Der Stadionsprecher „Die Leute kommen nicht meinetwegen ins Stadion“, sagt Christian Arbeit, Stadionsprecher von Union Berlin – dennoch ist er der heimliche Star des Vereins. Dabei war der Job nicht mal sein Traum, sondern eher Zufall. Ein Gespräch über Momente des Glücks auf dem Fußballrasen und die große Union-Familie

„Wir gehen im System des Profifußballs unsere eigenen Wege“

„Wirklich unfassbar war der Derbysieg gegen Hertha im Olympiastadion, da habe ich nach dem Abpfiff auf dem Rasen ein paar Tränen des Glücks vergossen“, sagt Union-Stadionsprecher Christian Arbeit über seinen glücklichsten Moment – hier aber steht er natürlich im heimischen Stadion

Interview Gunnar Leue
UND Jens Uthoff
Fotos Wolfgang Borrs

taz: Herr Arbeit, wann waren Sie das erste Mal hier im Stadion von Union?

Christian Arbeit: Das war im Oktober 1986. Ich war zwölf Jahre alt, Union spielte in der DDR-Oberliga gegen Vorwärts Frankfurt (Oder). Es ging 1:1 aus. Mein Vater war Union-Sympathisant, aber nicht oft im Stadion. An jenem Tag hatte er mich jedoch mal mitgenommen. Das Geschehen auf dem Feld war nicht besonders spektakulär, aber das war egal. Viel mehr faszinierte mich, was auf den Rängen los war. Da wurde laut gesungen, und es wurden Sachen gerufen, wo ich dachte: Ups, das ist frech, darf man das denn?! Seitdem war ich bei fast jedem Heimspiel.

Auch bei Auswärtsspielen?

Damals nur bei denen, die nicht so ganz weit weg stattfanden: Brandenburg, Frankfurt (Oder), einmal aber auch Aue, damals eine enorme Reise. Inzwischen bin ich natürlich bei allen Auswärtsspielen dabei.

Gab es nach der Schulzeit mal eine Auszeit?

Nach dem Abitur Anfang der 90er habe ich ein Jahr in London gelebt. Da konnte ich natürlich schlecht ins Stadion gehen. In die Zeit fiel aber ein entscheidendes Aufstiegsrelegationsspiel gegen Bischofswerda, zu dem bin ich geflogen. Wir haben 1:0 gewonnen, und ich flog mit einer Tasche voll Bierflaschen nach London zurück, wo ich mit meinem Zimmerkumpel den Aufstieg begoss. Wenige Tage später wurde Union die Lizenz für die Zweite Liga versagt [weil die Bankbürgschaft gefälscht war – Anm. d. Red.]. Eine Pause als Fan hatte ich nicht. Ich stand auch bei einem 5:5 gegen Chemie Guben im Nieselregen An der Alten Försterei.

2005 wurden Sie Stadionsprecher. Erfüllte sich damit ein Jugendtraum?

Nein, „ein Traum“ kann man nicht sagen – weil ich zu DDR-Zeiten nie auf die Idee gekommen wäre, dass man im Fußball überhaupt irgendwas arbeiten könnte, außer Spieler oder Trainer. Die Sache ergab sich letztlich nur durch Zufall. Ich hatte als Angestellter in der Kinobranche eine große Veranstaltung moderiert und wurde hinterher von Union-Mitarbeitern angesprochen. Bis dato hieß Union für mich: Freizeit mit Steak und Bier, auf den Rängen stehen und Lieder singen. Nun also für den Verein arbeiten mit allen Verpflichtungen? Das musste mit der Familie und Freunden besprochen werden.

Was war seitdem der schönste Moment als Stadionsprecher?

Meine schönsten Union-Momente haben gar nichts mit meiner Funktion als Stadionsprecher zu tun. Wirklich unfassbar war der Derbysieg gegen Hertha im Olympiastadion, da habe ich nach dem Abpfiff auf dem Rasen ein paar Tränen des Glücks vergossen. Oder der Aufstieg in die Zweite Liga 2009, dort war ich zwar Sprecher, aber es war halt auswärts im Jahn-Sportpark, weil unser Stadion gerade umgebaut wurde. Als ich hier nach der Fertigstellung der drei Stehränge das erste Mal den ­Rasen vor vollem Haus betrat – das werde ich nie vergessen.

Wie fühlt sich so ein volles Stadion kurz vor dem Spiel an?

Wahnsinnig! Da ist so ein Summen und Rauschen und Gemurmel. Ich empfinde das auch deshalb als so toll, weil ich noch weiß, wie es war, als ich hier auf den Rängen stand und wir davon träumten, dass überhaupt wieder 3.000 Leute kämen. Diese Erinnerung trage ich immer noch in mir, insofern ist da auch Stolz: Mann, was wir geschafft haben!

