Berti Voigts brüskiert Schweizer: Die eidgenössische Fußballwunde

Die Schweizer Fußballer verlieren 0:1 gegen Nigeria. Wie in Österreich kriselt es auch im zweiten EM-Gastgeberland.

Köbi in der Krise - Nationalcoach Kuhn ringt um Balance. Bild: ap

ZÜRICH taz Es gehört zu den Ritualen des Fußballs, dass sich Trainer auf Pressekonferenzen umschmeicheln, um dann mit einem Händedruck auseinanderzugehen. Auch Berti Vogts hält sich eigentlich an diese Etikette, doch nach dem 1:0-Sieg seiner Nigerianer im Freundschaftsspiel in der Schweiz war er offenbar derart verblüfft über die Leistung des EM-Gastgebers, dass er ein ungewöhnlich hartes Urteil verkündete. "Zur Schweizer Mannschaft muss ich sagen", begann er ungefragt, "wenn man uns nicht unter Druck setzt, wenn man nicht attackiert, wenn man alle Räume offen lässt, dann wird es sehr schwer gegen eine ballfertige Mannschaft wie uns." Und damit der Stoß richtig saß, ergänzte er: "Wenn wir beim Afrika-Cup im Januar gegen die Elfenbeinküste oder Mali spielen, sind das ganz andere Gegner."

Berti Vogts traf damit mitten in die eidgenössische Fußballwunde. Die Schweizer hoffen, beim Turnier im eigenen Land endlich einmal in die Phalanx der Großen hineinzustoßen, der Achtelfinaleinzug bei der WM 2006 sollte nur der Anfang gewesen sein. Mittlerweile zweifeln jedoch viele Schweizer daran, dass das möglich ist. Die zehn Spiele des Jahres 2007 mit vier Siegen, fünf Niederlagen und einem Unentschieden haben doch allzu große Mängel offenbart. Und weil vor der dürftigen Leistung gegen Nigeria auch das Heimspiel gegen die USA im Oktober ähnlich desillusionierend mit 0:1 verlorenging, machen sie sich ernsthaft Sorgen.

Trainer Jakob "Köbi" Kuhn beklagte am Dienstagabend "fehlendes Adrenalin" und musste zugeben, dass "dieser Gegner uns heute die Grenzen aufgezeigt" habe. Grundsätzlich befinde sich die Nationalmannschaft in einer "schwierigen Epoche". Die Bevölkerung sperrt sich bislang gegen jeden EM-Enthusiasmus, nach den beiden letzten Spielen des Jahres pfiff sie ihre Mannschaft gnadenlos aus. Und mit einer offenbar von Kapitän Johan Vogel forcierten Trainerdiskussion, an deren Ende der altgediente Mittelfeldstratege selbst ausgemustert wurde, haben sie sich selbst zermürbt. Aber Köbi Kuhn hat auch Hoffnung. Deutschland habe es vorgemacht, hat der Trainer zuletzt immer wieder betont. Auch Jürgen Klinsmanns Sommermärchen habe seinen Ursprung in einer Niederlage, dem 1:4 von Florenz gegen die Italiener aus dem März 2006.

Für die Schweiz ist 2007 ein langes zähes Florenz gewesen, nach den Österreichern hat auch das zweite EM-Gastgeberland seine Krise. Einziger sportlicher Lichtblick war ein überzeugender 2:1-Sieg gegen Holland in Genf. In den beiden letzten Vorbereitungsspielen vor der Nominierung des Kaders gegen Deutschland und England im Frühjahr soll sich eine neue Schweiz präsentieren. Eine Mannschaft, die an die WM-Leistungen anknüpft. Viele der grundsätzlich eher skeptischen Schweizer können sich das jedoch nur schwer vorstellen.

Denn es bleiben Spuren zurück, auch beim Trainer. Kuhns Augen waren am Dienstagabend gerötet, mit grauem Gesicht suchte er die Schuld für den blutleeren Auftritt im "schlechten körperlichen Zustand der Spieler", also im Verantwortungsbereich der Klubtrainer. Kein Vergleich zu dem energetischen Mann des WM-Sommers 2006. "Es wird Zeit, dass wir aus den Socken kommen", sagte der zumindest halbwegs überzeugende Mittelfeldspieler Gökhan Inler, und tatsächlich gibt es Indizien für einen baldigen Aufschwung. Einerseits hoffen sie auf die Rückkehr der vielen Verletzten, vor allem aber soll die Magie des Heimvorteils ihre Wirkung entfalten, ein Effekt, von dem bislang fast jedes Gastgeberland in irgendeiner Form profitierte. "Eine EM mit all der Euphorie ist wieder eine ganz andere Nummer", meinte Inler. Und solch eine Dynamik vermag es ja bekanntlich, auch mittelmäßige Fußballer in Helden zu verwandeln.

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