Klimawandel und Atomenergie

"Abschalten? Nein danke!"

Wer den Klimawandel aufhalten möchte, kann auf Atomenergie nicht verzichten, behauptet die Atomwirtschaft. Alles nur vorgeschoben, meinen AKW-Gegner. Ein Streitgespräch.

"Risikotechnologie, die tödliche Ausgänge haben kann": Atomkraftwerk Grafenrheinfeld Bild: dpa

Die Atomindustrie stellt ihre Kraftwerke gerne als "Deutschlands ungeliebte Klimaschützer" dar. Kann man den Klimawandel tatsächlich mit Atomstrom bekämpfen?

Claudia Kemfert: Wenn wir die deutschen Atomkraftwerke frühzeitig abschalten wollen, ist doch die Frage: Durch welche Technik ersetzen wir sie? Kohle würde den Klimawandel weiter verschärfen. Wenn das der Preis ist, sage ich: Abschalten, nein danke! Beim Gas bekämen wir ein Importproblem, denn das kommt aus teilweise politisch instabilen Staaten wie Russland, dem Iran oder Kasachstan. Der Anteil der erneuerbaren Energien wird ganz sicher weiter wachsen. Und wir werden auch Energie sparen. Dennoch würde ohne Atomstrom eine Lücke bleiben.

Gerd Jäger: Wenn wir kurzfristig, bis 2020, die Kernenergie aus dem Markt nehmen würden, müssten wir sie durch fossil gefeuerte Kraftwerke ersetzen. Wir werden aber bis 2020 noch nicht die Technik für CO2-freie Kohlekraftwerke haben. Wenn wir also aus der Kernenergie aussteigen, machen wir die Hälfte dessen zunichte, was wir an CO2-Einsparungen seit 1990 erreicht haben. Das ist in etwa der Umfang, den der gesamte Straßenverkehr emittiert. Es wäre leichtfertig, das aufs Spiel zu setzen, da es keine sicherheitstechnischen Gründe dafür gibt.

Renate Künast: Das sehe ich anders. Wir brauchen die Atomenergie nicht, um das Klima zu schützen. In Deutschland haben wir zwar 17 Atomkraftwerke, aber sieben davon stehen derzeit still. Auf die konnten wir dieses Jahr problemlos verzichten. Und die Idee, den Klimawandel mit Atomstrom zu bekämpfen, ist irrwitzig. Wenn wir unsere CO2-Emissionen komplett mithilfe von Atomstrom reduzieren wollten, müssten wir bis zu 50 neue Atomkraftwerke bauen. Wenn aber jemand ernsthaft 50 neue Atomkraftwerke bauen wollte, würden sich wahrscheinlich bis auf die Bundesregierung alle Deutschen in Bürgerinitiativen organisieren.

Der weltweite Energiebedarf wächst weiter rasant. Bis 2030 dürfte er nach neuen Schätzungen der Internationalen Energieagentur um 55 Prozent steigen. Wie kann dieser Bedarf befriedigt werden?

Jäger: Durch Einsparungen, erneuerbare Energien, innovative Gas- und Kohleanlagen sowie Kernenergie. Allein in der EU wird der Strombedarf um 20 bis 25 Prozent wachsen, weil die osteuropäischen Beitrittsländern noch einen großen Nachholbedarf haben. Wenn wir diesen zusätzlichen Energiebedarf allein durch erneuerbare Energien decken wollten, müssen wir bereits deren Beitrag für die Stromerzeugung verdreifachen. Das wird schwer genug. Aber damit hätten wir noch keine Tonne CO2 eingespart. Wenn wir dann noch zusätzlich CO2-Emissionen einsparen wollen, wird deutlich, dass wir den Beitrag der Kernenergie in Europa zumindest auf dem heutigen Niveau halten müssen.

Kemfert: Auf europäischer Ebene mag das so sein. Aber ich denke, wir sollten die Atomenergie vor allem auf der globalen Ebene betrachten. Und global trägt sie zur Primärenergieerzeugung nur sechs Prozent bei. Damit ist sie nicht geeignet, das Klimaproblem zu lösen.

Jäger: Kernenergie kann in der Tat kaum Wärme bereitstellen und keinen Sprit erzeugen, sondern nur Strom. Das aber kann sie exzellent. Und an der Stromproduktion hat sie weltweit einen Anteil von 16 Prozent. Wir brauchen diesen Anteil. Kein Mensch sagt, mit der Kernenergie allein können wir das Klimaproblem lösen. Aber sie ist ein wesentlicher Beitrag.

Künast: Man kann doch nicht von einer Risikotechnologie, bei der man nicht mal den Müll im Griff hat, behaupten, dass sie die Lösung sei. Wenn man sich allein ansieht, was wir für Störfälle hatten! Der kurioseste war ja wohl Krümmel im Sommer. Da brannte das Trafohäuschen, und man merkte, dass die Betreiber nicht mal die technische Verbindung verstehen. Erst hieß es, der Brand im Trafohäuschen könne mit der sonstigen Anlage gar nichts zu tun haben. Später hat man gesagt, es gibt doch eine Verbindung zur Anlage. Kritiker wurden zwischendurch für verrückt erklärt. Auch wenn man sich die Anzahl der Störfälle in Atomkraftwerken anguckt, kann man doch nicht sagen, dass dies eine sichere Technologie sei.