Wenn Sie vor dem Spiel mit dem Mikro den Rasen betreten, zelebrieren Sie ein Ritual. Ihr erstes Wort ist „Unioner“, es folgt eine kurze Pause für den anschwellenden Jubel, dann begrüßen Sie den Gäste­block …

… in der Kirche würde man es Liturgie nennen. Wenn ich in Richtung Mittelkreis gehe, Fans anfangen zu reagieren, weil sie mich sehen und es also gleich losgeht, ich ihnen „Unioner“ zurufe und dann der erste Jubel kommt – das ist ein Moment, den ich tatsächlich sehr genieße.

Hat was von Rockstar?

Dieses euphorisierende Gefühl kennt ein Eddie Vedder bei einem Pearl-Jam-Konzert wohl auch, aber der entscheidende Unterschied ist: Die Leute kommen nicht meinetwegen ins Stadion. Ich bin nur der, der den Abend eröffnet, quasi der Conferencier, die eigentliche Band kommt erst nach mir. Das erleichtert die Sache.

Hilft Ihnen die Bühnenerfahrung, die Sie als Sänger Ihrer Band The Breakers haben?

Christian Arbeit

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Der Sprecher: Christian Arbeit (41) ist Stadionsprecher und Geschäftsführer Kommunikation beim 1. FC Union Berlin und lebt in Köpenick. Arbeit ist ausgebildeter Sozialpädagoge, hat zuvor als Theaterleiter und im Bereich Marketing für ein Kinounternehmen gearbeitet. Seit 2006 ist er Stadionsprecher An der Alten Försterei, seit 2009 zudem Pressesprecher des Klubs. Spielt in seiner Freizeit Gitarre und singt in der Rockband The Breakers – beim Union-Weihnachtssingen spielt er allerdings Trompete, begleitet von seinen Eltern an Klarinette und Posaune.

Der Klub: Union tritt am dritten Spieltag der Zweiten Liga am Sonntag An der Alten Försterei gegen den 1. FC Kaiserslautern an (15. 8., 13.30 Uhr). Das Union-Saisonziel in diesem Jahr ist laut Coach Norbert Düwel Platz 1 bis 6, Präsident Dirk Zingler spricht vom kurz- bis mittelfristigen Aufstieg in die Bundesliga. Nach den ersten beiden Spieltagen steht Union auf Platz 12 – dem Auftakt-Remis gegen Düsseldorf (1:1) folgte eine 3:4-Niederlage beim SV Sandhausen. Auch beim DFB-Pokal verlor Union letztes Wochenende 1:2 gegen Viktoria Köln. (jut)

Schon, aber da gehe ich ja nicht allein auf die Bühne, und so ein großes Publikum haben wir auch nicht. Die Band ist reines Hobby. Wir spielen gern in einer brechend vollen Kneipe, sind aber immerhin auch schon mal in unserer Haupttribüne aufgetreten. Das war toll.

Ihre rock-‘n‘-rollige Attitüde kommt bei den Fans gut an, Sie sind selbst eine Art Aushängeschild und Imageträger geworden. Ist Ihnen das bewusst?

Man merkt schnell, dass man im öffentlichen Raum laut für Union spricht und alles, was man tut und sagt, genau registriert wird. Trotzdem sollte man sich nicht permanent Gedanken machen, dass jemandem irgendein Wort nicht passen könnte. Unser Präsident hat das mal gut beschrieben: Wichtig ist, dass wir bei Union auch in den verschiedensten Funk­tio­nen sein können, wie wir eben sind. Ich habe keinen Sprachkurs gemacht, ich schreibe mir vor einem Spiel keine Texte auf oder lerne welche auswendig. Natürlich stelle ich mich auf ein Spiel ein, und wenn es eine kompliziertere Situation im Vereinsumfeld gibt, denke ich ohnehin pausenlos darüber nach.

Eine komplizierte Situation gab es, als Union-Präsident Zingler wegen seines Armeedienstes im Stasi-Wachregiment in der Kritik stand. Sie hatten damals vor einem Spiel sinngemäß gesagt, da könne nur mitreden, wer aus dem Osten sei, was Ihnen wiederum Schelte einbrachte. Kam das spontan oder wohlüberlegt?

Beides. Klingt vielleicht seltsam, aber es gibt Themen, die kann man unzählige Male durchdenken, und man findet dann doch nicht ganz die richtigen Worte. Ich hatte auch da nichts aufgeschrieben und musste was loswerden. Ist mir bei anderen Themen besser gelungen.

Kommt es oft vor, dass Sie aus Rücksicht auf die ohnehin aufgeheizte Stimmung auf Worte verzichten, die Ihnen als Union-Fan auf der Zunge lägen?

