Doku: Handkuss und Mittelfinger

Großmäulig groß werden: Bettina Blümners Dokumentation "Prinzessinnenbad" begleitet drei junge Kreuzbergerinnen durch ihren Alltag.

"Wir sind aus Kreuzberg, du Muschi!" Bild: Promo

Ich gestehe es: Ich kaufe gerne in der Kreuzberger Bio-LPG ein. Ich bin eine dieser Ökospießerinnen, die Tanutscha hasst. Wenn ich im Prinzenbad schwimmen gehe, ziehe ich brav meine Bahnen und bin genervt von Mädchen wie Tanutscha, die mir mit Arschbomben vom Beckenrand in die Quere kommen. Auch finde ich es ein wenig unappetitlich, wenn sie sich auf dem Handtuch neben mir die Beinhaare rasieren. Ich verkörpere also all das, wofür die Heldinnen von Bettina Blümners Regiedebüt "Prinzessinnenbad" bestenfalls ein abfälliges Lächeln übrig haben.

In diesem Dokumentarfilm setzt Tanutschas wunderbar großmäuliger Monolog eine unsichtbare Demarkationslinie. Denn aus ihrer Sicht sind wir, die anderen Kreuzberger, die sogenannte Parallelgesellschaft. Wir, die noch immer das Lied vom Mariannenplatz mit den vielen Bullen in blauer Uniform singen, die mit Annette Humpe im Ohr am Görlitzer Bahnhof aussteigen, "um wieder da zu sein". Wir, die in der ersten Reihe standen, als am 1. Mai vor zwanzig Jahren der Bolle-Supermarkt in der Skalitzer Straße in Brand gesteckt wurde. Für Tanutscha, Klara und Mina hingegen ist der Stadtteil kein mythisch aufgeladener Ort, sondern einfach Schauplatz ihrer Kindheit und Jugend.

Bevor Bettina Blümner den Irrungen und Wirrungen junger Mädchen in Kreuzberg nachgeht, lässt sie die Jugend erst einmal Jugend sein und die Freundinnen Freundinnen. Man sieht den drei Gören beim Sonnen, Abhängen, Flirten und Balgen im Schwimmbad zu, sieht Prinzessinnen, die sich schön machen für ihren Hofstaat. Tanutscha begutachtet sorgfältig ihren Lidstrich, während Klara mit unruhigem Blick Ausschau hält nach schönen Prinzen und tapferen Rittern. Nur die besonnene Mina liest lieber ein Buch. Noch gehört den drei Freundinnen die Welt, ohne dass sie zu ihr gehören. Mit diesen Stimmungsbildern aus dem Zwischenreich der Jugend beginnt "Prinzessinnenbad".

Schon in diesen ersten Einstellungen achtet die Kamera darauf, stets auf Augenhöhe der Heldinnen zu bleiben. Sie wird zur Vierten und Vertrauten im Bunde. Vor ihrem Objektiv können die Mädchen über Sex, Jungs, Drogen, ihre Sehnsüchte und Sorgen reden, aber sich auch ihrer Freundschaft versichern. Wenn die ansonsten eher coole Klara Fotos aus gemeinsamen Kindertagen hervorkramt, eröffnet sich eine tiefe Verbundenheit, die so selbstverständlich ist, dass sich die Freundinnen die Zukunft ohne einander gar nicht vorstellen können.

Bettina Blümner beobachtet diese Freundschaft unter den besonderen Bedingungen der Großstadt und folgt damit auch drei Strategien, sich zu behaupten: zwischen ersten Lieben, Multikulti-Kiez und Patchworkfamilien. Die Regisseurin sucht das Leben hinter diesen Schlagworten, wenn sie mit dem Trio durch Berlin-Kreuzberg zieht, dem Reich ihrer drei Prinzessinnen. Aufgetakelt laufen Klara und Tanutscha über die Straße, wackeln mit dem Po um die Wette, fordern geradezu den Blick der Jungs heraus. Sie werfen ihnen Handküsse zu, um im nächsten Moment den Mittelfinger zu zeigen. Es ist ein Auftritt, mit dem zwei Großstadtgören selbstbewusst ihr Terrain markieren.

In "Prinzessinnenbad" geht es nicht nur um den Stadtteil als Revier, sondern auch um Kreuzberg als Wohn- und Lebensraum. Ganz beiläufig registriert die Kamera dabei widerstreitende Generationen- und Lebensgefühle. Sie setzt sich mit an den Küchentisch, bringt die allein erziehenden Mütter und ihre Töchter zusammen und überlässt es dem Zuschauer, sich ein Bild zu machen. Wenn Klaras Mutter stolz erklärt, dass sie ihrer Tochter alles erlaube, nur nicht Heroin zu nehmen und schwanger zu werden, scheint hinter dem antiautoritären Gerede Hilflosigkeit auf. Auch Mina hat mit der Laissez-faire-Haltung der Mutter ihre Schwierigkeiten. Beim Frühstück im Café spürt man die Fremdheit zwischen den beiden. Man ahnt, dass sich Mina von ihrer Mutter allein gelassen fühlt, dass sie deren neuen Freund, einen Jamaicaner, nicht mag. Längst hat sich die Vierzehnjährige in einer Art Gegenprogramm eingerichtet, trifft sich mit ihrem festen Freund zum mehrgängigen Menü einschließlich Wein zum Abendessen auf dem Balkon.

Bettina Blümners Kamera findet Sehnsüchte, Lebenshaltungen und überraschende Normalitäten. Sie findet sie jenseits der Klischees vom sozialen Brennpunkt und der sogenannten Parallelgesellschaft. Man taucht ein in andere Jargons und eigenwillige Diskurse. Wenn sich Tanutscha und Klara mit ihren türkischen Freunden auf dem Mariannenplatz treffen, wenn sie über Kanaken-Erotik und deutsch-türkische Beziehungen streiten, dann leben sie mit allen Widersprüchen und Widerhaken etwas, worauf andere nur den Multikulti-Stempel setzen. Die herben Kommunikations- und Umgangsformen, die man auf der Straße oder in der U-Bahn aufschnappt, erscheinen in Blümners Film als eigene Codes und fester Bestandteil einer Kreuzberger Jugendkultur.

Hoffen wir also auf eine Fortsetzung von "Prinzessinnenbad". Allzu gerne würde man wissen, ob die Beziehung zwischen den Prinzessinnen und ihren türkischen Freunden halten. Und vielleicht kriegen ja auch die Ökospießer noch eine kleine Chance.

"Prinzessinnenbad". Regie: Bettina Blümner. Dokumentarfilm, Deutschland 2007, 92 Min.
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