schönen Körper. „Also“, sagte er, „ich will noch wohin, bisschen feiern.“

„Warum bist du dann hier mitgekommen?“, fragte Olve.

„Wegen ihr“, sagte der Jäger und sah Neni an.

„Jaaaaa…“, brüllte Arndt und plötzlich pfiff alle Luft aus ihm raus. Er lächelte immer noch, aber er fiel in sich zusammen. „Kann man verstehen“, sagte er leise. „Kann man verstehen.“

Der Jäger zog seine Jägerjacke wieder an und ging, um seine warme Winterjacke zu holen. „Wenn einer mitkommen will.“

„Ich würde“, sagte Neni.

„Du hast Gäste“, flüsterte Arndt und legte seinen Kopf auf seine Arme. Arndt war ein ziemlicher Brocken. Er lag mit seinem ganzen Oberkörper auf dem zierlichen, alten Tisch und die ganzen Dosen und Flaschen rollten um ihn herum. Draußen zischte es wieder.

„Noch ein-mal Queen!“, flehte Strehlow, er hatte plötzlich Angst. Er dachte, wenn Neni jetzt mit dem Jäger wegging, dann würden sie alle drei hierbleiben müssen, für immer. Dann würde er so leben, zwischen den vierhundertsiebenundachtzig Euro teuren Dosen und Flaschen, und würde ewig darauf warten müssen, dass ein Jahr zu Ende ging und ein neues begann. Aber das Jahr würde nicht enden und das Jahr würde auch nicht beginnen. Er würde nicht zu schlimm leiden, weil er im Leiden geübt war und weil er das Leiden verstand, aber es würde sich niemals etwas ändern. Niemals.

Er sprang auf, er stellte das Lied an und fing schüchtern an zu tanzen. Freddy Mercury, dachte er. Der ist es ganz anders angegangen. Dann tanzte er bald wie einer, den es gepackt hatte. Er schüttelte seine Arme und Beine, die ihm fremd vorkamen. Er tanzte wie ein Verzweifelter. Er wollte teilnehmen. Er wollte unbedingt teilnehmen. Der Jäger, in seiner dicken Winterjacke, er stand erst eine Weile da, aber dann nahm er Neni in seinen Arm und tanzte mit ihr, dabei konnte man nach dem Lied gar nicht tanzen. Aber das war egal. Sie tanzten und jeder konnte sehen, sogar Arndt, dass sie ein Paar waren, das auch nach nicht tanzbaren Liedern tanzen konnte, obwohl sie gar kein Paar waren. Jedenfalls wussten sie es noch nicht. Aber Strehlow wusste es, während er tanzte wie ein Irrer, und vielleicht Arndt und vielleicht auch Olve, der gar nie richtig angefangen hatte, Neni zu lieben, aus Angst vor den Konsequenzen. Olve hätte so eine aussichtslose Liebe gar nicht überstanden. Er hatte gar nicht die Stärke, die Strehlow hatte. Strehlow zerbrach nicht an den Dingen, er konnte all den leidvollen Dingen in seinem Leben sogar meistens etwas Gutes abgewinnen.

Sie tanzten schließlich alle, sie tanzten sich in etwas hinein, sogar der erschütterte Arndt, der taumelte und sich am Schrank stieß, sie tanzten und danach tanzten sie gleich noch einmal, nach dem gleichen Lied. Es war ein wundervolles Lied. Es war ein wundervoller Abend. Neni ging dann doch nicht, und weil Neni nicht ging, ging auch der Jäger nicht. Und das war ein erster Fehler, überlegte sich Strehlow heftig tanzend. Wenn der Jäger gegangen wäre, wohin er wollte, dann wäre er vielleicht was für Neni gewesen, aber weil er geblieben war, würde er so enden wie Arndt. Aber das war egal. Sie tanzten und aßen aus Dosen und tranken Champagner. Sie waren vier Männer und eine Frau und das war kein gutes Mann-Frau-Verhältnis, aber Arndt schlief bald auf dem Sessel ein, da waren sie nur noch drei Männer und eine Frau. Neni machte gar nicht besonders viel mit dem Jäger rum. Sie sprang herum und küsste mal den und mal den und freute sich und war vielleicht gar nicht in der Lage, eine Frau für einen einzigen Mann zu sein.

„Wir sind doch eigentlich ganz gute Typen?“, fragte Olve Strehlow. „Seh’n gut aus und so“ – als sie frierend gegen drei Uhr nach Hause liefen. Draußen lag eine Schicht Schnee über dem ganzen Müll. Es knallte noch und manchmal stieg immer noch eine Rakete auf.

„Warum feiern wir dann jedes Jahr mit Neni Silvester?“

„Weil sie eine sehr tolle Frau ist“, sagte Strehlow.

„So wird das nichts“, sagte Olve und schubste Strehlow in einen Haufen Schnee und schmutziger Raketen.

„Ich bin voller Zuversicht“, sagte Strehlow, rappelte sich auf und sah dem neuen Jahr mutig ins dunkle Gesicht.

Katrin Seddig, 47, ist Schriftstellerin und lebt in Hamburg. Ihr jüngster Roman „Eine Nacht und alles“ ist bei Rowohlt Berlin erschienen, ihre Kolumne „Fremd und befremdlich“ gibt es mittwochs in der taz.nord.

Imke Staats, 50, ist Illustratorin und lebt ebenfalls in Hamburg. Sie unterrichtet an Schulen und zeichnet auch Konzerte und Partygesellschaften.

Strehlow wollte nicht fragen, was. Es sah nicht aus, als ob Olve schon was in der Tasche hatte. Sie waren in einer Gegend unterwegs, wo es eine Menge hübscher Läden gab, die den Eindruck erweckten, dass es sie seit hundert Jahren mindestens schon gab, aber trotzdem war es alles neu. Es gab hier in der Gegend nur gute Sachen, und jede einzelne Fischdose war so teuer und sah so nach was aus, dass man sie einwickeln, eine Schleife drumbinden und verschenken konnte. In so einer Gegend wohnte Neni nun mal. Strehlow ging in den nächsten Laden, Olve hinterher, drei Treppenstufen hoch und durch ein Gonggeräusch, das so hübsch und klar und elegant war, dass Strehlow sieben Euro dafür bezahlt hätte, wenn es jemand irgendwo aufgeschrieben hätte, dass so ein Gonggeräusch so viel kostet.

Ein älterer Herr in einer Jägerjacke stand hinter einem Verkaufstresen, aber je näher Strehlow ihm kam, um so jünger wurde er und am Ende war er eigentlich so ungefähr dreißig oder vierzig. Der Mann war voller Zurückhaltung und sowas mochte Strehlow an Verkäufern und an Läden, wenn sie nicht auf ihn zusprangen und ihm was verkaufen wollten. Am liebsten waren ihm Läden, die gar nichts verkaufen wollten. Leere Läden und Verkäufer, die irgendwo in einer Ecke schliefen. Solche Läden gab es aber nicht in Europa, jedenfalls nicht in Hamburg.

In diesem Laden gab es einiges, es stand in grünen Regalen zwischen Pilzen und Rehen, es war doch alles sehr von der Jagd durchdrungen. Es gab Getränke und Dosen mit Wurst, aber auch kleine Kuchen und Schürzen, Ledertaschen und Gürtel, es gab Bücher über die Kunst, allein zu sein, und eine vollbusige Zwergenfrau, die einen Teller hielt, auf dem runde, schwarze Trüffel in Ölflaschen standen.