Lyrik Hübsch ausgedacht, aber sprachlich und theologisch zu leichtgewichtig: „Die Kunst an nichts zu glauben“ von Raoul Schrott

Ein Dichter macht es sich leicht

Schrott geht noch von Gott als Ganzheit aus: Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna Foto: G.Croppi/Schapowalow

von Eberhard Geisler

Raoul Schrott hat sich für seinen neuen Gedichtband – „Die Kunst an nichts zu glauben“ – etwas Besonderes ausgedacht. Er will auf einer Italienreise in einer Bibliothek in Ravenna ein um das Jahr 1700 entstandenes, italienisch abgefasstes Manuskript mit dem Titel „Manual der transitorischen Existenz“ entdeckt haben, das er einem gewissen Matthias Knutzen zuschreibt, der tatsächlich von 1646 bis 1674 gelebt hat, von Pierre Bayle in seiner Enzyklopädie erwähnt wird und durch seine religionskritischen Schriften in die Geschichte der Aufklärung eingegangen ist.

Schrott wechselt nun Zitate aus diesem Manuskript mit eigenen Gedichten ab, wobei nicht ganz klar wird, ob er die fremden Passagen wirklich vor Augen gehabt oder sie bloß erfunden hat – manche Stellen wirken eher, als stammten sie von heute. Jedenfalls handelt es sich bei diesem rätselhaften Manuskript um das Bekenntnis zu einer gottlosen Weltlichkeit, das sich von jeder Jenseitshoffnung abkehrt und auch ein älteres, historisch belegtes Traktat – „De Tribus Impostoribus“ (Von den drei Hochstaplern) – zitiert, in dem Moses, Jesus und Mohammed als Betrüger dargestellt werden. Die Welt ist demzufolge ein Zufallsprodukt, das dem Menschen lediglich ein Hier und Jetzt gewährt, keine Teleologie mehr kennt und nur durch Beziehungen und Strukturen statt Essenzen geprägt ist. Dem Menschen ist zu vermitteln, dass er nichtig und sterblich ist.

Raoul Schrott ist ein vielseitig tüchtiger Autor mit breiten Interessen. Nach einer Dissertation über den Dadaismus habilitierte er sich in komparatistischer Literaturwissenschaft, schrieb Romane, Gedichte, Essays und trat als Übersetzer hervor. Er übertrug unter anderem Homers „Ilias“ und wirbelte unter den Gelehrten einigen Staub auf, weil er in begleitenden Schriften die These vertrat, Homer müsse angesichts von Parallelen zwischen seiner Dichtung und altorientalischen Schriften im assyrischen Kulturraum gelebt haben. Schrott spricht Provenzalisch und Gälisch.

Trotzig heißt es, dass es keines ­anderen Wunders bedürfe als der ­Blumen am Wegrand

Die Gedichte aus Schrotts eigener Feder im neuen Band lassen nun, von Ausnahmen abgesehen, verschiedene Berufe Revue passieren, die auf ihre Weise sämtlich dem Tenor des Manuals entsprechen und die Haltlosigkeit der Existenz konstatieren: die Fotografin, den Busfahrer, den Museumswächter, die Dolmetscherin, die Ornithologin, den Architekten. Trotzig heißt es, dass es keines anderen Wunders bedürfe als der Blumen am Wegrand, wenngleich in der Natur keine Seele zu finden sei. Aufseiten des Menschen gibt es kein stabiles Ich, das je bei sich selbst ankommen könnte, um Ruhe zu finden. Zwar wird Verständnis für das Begehren nach Transzendenz geäußert und die Sehnsucht nach dem Unbekannten, danach, irgendwo Gehör zu finden, als Sehnsucht anerkannt, aber Schönheit ist letztlich eben nur im Scheitern, in der Nichterfüllung, zu finden, und Sterblichkeit nicht aufzuheben.

