Rimini-Protokoll: Durch ein fremdes Leben

Einladungen, den Alltag der anderen wahrzunehmen: Den Werdegang der erfolgreichen Theatergruppe Rimini-Protokoll zeichnet jetzt ein Buch nach.

Hilmar Gesse, vorne, Hans-Dieter Ilgner und Olav Meyer-Sievers, hinten von links, proben am Dienstag, 27. Jaen. 2004 im Kasino am Schwarzenbergplatz in Wien fuer "deadline" von Rimini-Protokoll (Januar 2004) Bild: ap

Verlangsamung und Beschleunigung: Sie sind viel zu oft zum Maßstab der Teilhabe an unserer Welt geworden. Von der sehr sorgfältig frisierten älteren Dame, die in blauer Bluse auf dem Umschlag des Buches "Rimini Protokoll - Experten des Alltags" dem Betrachter aufmerksam entgegenblickt, würde man nicht unbedingt erwarten, dass sie sich für Motorsport interessiert. Das Modell eines Rennautos vor ihr und die schwarzweiße Signalfahne hinter ihr scheinen viel mehr Indizien einer leistungsversessenen Welt, die für das Alter Plätze nur an ihrem Rand kennt.

Das sprechende Titelmotiv stammt aus einer der ersten Produktionen, mit denen das Regiekollektiv Rimini-Protokoll vor sieben Jahren bekannt wurde. Für "Kreuzworträtsel Boxenstopp", uraufgeführt am Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt im November 2000, arbeiteten Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel mit vier Bewohnerinnen eines neben dem Theater gelegenen Wohnstiftes zusammen. Sie verschränkten Reflexionen über deren verlangsamten Alltag mit Protokollen von Rennen und bauten aus den Signalen des Sports dabei zugleich ein Gerüst der Erinnerung für die alten Damen. Damit nahm die Figur der "Experten des Alltags" langsam Gestalt an, die in immer neuen Kontexten aufzuspüren die Stärke von Rimini-Protokoll geworden ist.

Mit dabei in Frankfurt war als Dramaturg Florian Malzacher, der jetzt zusammen mit der Theaterwissenschaftlerin Miriam Dreysse ein Buch über Rimini-Protokoll herausgebracht hat. Er selbst erzählt darin die Geschichte ihrer Stücke unter der Überschrift "Dramaturgien der Fürsorge und Verunsicherung". Fürsorge ist eine ungewohnte Kategorie in der Welt der Kunst. Sie passt, weil sich die Stücke des Kollektivs immer wieder unterbewerteten Segmenten der Gesellschaft oder übersehenen Situationen zuwenden.

Wem ist man in ihren Stücken nicht schon alles begegnet: Vietnamveteranen, die seit Jahrzehnten den Rechtfertigungen militärischer Operationen widersprechen (in "Wallenstein" 2005). Arbeitslos gewordenen Pförtnern, die sich noch einmal in die Situation der Beobachtung des vor ihrem Fenster vorüberziehenden Lebens imaginieren ("Torero Portero" 2001). Hunderten von Bonnern, die einen der gewählten Volksvertreter im Bundestag bei einer Simultanübertragung einer Bundestagssitzung vertraten ("Deutschland 2" 2002). Trauerrednern und einem Bürgermeister, der sich durch die Entwicklung eines neuen Krematoriums hervortat ("Deadline" 2003).

Manche waren nur durch ihre Stimmen präsent, wie die Mitarbeiter eines Callcenters in Kalkutta, die ihre Gesprächspartner in "Call Cutta" 2005 einzeln auf einem Stadtrundgang durch Berlin schleusten. Andere Mitspieler von Rimini-Protokoll brachten ihren Arbeitsplatz als Bühne mit, wie die Lkw-Fahrer, die in "Cargo Sofia" (2006) jeweils fünfzig Zuschauer in einem umgebauten Lkw über Laderampen, Großmärkte und Autobahnparkplätze in verschiedenen europäischen Städten schleusten.

Anerkennung für ganz alltägliche Arbeit zu schaffen, das ist es nicht zuletzt, womit sich Rimini-Protokoll immer wieder auszeichnet. Was ihr Theater darüber hinaus leistet, greifen die Beiträge im Buch auf, die Schnittstellen zu theoretischen Feldern analysieren. Diedrich Diederichsen arbeitet die Unterschiede zur Geschichte der Performance heraus, der es oft um Steigerung der Erlebnisintensität ging, während zugleich die Regeln des Theaters markiert und ausgehebelt wurden - Rimini-Protokoll dagegen benutzt Regeln als Stütze und Blickverstärkung gerade auf das Unspektakuläre. Dem Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann geht es um ihr Verhältnis zur Theorie, das er in ihrer Inszenierung von "Karl Marx: Das Kapital, Erster Band" aufspürt: wie sich zwischen den Biografien der beteiligten Experten und den Marx-Zitaten die absurden Seiten von Tauschgesellschaft, Geldmarkt und Kapitalismus herausschälen. Gerald Siegmund untersucht ihren Umgang mit Erinnerung, der nie auf die Aufdeckung der einen Wahrheit zielt.

Die große, auch emotionale Zugewandtheit gegenüber dem Alltag auf der einen Seite und die von akademischen Diskursen und theoretischen Figuren getragene Begeisterung darüber auf der anderen Seite: Das macht dieses Buch ebenso sehr wie die Projekte von Rimini-Protokoll aus. Die Produktionen haben etwas von einer freundlich einladenden Geste: Man wird ohne großen eigenen Aufwand ein Stück des Weges durch ein fremdes Leben mitgenommen. Das hat auch immer etwas von Kompensation des Mangels an eigener Erfahrung, vom Blick über den Rand des eigenen Expertentums. In gewisser Weise bedient Rimini-Protokoll damit auch das schlechte Gewissen einer Bildungselite, die um zu große Abstraktheit ihres Wissens und die Beschränktheit des eigenen Horizontes weiß. Dass der Erfolg von Rimini-Protokoll nicht zuletzt auch ein Ergebnis dieser Schieflage ist, reflektiert das Buch allerdings kaum.

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