Debatte Abschwung: Beschleunigte Enttäuschung

Der Kapitalismus hat gesiegt - und die Stimmung ist schlecht. Selbst im Wirtschaftsboom fühlen sich alle wie in der Krise. Was passiert also, wenn der Abschwung kommt?

Managergehälter, Mindestlöhne oder Armut von Kindern: Die konkreten Themen wechseln, aber die Sozialdebatte reißt nicht mehr ab. Unentwegt fragen sich die Deutschen, ob es hier noch gerecht zugeht. Die meisten sagen Nein. Nur 15 Prozent der Wähler erwarten, dass sie von diesem Aufschwung profitieren. Und ganze 5 Prozent meinen, dass Deutschland noch eine soziale Marktwirtschaft wäre. Dies sei ein "historischer Tiefstand", kommentiert die Bertelsmann-Stiftung, die diese Umfrage vor einigen Tagen veröffentlicht hat. Vor einem Jahr hatten immerhin noch 28 Prozent befunden, dass die Einkommensverteilung in Deutschland gerecht wäre.

Deutschland erlebt eine Zäsur. Mitten im Wirtschaftsboom werden Themen wie Armut verhandelt, die früher nur aufkamen, wenn es mit der Konjunktur abwärts ging. Der Wirtschaft geht es blendend, und dennoch wird der Aufschwung als Krise empfunden. Das ist neu in der bundesdeutschen Geschichte und schon verstörend genug. Aber noch alarmierender ist, wie rasch das Empfinden der Ungerechtigkeit um sich greift.

Die Wähler sind übrigens nicht grundlos verstimmt, denn die meisten profitieren tatsächlich nicht vom Aufschwung. Auch im Boomjahr 2007 muss der Durchschnittsverdiener reale Einkommensverluste hinnehmen, weil die Lohnerhöhungen die Inflation von etwa 3 Prozent nicht ausgleichen können.

Und besser dürfte es nicht werden, denn der nächste Abschwung ist schon in Sicht: Am Donnerstag haben das Münchner Ifo-Institut und das Kieler Institut für Weltwirtschaft ihre Wachstumsprognosen für das kommende Jahr gesenkt. Statt 2,2 oder 2,4 Prozent soll die deutsche Wirtschaft nur um 1,8 beziehungsweise 1,9 Prozent zulegen. Und auch diese Annahmen sind noch optimistisch - angesichts der hohen Ölpreise, des teuren Euros und der Turbulenzen auf den Finanzmärkten.

Doch selbst wenn die Rezession im nächsten Jahr ausbleibt, gehört es zum normalen Konjunkturzyklus, dass die Wirtschaft periodisch in die Krise gerät. Die Frage ist also: Wie wird ein Volk auf den Abschwung reagieren, das bereits im Boom pessimistisch ist? Das ist ein Feldversuch mit ungewissem Ausgang. Es fehlt schlicht die historische Erfahrung, was es bedeutet, wenn sich in einer sehr reichen Gesellschaft fast alle benachteiligt fühlen.

Diese formlose soziale Unruhe ist etwas verkürzt beschrieben, wenn man sie nur als "historischen Tiefstand" verbucht, wie es die Bertelsmann-Stiftung tut. Damit wird die neue Unzufriedenheit als rein quantitatives Phänomen registriert, das keine qualitativen Folgen haben kann. Dieser Umgang ist typisch für die derzeitige Debatte: Im stillen Konsens gehen alle davon aus, dass das bisherige System namens Kapitalismus auf alle Ewigkeit fortbestehen wird. Egal, wie ungerecht es die Wähler empfinden.

Und vielleicht ist der Kapitalismus ja tatsächlich so stabil, dass er den geballten Missmut überstehen kann. Der Witz ist: Wir wissen es nicht. Denn bisher haben wir fast nie in einem voll ausgeprägten Kapitalismus gelebt.

Um von vorn anzufangen: Die heutige Form des Finanz- oder Hochkapitalismus existiert in Deutschland überhaupt erst seit etwa 1870. Damals, zum Beispiel, wurden die Großbanken gegründet, die dann die weltweite Expansion der Unternehmen finanzieren konnten. Ob Deutsche oder Dresdner Bank - sie sind nicht älter als rund 140 Jahre. Übrigens begann in jener Zeit auch die "Globalisierung": Bereits das deutsche Kaiserreich hat ein Drittel seiner Produkte ins Ausland verkauft.

