Hofbesuch An diesem Samstag demonstrieren Zehntausende in Berlin gegen Agrarindustrie, Gentechnikund falsche Landwirtschaftspolitik. Darunter Kleinbäuerinnen wie Kirsten Hänsel aus Müncheberg

Sie hat es satt

Noch so einen Sommer wie 2015, als es im Oderbruch drei Monate lang nicht regnete und Kirsten Hänsel schon Winterfutter an ihre Rinder verfüttern musste, hält sie finanziell nicht durch

von Waltraud Schwab
(Text) und Dagmar Morath (Fotos)

In Müncheberg, unweit der Grenze zu Polen, lebt Kirsten Hänsel auf einem Bauernhof. 40 Rinder, 20 Schafe, fünf Ziegen hat sie. Weil Milchbauern und -bäuerinnen von Milch nicht mehr leben können, betreibt sie Mutterkuhviehwirtschaft. Aber der gelegentliche Verkauf von Jungrindern, 1.000 Euro kriegt sie für ein Zweijähriges, das ungefähr 250 Kilo wiegt, bringt auch kaum genug ein für sie und die zwei Kinder. Deshalb arbeitet Hänsel im Sommer, wenn die Tiere auf der Weide sind, auch in einer Gärtnerei.

Draußen: Eine Winterfahrt von Berlin Richtung Osten in das Oderbruch, vorbei an Wäldern und Äckern im Schwarz-Weiß-Muster, im Salz-und-Pfeffer-Muster: Schwarz sind die Baumstämme und kahlen Äste, die Maulwurfshügel, Ackerschollen und abgestorbenen Goldruten vom letzten Jahr, die kerzengerade die Bahngleise säumen. Weiß sind die Reste vom nicht geschmolzenen Schnee.

Drinnen: Organisiertes Chaos herrscht in Kirsten Hänsels Küche. Töpfe stehen neben dem Radio, Kerzen neben Zeitungsstapeln, Gewürze neben Geschirr Alles passt zu allem. Mit einem Holzherd wird die Hausheizung befeuert. Zentrum des Raums ist der alte Tisch mit ausgewaschenem Furnier. Hier läuft alles zusammen: Alltagsfreuden, Alltagsleid. Lieben werden gefestigt, Trennungen besiegelt und Ideen geschmiedet. Oft wird auch Essen aufgetischt. Kirsten Hänsel kocht gerne.

Was macht sie: Eigentlich war sie ein kränkelndes Stadtkind aus Treptow in Ostberlin. „Gegenüber dem sowjetischen Ehrenmal bin ich aufgewachsen.“ Alle, die Berlin kennen, hätten sofort ein Bild im Kopf, wenn sie das erzählt. Als sie drei war, kam das Asthma – schlimmes. 60 Fehltage in der Schule im Jahr seien normal gewesen. Wahrscheinlich sei die Geburt ihrer Schwester auslösendes Ereignis: „Erstgeborenentrauma.“ Ihre Eltern wollten einen ruhigen Bürojob für die gesundheitlich fragile Tochter. Sie aber wollte Erde, Wasser, Luft, Blumen und „Viecher“. Sie hat Zierpflanzengärtnerin gelernt und später „Agrar­ingenieur für Versuchswesen Pflanzenproduktion“ studiert. („Handlanger für die Wissenschaftler ist man dann.“) Jetzt aber hat sie zwanzig Mutterkühe im Stall, dazu die Kälber, die Ochsen und den Bullen, Otfried heißt er.

Im Kuhstall: Majestätisch wirken die Kühe. Sie stehen im Stall der ehemaligen LPG „Zur aufgehenden Sonne“ – einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in der DDR. Kompakte 600-Kilo-Tiere, braun oft, manchmal auch fast schwarz oder weiß-schwarz gefleckt. Die Haare auf ihrem festen, glänzenden Fell sind gekräuselt. Mit ihrer langen Zunge umwickeln sie das Heu, um es ins Maul zu ziehen; beim Kauen schmatzen sie. „Gelbvieh“ und „Altdeutsche Schwarzbunte“ heißen die vom Aussterben bedrohten Rassen. Hänsel kreuzt sie auch. Die Hörner werden ihnen nicht wie bei konventionell gezogenen Rindern gekappt. Tags zuvor kam Zuwachs: Zwei Kühe haben gekalbt. Draußen im Auslauf des Stalls sind die Jungen zur Welt gekommen. Hänsel musste sich nicht die Nacht um die Ohren schlagen und ihnen helfen: „Die Kühe machen das alleine.“ Ihre Tiere bekommen – anders als in der Massentierhaltung – möglichst keine Antibiotika, „selbst bei einer schwierig zu behandelnden Euterentzündung“, erklärt die Bäuerin. Sie hat eine Ausbildung in klassischer Homöopathie und eine als Tierheilpraktikerin gemacht und hofft, dass sie damit etwas Geld dazuverdienen kann.

