Willam Gibsons neuer Roman: Testament der Angst

Mode, Verschwörungen, kommunistische CIA-Agenten. In seinem neuen Roman "Spook Country" fragt Gibson, wie sich mit der eigenen Panik umgehen lässt.

Insgeheim definiert sich jede Epoche durch die psychischen Defekte, die sie produziert. Gegenwärtig sind das die narzisstische Persönlichkeit und die Angststörung. Erstere ist durch den ungebremsten Drang zu Selbstdarstellung gekennzeichnet, mit der man ganz hervorragend durchs Leben zu kommen scheint. Letztere äußert sich in Angstattacken, die im allgemeinen als behandlungsbedürftig gelten. Dabei könnte man sie als angemessene Reaktion auf das Leben in ständigen Konkurrenzverhältnissen lesen: Wer unter Angststörungen leidet, leidet womöglich auch am emotionalen wie sozialen Irrsinn, den der Narzissmus der anderen erst produziert.

William Gibsons neuer Roman stellt jetzt, ohne das je ausdrücklich zu sagen, aber dennoch klar und deutlich noch einmal die These auf, dass die angstgestörten Zeitgenossen die weitaus sympathischeren sind. Gibson hat ein optimistisches Buch über die Angst geschrieben, in dem jeder Satz so genau und elegant ist, als ginge es um alles.

"Spook Country" ist ein eher untypischer Spionagethriller und Gibsons zweiter Roman, der nicht mehr als Science-Fiction beschrieben werden kann. Er spielt im Hier und Jetzt, bedient sich aber derselben erzählerischen Mittel und Sichtweisen, die Gibsons Cyberpunk-Romane seit jeher so einzigartig machen. In seiner in den Achtzigern veröffentlichten Neuromancer-Trilogie gelang es ihm durch Zuspitzung und Extrapolation wie keinem anderen, die neuen Verhältnisse zerfallender nationalstaatlicher Macht, multinational agierender Unternehmen und lichtschneller Datentransfers verständlich zu machen. Und auch in seinem neuen Roman erweist sich Gibson einmal mehr als Schüler von William Burroughs und Marshall McLuhan: Erstens ist die Kontrolle tatsächlich überall, und zweitens wird das globale Dorf wie jede tribalistische Gemeinschaft immer wieder von Wellen der Panik erfasst.

"Spook Country" bedient sich eines McGuffins, wie Alfred Hitchcock handlungsmotivierende Objekte ohne eigene inhaltliche Bedeutung genannt hat. Es ist ein ominöser Container, der auf den Weltmeeren hin und her verschifft wird. Sein Inhalt ist anscheinend von beträchtlichem Wert für eine mafiöse Clique, die aus illegalen Operationen im Umfeld des Irakunternehmens Profit schlägt. Das allerdings bleibt nicht unbemerkt und führt zu komplexen Verwicklungen. Dem Leser bleibt lange unklar, welche Absichten die verschiedenen Parteien verfolgen. Die Auflösung der Frage, warum alle hinter diesem Container her sind, erweist sich am Ende des Romans sogar als banal. Eben das ist aber auch der Witz: Denn anders, als uns die Verschwörungstheorien glauben machen wollen, steht hinter den Ereignissen nur selten das Ungeheuerliche und Monströse.

Natürlich lässt sich die Weltgeschichte als Kampf zwischen Verschwörungen und Gegenverschwörungen lesen, aber nichts davon ist für Gibson geheimnisvoll. Es gibt reaktionäre Verschwörungen zugunsten von Partikularinteressen und revolutionäre Verschwörungen zugunsten einer vernünftigen Ordnung, wobei die politischen Etikette je nach Standpunkt des Betrachters ausgetauscht werden können - und bei Gibson ohnehin keine Rolle spielen. Er liest die gegenwärtigen Verhältnisse in den USA als "kalten Bürgerkrieg", deutet aber nur an, worum in diesem eigentlich gestritten wird.

Sicher ist, dass in seiner Geschichte ein rechtschaffener Ex-CIA-Mann (der womöglich sogar Kommunist ist) seine alten Kontakte nutzt, um gegen korrupte Machenschaften im Staatsapparat vorzugehen. Dort hat manch einer vergessen, was einst die oberste Maxime amerikanischer Gesetzeshüter war: To serve and protect. Das Fußvolk der Bösewichter hat stattdessen seine eigene Verschwörungstheorie darüber verinnerlicht, wer an Amerikas Niedergang schuld ist: der "kulturelle Marxismus" der Frankfurter Schule - die Juden.

Es kommt also darauf an, wie man mit der Paranoia umgeht: Wie reagieren die Menschen auf ihre Ängste, auf die Desintegration des Sozialen, die Fragilität des eigenen Ichs in einer sich im Fluss befindlichen Welt? In Gibsons Romanen wie in der Wirklichkeit stabilisieren Menschen, die es vorziehen, der Paranoia nicht zu verfallen, ihr Selbst mittels Produkten, Marken, Erzählungen, Riten und psychogenen Substanzen. In "Spook Country" wird ein dichtes Netz von Anspielungen gesponnen, und manches, was den Alltag Anfang des 21. Jahrhunderts schöner, besser, erträglicher macht, auch ganz konkret beim Namen genannt. Da kommen mit geografischen Daten vollgepackte iPods vor, verschlüsselte SMS-Botschaften und virtuelle GPS-Kunstwerke, in denen River Phoenix gedacht wird. Die Rede ist von den hippen Klamotten der Pariser Marke APC, von T-Shirts mit den Logos längst toter Dotcom-Firmen, von den GSG-9-Stiefeln von Adidas, den Mänteln des New Yorker Herrenausstatters Paul Stuart, Schaufensterauslagen von Yamamoto in Manhattan (im Unterschied zu den Schaufenstern von Havanna) und immer wieder vom grauen Chic des Militärdesigns. VW-Käfer kommen genauso vor wie American-Spirit-Zigaretten, und manchmal fragt sich wer, ob jemand anders nicht zu viel raucht.

