Debatte: Vom Sinn des Zufalls

Die Schöpfung entwickelt sich ohne göttlichen Plan? Kreationisten erfüllt das Fundament der Evolutionstheorie mit Abscheu. Dabei lassen sich Glaube und Wissenschaft versöhnen.

Es ist seltsam: Charles Darwin war aktives Mitglied seiner Gemeinde. Soviel wir wissen, schien er nicht zu glauben, dass seine Evolutionstheorie den Glauben an Gott behindert. Inzwischen jedoch legen die Kreationisten die Bibel wortwörtlich aus und leugnen die Möglichkeit, dass sich die Schöpfung weiterentwickeln könnte. Sie soll "ewig" sein. Gleichzeitig ist auch die Evolutionstheorie vorangeschritten. Auf den Darwinismus folgte der Neo-Darwinismus, der dann von der Molekularbiologie abgelöst wurde. Sie erforscht die Differenzierung der Lebewesen anhand von Viren und Bakterien, was Kreationisten besonders verabscheuen. Der Graben zwischen Bibeltreuen und empirisch Interessierten scheint kaum überwindbar. Doch gibt es Möglichkeiten, die Weltsicht von Gläubigen und Molekularbiologen miteinander zu versöhnen

Dazu ist allerdings ein kleiner Exkurs in die Geschichte der Evolutionstheorie nötig. Der Darwinismus hat die Evolution noch als eine Abstammungslehre auf der Basis des Phänotyps beschrieben, also der äußerlichen Merkmale eines Individuums. Der Neo-Darwinismus hat diese veränderten Phänotypen dann durch die klassische Genetik gedeutet. Aber erst die Molekularbiologie hat ermittelt, wie Phänotyp und Genom, das Erbgut, genau zusammenhängen. Dabei zeigte sich, dass alle neu auftretenden und vererbbaren Phänotypen auf eine Veränderung in der Nukleotidsequenz, den Grundbausteinen des Genoms, zurückgehen. Allerdings gilt nicht das Umgekehrte: Nicht aus jeder spontanen Veränderung in der Nukleotidsequenz folgt auch ein veränderter Phänotyp.

Um diese molekularen Mechanismen direkt zu studieren, sind einzellige Lebewesen gut geeignet. Unter guten Wachstumsbedingungen dauert bei E.coli-Bakterien, die im menschlichen und tierischen Darm vorkommen, eine Generationszeit etwa 30 Minuten, was 50 Generationen pro Tag entspricht.

Dabei zeigt sich, dass die meisten Neumutationen die betroffenen Lebewesen benachteiligen. Der Extremfall des Todes ist sogar relativ häufig. Nur in Ausnahmefällen, das ist wichtig, treiben die Neumutationen die biologische Evolution an. Daraus ergeben sich zwei Folgerungen:

1. Es gibt keine guten Belege, dass genetische Variationen prinzipiell evolutionär zielgerichtet wären.

2. Da Mutationen meist nachteilig sind, sollten im Idealfall weniger als eine Mutation pro Genom und pro Vermehrungszyklus stattfinden. Sonst wäre das Überleben der Art gefährdet.

Durch die molekulargenetischen Studien mit Mikroorganismen, aber auch durch die Bio-Informatik, ist in letzter Zeit deutlich geworden, dass sich die Mutationen in drei verschiedene Klassen der genetischen Variation einteilen lassen:

1. Einzelne Nukleotiden werden ersetzt, entfernt, hinzugefügt oder durchmischt. Die Häufigkeit dieses Prozesses der Erbgutveränderungen (Mutagenese) ist relativ hoch, jedoch hat die Natur schon seit langem Reparaturmechanismen entwickelt.

2. Kürzere oder längere DNA-Segmente werden innerhalb des Genoms verpflanzt, entfernt, verdoppelt oder umgedreht.

3. Die Erbinformation wandert horizontal von einem Lebewesen zum nächsten. Dies kann etwa durch "Genfähren", zum Beispiel Viren, geschehen. Diese Gentransfers sind bei Mikroorganismen weit verbreitet, aber inzwischen mehren sich gut fundierte Hinweise, dass dieser horizontale Gentransfer auch bei höheren Lebewesen stattfindet.

Diese genetischen Variationen entstehen auch durch die Umwelt, etwa durch chemische Einflüsse. Jedenfalls kümmert sich die natürliche Wirklichkeit aktiv darum, dass genetische Varianten bereitgestellt werden und ein langfristiger Prozess der biologischen Evolution ermöglicht wird.

Zudem scheint es in allen Lebewesen sogenannte Evolutionsgene zu geben. Sie prägen nicht den Phänotyp der einzelnen Individuen einer Population, sondern sorgen aktiv dafür, dass es in einer Art immer wieder zu genetischen Variationen in einer biologisch sinnvollen Dosierung kommt. Durch diese Evolutionsgene wird die Anpassungsfähigkeit einer Population erhöht, ohne dass ihre Überlebensfähigkeit gefährdet würde.