Drinnen herrscht sympathisches Chaos

Das Unbehagen: „In der DDR ging es immer um Optimierung“, sagt Hänsel. Auch im Forschungsinstitut in Müncheberg, wo sie bis zur Wende arbeitete. Aber schon als sie studierte, traf sie auf Leute, die fanden, dass es der falsche Weg sei, auf Teufel komm raus Pflanzen und Tiere auf immer größeren Ertrag zu züchten. Nach dem Mauerfall schien plötzlich vieles möglich: Alternative und naturnahe Konzepte waren für die jungen Leute zum Greifen nah, es gab Land, es gab Höfe und Kredite. Sie probierten es aus.

Der Aufbruch: 1992 gründete Hänsel mit anderen auf dem ehemaligen LPG-Gelände bei Müncheberg den „Hof Apfel­traum“. 130 Hektar bewirtschaften sie. Sie machen biologisch-dynamische Landwirtschaft mit einem naturnahen Wirtschaftskreislauf, mit Tierhaltung und Ackerbau, mit Idealismus und Lust. „Es war eine besondere Zeit, so frei, so offen, so experimentierfreudig. Weil niemand genau wusste, wie es geht, konnte man einfach machen.“ Einer der Gründer wurde ihr Mann. Zwei Kinder kamen dazu.

Die Veränderungen: Nach zehn Jahren hatte sich die Idee, dass alle alles machen, überholt. Sie trennten die einzelnen Bereiche auf, Kirsten Hänsel übernahm die Tierhaltung. Denn der karge Brandenburger Sandboden braucht den Tiermist, damit überhaupt etwas darauf gedeiht. Noch ein paar Jahre später trennten sich auch Kirsten Hänsel und ihr Mann. Seit vier Jahren ist sie alleinerziehend.

Kleinbäuerliche Landwirtschaft: Eigentlich sei die Arbeit kaum zu schaffen. Aber Hänsel liebt sie. Sie liebt ihre Tiere, sie liebt die Gartenarbeit. „Ich will nicht glauben, dass man von der kleinbäuerlichen Landwirtschaft nicht leben kann“, sagt sie. Käme jedoch noch ein Sommer wie der letzte, wo es im Oderbruch drei Monate nicht regnete, die Äcker vertrockneten, „kein Gras für die Tiere“, dann muss sie die Herde verkaufen. „Im Sommer haben wir schon Winterfutter verfüttert.“

Der Nebel scheint das Haus zu schlucken

Schreiende Schweine: Dass die Politik den Kleinbauern unter die Arme greift, darauf hofft sie nicht mehr. Die Regierung in Brandenburg setzt andere Akzente: Großbetriebe. Mastanlagen. Für drei Millionen Euro hat ein holländischer Investor bei Müncheberg eine Schweinemastanlage gebaut. „Es stinkt, das Grundwasser ist nitratverseucht, die Tiere schreien.“ Wenn es den Tieren gut ginge, würden sie nicht so schreien, sagt sie. Gerade war das Volksbegehren gegen den Ausbau der Massentierhaltung erfolgreich. Hänsel unterstützte es.

Dagegenhalten: Die Rechten ziehen jetzt über die Dörfer und protestieren gegen Flüchtlinge. Sozialdemokraten, Linke und engagierte Menschen halten dagegen. („Auf dem Hof Apfeltraum beackern Flüchtlinge ein eigenes Feld. Allerdings nur Männer.“) Auch Hänsel demonstriert gegen Fremdenfeindlichkeit und Hass. Vor einer Woche war sie in Heinersdorf. „Was die Nazis für Müll erzählen, nicht zum Aushalten“, sagt sie. An diesem Samstag geht sie in Berlin auch auf die Straße, wenn 50.000 Bauern und Bäuerinnen gegen industrielle Landwirtschaft, Agrarindustrie, Gentechnik, gegen Monsanto und Co demonstrieren. „Wir haben es satt“ ist das Motto.

Und wie findet sie Merkel: „Oh Gott“, sagt sie. Mehr nicht.

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