Theaterpremiere: Im Wald der Worte

Nicolas Stemann inszeniert den Monolog "Über Tiere" im Deutschen Theater Berlin. Und beweist sein Händchen für Elfriede Jelinek.

Nora von Waldstätten und die Stehlampe in "Über Tiere" Bild: dpa

Oh, wie das nervt. Kaum beginnt man zu lesen im jüngsten Stück von Elfriede Jelinek, "Über Tiere", schon spürt man, wie von Satz zu Satz eine ständige Erosion des Denkens einsetzt. Zeile für Zeile begreift man zwar etwas, aber nicht genug. Er will sich nicht verketten, der Sinn, Behauptungen blitzen auf, um gleich wieder durchgestrichen zu werden. Gehirnerweichung, ja, die muss sich so anfühlen.

Bis sich dann doch etwas rausschält aus diesem mühsamen Stolpern im Wald der verfänglichen Worte: "Man richtet sich nach einer fremden Labilität, die sich mal hierhin und mal dorthin dreht, als ob das eine neue spezifische Verkehrsform wäre. Man richtet sich ununterbrochen, man richtet sich her, man richtet sich wieder weg, man wird gerichtet, man ist besorgt, man hat nur noch Besorgnisse, man überlegt, was man sonst noch zu besorgen hätte ()." Das ist nicht nur die Beschreibung eines Zustandes, sondern auch seine Herstellung. Die Stimme, die spricht, kämpft eben gegen den Selbstverlust, das Wegschmelzen ihrer Konturen wie Butter an der Sonne. Sie kämpft dagegen mit Wut und mit Schmähungen, die um so heftiger werden, je mehr sie sich auch gegen sie selbst richten. Denn sie ist es ja, die ihre Selbstauslöschung betreibt, ihr Subjektsein demontiert, ihr Aufgehen in den Wünschen des anderen als Ziel ausgegeben hat. Und wer ist schuld an dem Desaster? Der Mann und die Liebe. Denn geschieht hier nicht alles aus der Sehnsucht heraus, wahrgenommen und gebraucht zu werden?

Aber der lange Monolog von "Über Tiere" ist nicht nur ein Text, der die theoretische Figur von der verweigerten Subjektwerdung der Frau in eine lange, durchaus anrührende Klage übersetzt, sondern auch um das Komische einer solchen Konstruktion weiß: ein Ich, das nicht "Ich" sagen kann und gerade diese Negierung des Selbst doch zur großen, fast geschwätzigen Produktivkraft umbaut. "Und ich? Und ich? Und ich? Wo bleibe ich? Brüll! Schrei!" Das ist der Punkt, an dem dieser Text zu Theater wird, und zwar einem bös unterhaltsamen, in der Inszenierung von Nicolas Stemann am Deutschen Theater in Berlin. Ein großer Mund, auf den Bühnenboden projiziert, öffnet sich gelegentlich unter den Schauspielern und saugt sie weg.

Um auf die Bühne zu kommen, erhält dieser subjektlos delirierende Texterguss nicht nur eine Stimme, sondern gleich sechs, die sich streiten, ins Wort fallen und konkurrieren, und nicht nur einen Körper, sondern gleich die von vier Frauen und zwei Männern, glamourös, verführerisch.

Die kommen nicht nur ohne das so schmerzlich vermisste souveräne Subjekt ganz gut aus, sondern schaffen es auch, aus den vielen Abzweigungen, die der Text ständig einschlägt, nach und nach Geschichten und Bilder zu bauen, die das Verständnis erleichtern. Plötzlich ziehen Erfahrungen, von unterschiedlichen Menschen, Frauen und Männern, in das ein, was zuvor nur theoretisches Konstrukt schien. Textpassagen wiederholen sich, aber sie bedeuten nicht immer das Gleiche, je nachdem, wer sie spielt - und sehr bald ist man überzeugt, dass der Text genau dies verlangt.

Nicolas Stemann hat sein Händchen für Jelinek schon in mehreren Inszenierungen bewiesen, nicht erst mit "Ulrike Maria Stuart" am Thalia Theater Hamburg. "Über Tiere" knüpft im Umgang mit der Dichterin daran an. Für diesen Text hat Elfriede Jelinek auch auf dokumentarisches Material zurückgegriffen, Abhörprotokolle der Wiener Polizei aus einem als "Escortservice" bezeichneten Bordell. Sie erregten bei der Veröffentlichung einen schönen Skandal, weil Politiker und Prominenz dort nicht nur Kunde waren, sondern auch in die Organisation des Menschenhandels verwickelt. Zudem lieferten sie eine kurze Skizze des globalisierten Marktes in diesem Gewerbe, in dem ethnische Klischees noch immer große Werbeargumente sind.

Für Elfriede Jelinek waren diese Verkaufsprotokolle so etwas wie ein Beweis ihrer Theorie: "Für mich waren diese Aussagen keine Überraschung, aber die Zuschauer im Theater hätten vielleicht gesagt, dass eine alte, ranzige Feministin mal wieder übertreibt: 'So wie die kleine Elfriede sich das vorstellt.' Das kann man hier nicht, denn dieses Sprechen ist authentisch. Es ist sozusagen mein Beweis, und der liegt auf dem Tisch." Das betonte sie in einem Interview (des Berliner Stadtmagazins tip) zu ihrem Stück und so zitieren sie die Schauspieler auf der Bühne. Einerseits machen sie sich dabei ein wenig lustig über den Glauben der Autorin an die Kraft des Authentischen. Von der Faktizität der Protokolle über den Frauenhandel zeigt sich die Inszenierung tatsächlich wenig beeindruckt. Andererseits bestätigt das Spiel Jelinek aber auch: Es hätte eines solchen Beweises nicht bedurft.

Nicht im dokumentarischen Verweis liegt ihre Kraft, sondern in der ständigen Selbstbelauerung der Sprache. Denn wer immer hier redet, ertappt sich ja dauernd dabei, noch anderes zu sagen, als er meint, und damit selbst die Ungeheuer zu erzeugen, die man fliehen will.

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Geboren 1957 in Köln. Seit Mitte der 80er Jahre Autorin für die taz (über bildende Kunst, Tanz, Theater, Film), seit 2003 Redakteurin.

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