Jäger: Sie reden immer von Störfällen. Dabei ist es einfach nur so, dass wir viele Ereignisse, die in Kernkraftwerken passieren, melden. Das ist Teil unserer Sicherheitskultur. Diese Ereignisse als Störfall zu bezeichnen und wieder einen entsprechenden Strich in der Statistik zu machen, wird der Sache nicht gerecht. Und wenn Sie das Beispiel Krümmel nennen, möchte ich Sie daran erinnern, dass die Ereignisse sicherheitstechnisch ohne Bedeutung waren. Dass die Kommunikation dort nicht hundert Prozent gelaufen ist, das ist sicher unbestritten. Aber die Sicherheit der Anlage war nicht gefährdet.

Künast: Es gibt natürlich solche und solche Unfälle. Ich will auch gar nicht behaupten, dass jeder Störfall, den Sie melden müssen, mit Tschernobyl vergleichbar sei. Trotzdem hat uns Tschernobyl gezeigt, was die Folgen sind, wenn mal was passiert. Nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung könnte der nächste Zwischenfall in einer Million Jahren kommen, er könnte aber auch nächste Woche passieren. Das ist eine Risikotechnologie, die eben auch tödliche Ausgänge haben kann.

Kemfert: Die deutschen Atomkraftwerke bereiten mir vergleichsweise wenig Bauchschmerzen. Mehr Sorgen habe ich bei den Kraftwerkstypen, die teilweise noch in Osteuropa im Einsatz sind. Dort gibt es immer noch AKWs vom Typ Tschernobyl. Das sind Risikoreaktoren, die die Sicherheitsstandards nicht mehr erfüllen und dringend abgebaut werden müssten. Zudem will man dort neue AKWs bauen. Besser wäre es jedoch, wenn auch dort mehr Energie gespart würde und die erneuerbaren Energien stärker zum Einsatz kämen.

Neben der Sicherheitsfrage gibt es das Problem mit dem radioaktiven Müll. Und das Problem der Endlagerung wächst, je länger es Atomkraftwerke gibt.

Künast: Wir wissen nicht mal, wohin mit dem Müll, den wir schon haben. Es gibt weltweit kein Endlager für Atommüll. Das ist hochradioaktiver Abfall, der Hitze entwickelt, da müssen Sie erst mal ein geeignetes Lager finden und Sie müssen Sie einen finden, der es haben will. Ich kenne keine Region in Deutschland, die sich dazu bereiterklärt hat.

Jäger: Wir haben Gott sei Dank in Deutschland einen Stand erreicht, um den uns die international Fachwelt beneidet. Wir haben Schacht Konrad als Endlager für mittel- und schwachaktive Abfälle nunmehr auch gerichtlich klar bestätigt, so dass der Betrieb aufgenommen werden kann. Und wir haben für hochradioaktive Abfälle in Gorleben einen langen Auswahlprozess durchlaufen und einen Standort identifiziert, dessen Eignung erkundet wurde. Bis heute gibt es keine Erkenntnisse, die gegen die Eignung von Gorleben sprechen.

Künast: Moment. Die Frage, ob der Salzstock dort geeignet ist, ist noch nicht abschließend geklärt. Deshalb kann man aus der Tatsache, das bisher keine Fehler gefunden wurden, nicht schließen, dass dieser Salzstock wirklich geeignet ist. Außerdem ist das schon eine komische Eignungsprüfung, wenn nur das alte Zonenrandgebiet Wendland dazu herhalten muss. Man schafft ja nicht mal, einen zweiten Test anzufangen, weil sich keiner traut, seine Region anzubieten. Auch die CDU-Ministerpräsidenten sagen, Atom ist was Schönes und Sauberes und auch gut fürs Klima. Aber keiner sagt: Ihr könnt bitte auch bei mir im Salzstock mal prüfen.

Jäger: Es gibt keinen Grund, von diesem Standort wegzugehen. Warum sollte man denn an anderer Stelle in der Republik beginnen? Frau Künast, es ist ja auch eine schicke Haltung zu sagen: Wir brauchen zwar ein Endlager, aber stoppen erst mal die Erkundung von Gorleben. So werden wir nie fertig, und Sie können immer wieder beklagen, dass es keine Endlagermöglichkeiten in Deutschland gibt.

Künast: Ich sage nur, dass es ein Mangel ist, dass wir bisher nur einen Standort untersucht haben. Wir müssen noch einen zweiten alternativ untersuchen und dann schauen, welcher besser geeignet ist. Einen wirklich geeigneten gibt es meiner Auffassung nach nicht. Was machen Sie denn eigentlich, wenn am Ende der Bohrung herauskommt, dass Gorleben für die Endlagerung nicht geeignet ist?

Jäger: Das wäre ganz gravierend, aber erst dann müssten wir nach Alternativen suchen.

Künast: Dann haben Sie doch den Super-GAU!

Früher oder später müssten wir eh weg von der Atomkraft. Schließlich reichen die Uranvorräte nicht ewig.

Kemfert: Zu Uran gibt es verschiedene Schätzungen. Da derzeit viele Atomkraftwerke gebaut werden, dürfte es noch maximal 40 Jahre zu vertretbaren Preisen auf dem Markt vorhanden sein. Das ist endlich. Wir brauchen Alternativen zum Öl, wir brauchen Alternativen zur Kohle, und wir brauchen Alternativen zur Atomenergie. Wir brauchen eigentlich klimaschonende und sichere Alternativen zur gesamten jetzigen Energieversorgung. Und davon sind wir sehr weit entfernt. Die erneuerbaren Energien werden sicherlich sehr stark ausgebaut werden, es wird große Solarkraftwerke geben, vor allem in sonnenreichen Gegenden wie beispielsweise Afrika. Aber wir brauchen einen globalen Umschwung. Und da sehe ich noch kein Licht am Ende des Tunnels.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de