Dass ich mich besonders zurückhalten muss, ist selten. Oft kann ich Bezug nehmen auf das, was die Fans sowieso bewegt und im Stadion zum Ausdruck bringen. Wenn zum Beispiel RB Leipzig [der angesagteste kommerzkapitalistische Hassverein der Republik – Anm. d. R.] kommt, wird alles, was es zu sagen gibt, von den Fans gesagt. So wie das Stadion keinen Anheizer braucht, braucht auch nicht jedes Thema eine offizielle Kommentierung. Da reicht es, wenn ich ein Fanplakat aus dem Union-Block vorlese, auf dem groß steht, welche Werte im Fußball man bei uns schätzt.

Union wird oft für seine An­ders­artigkeit und Fanverbundenheit gebauchpinselt. Verleitet das schon mal zu leichter Arroganz gegenüber anderen Vereinen?

Das war anfangs ein bisschen so, jetzt nicht mehr. Früher habe ich mir schon manchmal nach einem Spiel gedacht: Och, was du da gesagt hast, das war eigentlich nicht nötig. Heute ist es eher so, dass ich gelegentlich gefragt werde: Muss das sein, dass du die Gästefans immer so freundlich begrüßt?

Wenn Sie auswärts die Stadionsprecherkollegen mit Floskeln und Reklameansagen hören, denken Sie dann nicht: Oh Gott, was redet der denn da?

Ich achte in fremden Stadien immer darauf, ob es vielleicht etwas gibt, bei dem man sagt: interessant. Aber okay, es kommt auch häufig vor, dass ich bei Stadionsprechern denke: Puh, zum Glück muss ich das nicht machen. Nichts ist gruseliger als live gesprochene Werbung. Es ist ein großes Glück, dass es das bei uns nicht gibt.

Wäre es ein Kündigungsgrund, wenn es das irgendwann gäbe, weil der Verein vielleicht das Geld bräuchte?

Äh, hm … (stutzt). Interessanter Gedanke, muss ich mal drüber nachdenken. Ich glaube nicht, dass es diese Entscheidung gäbe, ohne dass ich irgendwie daran beteiligt wäre. Insofern behaupte ich mal, das gibt’s hier nicht. Da haben wir eine sehr puristische Art. Bei uns gibt es keine Tor- und Einlaufmusik, und in der Halbzeit findet kein Krimskrams statt, mit Torwandschießen oder dem Playbackauftritt einer Band. Obwohl wir einer von 36 Lizenznehmern der Liga sind, bedeutet das für uns nicht, dass alles, was gemacht werden kann, auch mitgemacht werden muss. Man kann auch innerhalb des Systems Profifußball eigene Wege gehen.

„Da ist so ein Summen und Rauschen und Gemurmel vor dem Spiel“

Siehe Stadionumbau unter Fanbeteiligung und auf eigene Vereinskosten. Die müssen aber auch wieder reinkommen durch eine weitere Nutzung des Stadions. Events wie das WM-Wohnzimmer 2014 finden einige Ultras schon zu viel des Kommerz.

Stimmt, es wurde viel diskutiert in der Szene, aber das ist ja das Normale und auch das Spannende in unserem Verein. Manche finden das WM-Wohnzimmer sicher bis heute blöd, andere haben ihre Meinung geändert, nachdem sie auf den mitgebrachten Sofas mittendrin saßen. Es gibt Fans, die sich wünschen, dass hier nicht anderes stattfindet als Fußball. Da muss man ehrlicherweise sagen: Das funktioniert nicht.

Für das Event bekam Union einen internationalen Award in Barcelona verliehen. Das Bild von Ihnen im Anzug ist der totale Kon­trast zu Ihren Stadionsprecherauftritten in Jeans. Müssen Sie sich an solche Galaauftritte im Schicki-Ambiente erst noch gewöhnen?

Also ich fremdle nicht im Anzug, auch wenn es anders scheinen mag. Diese Auszeichnung am Spielfeldrand im Camp Nou überreicht zu bekommen war ein schönes Gefühl, weil wir sie eben nicht für ein abgehobenes Event erhielten. Jeder, der wollte, konnte dabei sein. Viele, die auf den eigenen Sofas saßen, kannten sich untereinander. Es war letztlich eine im besten Sinne volkstümliche Idee. Etliche Leute sagten uns hinterher: Versucht, euch diese Fantasie zu erhalten und Dinge zu denken, die man sich woanders gar nicht mehr vorstellen kann.

Was auch ungewöhnlich ist: Sie verlesen in der Halbzeit Todesnachrichten über Unioner, die Ihnen Angehörige und Freunde schicken. Das ist oft sehr berührend, wie kürzlich der Brief des Vaters einer ermordeten Gymnasiastin, die beim Verein am Bierstand gejobbt hatte.