Schrott gelingen gelegentlich reizvolle Formulierungen, etwa wenn er notiert: „Wir sind wiedergänger · stets auf denselben fährten / die wir verwischen wie die taxis frühmorgens den winter der stadt“. Trotzdem ist sein Buch poetisch insgesamt eher fragwürdig geraten. Gelegentlich finden sich hier Reime, die aber gleichsam aus dem Ruder laufen. Zielt der Reim auf Regelmäßigkeit ab, so wird er hier unregelmäßig, gezwungen und klappernd gebraucht (“der fels sich als gestein offenbarend / brüchig und voller risse · sich daran erfahrend“). Bedeutende Lyrik sollte auch dem Ausdruck der Ungewissheit und menschlichen Offenständigkeit eine abgerundete Form geben können. Will man den Gedanken der Harmonie ironisieren, gibt es andere Verfahren, die nicht die Sprachmächtigkeit des Dichters infrage stellen.

Auch mit den Zitaten aus dem italienischen Manuskript – authentisch oder nicht – hat sich der Autor keinen Gefallen getan. Sein Versuch von Intertextualität ist zwar insofern konsequent, als die Wahrheit in der Moderne zergangen ist und es kein Zentrum mehr gibt. Er wirkt insofern aber irritierend, als die lyrische Stimme immer auf einen anderen Text verweist, ganz als habe sie kein Vertrauen in den eigenen Diskurs; sie wird dadurch ausgehöhlt. Berührend wird Dichtung wohl aber erst dann, wenn sich abzeichnet, dass das Disperse sich fügt und – inmitten all seiner Unbehaustheit – ein Individuum sich als unverwechselbare Stimme meldet.

Schrott präsentiert das Bewusstsein eines zwar um Zeitgenossenschaft und damit um geistige Schonungslosigkeit bemühten, aber doch wohl eher durchschnittlichen Intellektuellen, und das könnte für gelingende Dichtung am Ende nicht genug sein. Vor allem mit seinen theologischen Gegnern hat er es sich zu leicht gemacht. In dem Knutzen zugeschriebenen Text wird ein überholtes Weltbild zitiert, um als antitheologisches Argument herzuhalten: In ihm kreisen noch unveränderliche Kristallsphären um die Erde, und Gott, die Engel und alles Gute schweben darüber.

Sodann setzt Schrott an einem Gottesbegriff an, der noch traditionell als Einheit gefasst ist: „Da ist nicht der eine Punkt, die eine Figur, in der sich alles fassen lässt, da sind immer wieder neu sich ergebende Fluchtlinien, die sich über die Seiten ziehen, ohne eine alles umfassende Gestalt zu ergeben.“ Tatsächlich ist nach Heidegger ein Denken in metaphysischen Ganzheiten überwunden, aber die Philosophie hat längst einen Gottesbegriff angedacht, der nicht mehr unter dem Bann solcher Einheit steht. Schelling, die Frühromantiker und Kierkegaard dekonstruieren das Absolute und belassen es gleichwohl; ihnen gilt das Göttliche als unendlicher Trieb, sich selbst immer wieder zu begrenzen.

Derartiges zu konzipieren ist Schrott nicht in der Lage. Er prügelt auf abgestorbene Traditionen ein und meint naiv, damit auch schon die Gottesfrage selbst erledigt zu haben. Er entscheidet sich für den Atheismus und fällt damit in bloße Weltanschauung zurück. Sollte man es nicht einmal eher mit dem Schwereren versuchen, etwas wie hellwacher Agnostik, die das Geheimnis nicht leugnet? Wir halten es darum mit Gottfried Benn, der, ohne wissen zu können, der Frage treu blieb: „Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, / woher das Sanfte und das Gute kommt, / weiß es auch heute nicht und muss nun gehn.“

Raoul Schrott: „Die Kunst an nichts zu glauben“. Hanser, München 2015. 168 Seiten, 17,90 Euro