Dieser Hochkapitalismus funktionierte recht ungestört bis 1914, bis zum Ersten Weltkrieg. Allerdings sind die Nebeneffekte nicht zu vernachlässigen: In dieser Zeit wurden ganze Kontinente wie die USA und Australien besiedelt. Es wäre interessant zu wissen, wie das junge Deutsche Reich die sozialen Probleme bewältigt hätte, wenn es nicht Millionen seiner Untertanen nach Übersee hätte verschiffen können. Und zwar oft junge Männer. Männer ohne Perspektive und Familie, die in allen Gesellschaften die Träger der Revolutionen sind.

Ab 1914 war der Kapitalismus dann sowieso schwer beeinträchtigt - mehr oder minder bis 1948. Dazwischen gab es zwei Weltkriege, zwei Inflationen und eine beherzte Autarkiepolitik, die keineswegs nur von Hitler verfolgt wurde. Auch andere Nationen versuchten nach der Weltwirtschaftskrise, sich vom globalen Markt abzuschotten.

Ab 1948 brach dann eine Phase des "gezähmten Kapitalismus" an, die als "soziale Marktwirtschaft" bekannt ist. Zwar trug auch die Vollbeschäftigung dazu bei, dass sich die Beschäftigten ihren Teil am Wachstum sichern konnten - aber letztlich waren diese Wohltaten nur möglich, weil die Unternehmer die Wertekonkurrenz mit dem sowjetischen Sozialismus gewinnen wollten. Der Westen sollte als heile Welt erscheinen.

Diese Rücksichtnahme ist seit 1990 verschwunden, seitdem sich der Ost-West-Konflikt erledigt hat. Zum ersten Mal herrscht wieder echter Kapitalismus, der zudem auch erstmals wirklich global ist: Er hat nicht nur die einstigen sozialistischen Länder zurückerobert, sondern durchdringt auch so ständische Gesellschaften wie Indien bis ins letzte Dorf.

Die Anhänger des Kapitalismus haben schon immer seine machtvolle Dynamik beschworen. Und Recht haben sie. Die Macht des Kapitalismus ist geradezu überwältigend. In nur 18 Jahren hat er es geschafft, die Eigentumsordnung weltweit durcheinanderzuwirbeln und in allen Industriestaaten eine leidenschaftliche Gerechtigkeitsdebatte anzuzetteln.

Diese politische und soziale Beschleunigung ist extrem, doch lässt sie sich in der Wirtschaftstheorie kaum auf den Begriff bringen. Macht- und Verteilungsfragen sind in der herrschenden Volkswirtschaftslehre nicht vorgesehen. Stattdessen glauben die meisten Experten, dass die Menschheit nun ihr vorgezeichnetes Endstadium erreicht hat. Adam und Eva waren zum Kapitalismus bestimmt - und endlich haben sie es gemerkt. Entsprechend sind die Wirtschaftstheorien aufgebaut: Viele mathematische Formeln sollen suggerieren, dass es sich um eine Naturwissenschaft handelt. Aus einem sozialen Phänomen wird eine physikalische Gesetzmäßigkeit gemacht.

Die Überlegenheit des Kapitalismus wird gern damit begründet, dass er die Gabe hätte, sich selbst zu zähmen - was eigentlich nichts anderes meint, als dass der Unternehmer angeblich eine angeborene Fähigkeit zur Bescheidenheit hat. Nur zu, die Zeit scheint reif, den Beweis anzutreten. Vorschläge gibt es schon, wie der Bertelsmann-Umfrage zu entnehmen ist: So sind 69 Prozent der Bürger für einen Mindestlohn. Und 74 Prozent finden, dass die Kinderarmut umgehend bekämpft werden sollte. Ohne derartige Maßnahmen ist jedenfalls nicht zu erwarten, dass jemals wieder mehr als nur 5 Prozent der Bürger glauben, in Deutschland ging es gerecht zu.

ULRIKE HERRMANN

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Sie ist ausgebildete Bankkauffrau und hat an der FU Berlin Geschichte und Philosophie studiert. Ihr neuestes Buch ist gerade erschienen: "Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen. Warum es kein Wunder ist, dass wir reich geworden sind" (Westendverlag). Von ihr stammen auch die Bücher „Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht“ (Piper 2012) sowie „Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen“ (Piper 2015) und "Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie - oder was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können" (Piper 2018).

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