An der Wurzel jeder coolen Ware wohnt das Geheimnisvolle, glaubt Gibson. Doch wenn die Angst wirklich hochkommt, stößt auch die heilsame Wirkung des Konsums an ihre Grenzen. Die drei Protagonisten von "Spook Country", deren Handlungsstränge sich überkreuzen und schließlich aufeinanderprallen, haben ihre je eigenen Strategien entwickelt, um mit der Panik umzugehen. Hollis Henry war einst Bassistin in einer Band, die dank Internet nach ihrer Auflösung mehr Fans hat als je zuvor. Sie hat ihr Geld beim Dotcom-Crash verloren, muss sich nun als Journalistin durchschlagen und findet sich in Abhängigkeit eines undurchsichtigen Selfmademans wieder, der einer erfolgreichen PR-Agentur vorsteht. Hollis bekämpft ihre Angst mit meditativem Tiefschlaf und verlässt sich ansonsten auf ihre Freunde. Der junge Tito wiederum ist als Bote bei klandestinen Aktionen tätig und hat andere Talente entwickelt, um mit der Angst umzugehen, die vom Verlust des Vaters und des Zuhauses herrührt und uns vielleicht von Gibson selbst erzählt: Dessen Vater starb, als er 6, seine Mutter, als er 18 war. Kurz darauf floh er nach Kanada, um nicht in Vietnam kämpfen zu müssen.

Sein Held Tito stammt aus einer chinesisch-kubanischen, im New Yorker Exil lebenden Familie von Geheimdienstlern, die ihr Geschäft nun als Familienunternehmen betreibt und den Transport von Konterbande organisiert. Von seiner Tante wurde Tito in die Techniken des Santero eingewiesen, in prekären Situationen kann er sich auf die Hilfe verschiedener Geister verlassen. Religion ist ein anderes Mittel gegen die Angst, insbesondere, wenn sie wie in Gibsons Romanen in ihrer rudimentären Form als magisches Denken auftritt, das Medium der Selbstvergewisserung und Werkzeug der Weltbeherrschung zugleich ist.

Die dritte Hauptfigur hat ihre Angst am wenigsten im Griff, Milgrim ist medikamentenabhängig. Er befindet sich in der unangenehmen Lage, von einem Agenten gekidnappt worden zu sein, der seine Dienste benötigt. Mit täglichen Rationen von Benzodiazepinen der Marke Ativan, die bei Unruhestörungen, insbesondere Panikattacken verschrieben werden, kettet der Agent den kleinkriminellen Süchtigen an sich. Milgrim aber hält sich nicht nur mit Drogen über Wasser, sondern auch an einem Taschenbuch fest, dessen Titel wir nie erfahren.

Dabei handelt es sich aber mit ziemlicher Sicherheit um Norman Cohns Klassiker "The Pursuit of the Millennium" von 1957. Cohn schweift darin durch die Jahrhunderte, um die wiederkehrenden messianischen Bewegungen in der abendländischen Geschichte zu beschreiben. Seitdem jüdische Propheten zum ersten Mal das baldige Nahen der Endzeit und der rettenden Ankunft des Messias verkündeten, griffen immer dann Erlösungsfantasien um sich, wenn die Angst vor dem Morgen am größten war. Milgrim ist fasziniert und abgestoßen von der Ketzerei der Brüder und Schwestern vom Freien Geiste, die glaubten, dass die ganze Welt und zuallererst sie selbst vom Geist Gottes erfüllt seien, was selbst Mord und Vergewaltigung rechtfertige.

Cohn zeigt in seinem Buch, wie die apokalyptischen Bewegungen des Mittelalters von den messianischen Erwartungen der Mittellosen und Randständigen befeuert wurden und in Kreuzzügen und Pogromen endeten, denen die vermeintlichen Feinde des Gottesreichs zum Opfer fielen - seien es die Juden von Worms oder die Muslime in Jerusalem. Einzig die Kirche, die von den wandernden Volkspredigern damals wie von den Populärhistorikern heute als Hort des Antichristen diffamiert wurde, konnte ein friedliches Zusammenleben garantieren. Diese Perspektive scheint Gibson inspiriert zu haben: Nichts ist tröstlicher als die Annahme, dass es selbst in den undurchschaubarsten Institutionen, irgendwo da draußen, gute Menschen gibt, die sich um die Ängstlichen sorgen, der narzisstischen Verschwörung den Kampf ansagen und uns vor dem Wahn der Durchgedrehten schützen.

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Ulrich Gutmair ist Kulturredakteur der taz.

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