Daniel Zylbersztajn über die Medien und die Messerattacke in London

Das Problem heißt nicht Terror

Alle waren sie da, am Russell Square in London. Endlich durften auch Londoner KollegInnen von der Welle des nunmehr europaweiten Terrors berichten, über Daesch oder nur verrückte Täter, in alle Welt und in allen Sprachen. Aber viele übersahen in ihrem Eifer vollkommen das größte Problem in London.

Zwischen Mai 2015 und April 2016 gab es in London 3.160 Messerstechereien mit insgesamt 2.964 Opfern, eine andere Statistik, die den Zeitraum von März 2015 bis März 2016 beleuchtet, verbuchte sogar 9.000 Kriminalvergehen, bei denen der Gebrauch eines Messers zugrunde lag. 1.623 der Opfer waren Menschen unter 25 Jahre alt, 866 unter 20 Jahre, 291 der Verletzungen waren schwerwiegend, 12 Jugendliche verloren ihr Leben.

Erst im Juli kam es bei einer Wasserschlacht am Badesee im Hyde Park zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, bei denen zwei Teenager mit Messern schwer verletzt wurden. In vielen Londoner Freibädern gibt es seitdem Taschendurchsuchungen.

Die meisten der jungen Gewaltopfer sind männlich, schwarz oder haben Migrationshintergrund. Über sie spricht höchstens die Londoner Lokalpresse. Wer in London Teenager ist, weiß, dass man emotional beladene Übeltäter aus der Nachbarschaft mehr zu fürchten hat als amtlich psychisch gestörte Menschen oder selbst ernannte Militante der einen oder anderen Gattung.

Der neue Londoner Bürgermeister, Sadiq Khan, weiß um die Lage. Neben Vorbereitungen auf potenzielle Terrorangriffe rief er im Juli ein 400.000-Pfund-Programm gegen Messerverbrechen ins Leben, ein Versprechen seiner Wahlkampagne. Sollte einer der JournalistenkollegInnen, die aus London aktuell so besorgt über Terror und Attentate im Zentrum Londons berichten, Kinder haben – sie werden sich eines Tages bei Khan bedanken müssen. Auch wenn sie selbst nichts über die Gewalttaten unter und gegenüber sozial benachteiligten Jugendlichen berichtet haben.

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