Es bewegt mich sehr, dass die Leute mit ihrer Trauer und Verzweiflung zu uns kommen, weil sie jemanden verloren haben, der hier im Stadion irgendwie mit zu Hause war. Für sie ist das öffentliche Verlesen ihrer Briefe eine Form des Abschiednehmens. Ich finde es wichtig, die Menschen auch in dieser Situation ernst zu nehmen und ihnen diese Möglichkeit zu geben, obwohl mir das oft nicht leichtfällt. Ich habe auch schon mal einen Brief nicht zu Ende lesen können … Man merkt selbst in ­solchen Fällen, wie groß der Verein inzwischen geworden ist, was auch bedeutet, wie viele wir geworden sind. Je mehr Menschen zusammenkommen, desto häufiger pas­sieren halt auch bestimmte Ereignisse. Und das ist so ein Punkt, wo man weiß, dass man irgendwann Grenzen erreicht und bestimmte Dinge vielleicht auch nicht mehr möglich sind. Wir holen zum Beispiel keine Pärchen mehr auf den Rasen, wenn einer dem anderen einen Heiratsantrag macht. Aber dieses Abschiednehmen gehört für viele irgendwie zu Union.

Wie kommen Sie mit dem Wechselbad als Ansager klar – eben noch einen tragischen Todesfall verkündet und kurz darauf in der 46. Spielminute vielleicht das 1:0 für Union?

Das hatte ich alles schon. Vielleicht ist man ähnlich wie ein Fußballer im Spielmodus: Ich weiß, Pause ist Pause, und danach ist wieder alles anders. Und die Leute wissen es auch. Eben wurde noch was Trauriges verlesen, und dann geht’s weiter mit einem donnernden „Eisern Union“. Das klingt, von außen betrachtet, nach einer gewissen Schizophrenie, aber es fühlt sich nicht so an.

Erklärt das ein wenig den leicht pathetischen Begriff von der Union-Familie?

Wenn man als Angehöriger oder Freund einen Abschiedsbrief verlesen lässt, macht man das ja nur dort, wo man sich zu Hause fühlt. Der Begriff „Familie“ beschreibt hier ein Gefühl, das viele immer noch verspüren: Sie kommen hierher und fühlen sich aufgehoben in einer großen Gemeinschaft. Das gilt in bestimmtem Maße auch für die Spieler. Immer wieder hören wir von den Neuen, wie schnell sie sich im Verein zurechtfinden und das Gefühl bekommen, Teil einer Mannschaft zu sein. Abgesehen davon ist es übrigens auch bei uns Profifußball und der Verein nicht nur eine Familie, sondern auch ein Unternehmen, in dem hart gearbeitet wird für den Erfolg.

Sie sind seit einiger Zeit gleichzeitig Pressesprecher des Vereins, wozu naturgemäß gehört, dessen Bild nach außen möglichst positiv darzustellen. Wirken Sie diesbezüglich auf die Spieler ein?

Christian Arbeit über Werbung im Stadion

Es kommt häufig vor, dass ich bei Stadion­sprechern denke: Puh, zum Glück muss ich das nicht machen. Nichts ist gruseliger, als live gesprochene Werbung. Es ist ein großes Glück, dass es das bei uns nicht gibt

Natürlich sprechen wir regelmäßig, aber eher beratend, als dass ich ihnen sage, was sie dürfen oder nicht. Die wissen schon sehr gut selbst Bescheid.

2012 bekam Christopher Quiring sein Fett weg, weil er nach der Niederlage im Heimderby gegen Hertha BSC im TV-Kurzinterview seinen Frust rausließ, „dass die Wessis in unserem Stadion feiern“. Dafür mussten auch Sie büßen?

Wir bekamen damals unzählige Mails. Manche Absender wollten, dass „der Rotzlöffel ordentlich bestraft“ wird. Ich habe sämtliche Mails selbst beantwortet, weil ich es war, der den jungen Spieler unmittelbar nach dem Spiel zum Interview geschickt hatte. Allerdings fand ich die ganze Aufregung auch verlogen. Ständig wird nach echten Typen geschrien und weniger Nullaussagen, und dann platzt einem mal der Kragen nach einem verlorenen Spiel, und sofort ist Theater. Als hätte Chrissi Quiring das Wort „Wessi“ erfunden. Absurd. Ich habe ihm hinterher jedenfalls nicht die Leviten gelesen, sondern gesagt, das halten wir aus.

Welches fremde Stadion würde Sie für einen einmaligen Sprechereinsatz reizen?

Keins. Ach, doch: Im Olym­piastadion würde ich gern unsere Mannschaft im Pokalfinale ansagen.

Apropos „Olympiastadion“. Kennen Sie eigentlich Ihren Kollegen von Hertha?

Na klar. Wir haben auf kolle­gialer Ebene ganz normale, gute Kontakte. Insbesondere zu Derbyzeiten galt: Wenn es etwas gibt, was der andere besser wissen sollte, ruft man sich kurz an oder mailt.