Was bedeutet dies nun für das Gespräch mit Gläubigen? Zunächst einmal ist zu beachten, dass experimentelle Ergebnisse und wissenschaftliche Beobachtungen in vielen Fällen einer Interpretation bedürfen. Im Prinzip sollten sich zunächst die Fachspezialisten darüber einig werden, ob eine und welche Interpretation dem schon verfügbaren Basiswissen hinzugefügt werden kann. Erst dann beginnt die interdisziplinäre Aufgabe, die neuen Kenntnisse dem jedem Mitglied der Zivilgesellschaft eigenen Orientierungswissen beizufügen. Bei der Theorie der molekularen Evolution ist der innerwissenschaftliche Prozess der Evaluierung gerade erst angelaufen. Trotzdem möchte ich zumindest versuchen anzudeuten, wie ein mögliches Einvernehmen statt eine konzeptuelle Konfrontation zwischen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, traditionellen Weisheiten und Glaubensbezeugungen erreicht werden könnte.

Ähnlich wie bei der Interpretation wissenschaftlicher Daten besteht auch bei der Interpretation von alten, überlieferten Schriftstücken ein gewisser Freiraum, eine gewisse Unsicherheit. In beiden Fällen ist manchmal die Wahrheit nur schwer absehbar.

Die Genesis basiert auf einer Reihe von mündlichen Überlieferungen, und sie fand ihre erste schriftliche Fassung vor beinahe 3.000 Jahren. Ich zähle diesen Text zu der die Menschheitsgeschichte prägenden traditionellen Weisheit. In den Büchern Mose wird die Schöpfung als schrittweiser Prozess dargestellt, der einer gewissen Logik folgt. So wurden die Lebewesen erst geschaffen, nachdem geeignete Lebensbedingungen vorhanden waren. Die Tiere folgen also den Pflanzen, die ihnen als Nahrung dienen. Der Mensch wird zuletzt erschaffen, und als gottähnlichem Lebewesen wird ihm die ganze Schöpfung anvertraut. Er soll sie mit Verantwortung und Liebe nutzen - in der heutigen Terminologie nennen wir das nachhaltig.

Die Genesis widmet auch der Genealogie viel Platz. Die Nachkommen von Adam und Eva sind in keiner Weise identische Klone. Vielmehr besitzen sie ihre ganz eigenen positiven und negativen Eigenschaften. Heute würde man dies der genetischen Variation und der biologischen Evolution zuschreiben. Der natürliche Prozess der genetischen Labilität ist somit bereits in der traditionellen Weisheit der Genesis verankert.

Zudem zeigt die Existenz von Evolutionsgenen, dass die biologische Evolution nicht - wie oft beschrieben - nur auf Fehler und Unfälle im Erbgut zurückgeht, sondern einem eigenständigen, aktiven Naturprozess zugeschrieben werden darf. Dies ist der Weg zur lebendigen Vielfalt, die der Vatikan für ein Gottesgeschenk hält.

Allerdings treiben, wie schon dargelegt, nur wenige Mutationen die biologische Evolution voran. Die meisten Veränderungen des Genoms benachteiligen das betroffene Lebewesen oder enden gar tödlich. Auch grausame Erbkrankheiten gehören dazu.

In den christlichen Konfessionen wird daher häufig die Theodizeefrage gestellt, die nach Gründen sucht, warum Gott den Menschen und auch anderen Lebewesen hin und wieder ein Unheil zumutet. Eine Antwort wäre, dass es im Wesen des Evolutionsprozesses liegt, dass er für einzelne Lebewesen ungut endet. Und Gott ist nicht nur das Leben als solches wichtig, sondern für ihn ist die Entstehung der Lebewesen ein Prozess. Das zeigt die biblische Schöpfungsgeschichte, die sich so ausdrücklich in verschiedenen Schritten vollzieht.

Für Kreationisten ist der Gedanke unerträglich, dass der Evolutionsprozess nicht gerichtet ist, nicht deterministisch verläuft. Für sie verträgt es sich nicht mit einem allmächtigen Gott, dass er den Zufall zulässt. Doch könnte man ihnen antworten, dass es eine Zumutung für Gott wäre, sich für alle Lebewesen in jedem Moment ihres Daseins die denkbaren Entwicklungsmöglichkeiten zu vergegenwärtigen und zu planen. Es gehört jedoch zur Konzeption eines guten Gottes, dass er seinen Geschöpfen gestattet, sich zu entfalten oder - wie der Molekularbiologe sagen würde - möglichst viele Lebensräume zu bevölkern. Diese Funktion übernimmt die biologische Evolution.

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