Zum Tod von Ron Murphys: Wärme und Dynamik

Kein Detroit-Techno oder House ohne ihn: Zum Tode von Ron Murphy, dem Meister des fetischisierten Klangs.

Im Masteringstudio NSC setzte Ron Murphy zum Final Touch an der Musik an Bild: screenshot NSC

Underground Resistance, Chez Damier, Juan Atkins, Aaron Carl, Moodymann, Terrence Parker, Plus 8. Egal, welcher Produzentenname in der Liste der Detroiter Techno- und House-Szene an welcher Stelle auftaucht: All ihre Platten liefen zuerst durch die Hände von Ron Murphy.

Murphy, der mit Seitenscheitel und Schnäuzer den typischen Oldschool-Geschäftsmann verkörperte und in einem alten schwarzen Cadillac durch Detroit gondelte, setzte im Masteringstudio NSC zum Final Touch an der Musik an. Bevor die Technotracks auf Platte gepresst wurden und um die Welt gingen, wurden sie von Murphy gemastert. Erst beim Mastering-Prozess entscheidet sich die Dynamik, die Klangtiefe einer Aufnahme, dann erst werden die Resonanzräume der Musik ausgelotet und eingerichtet.

In der elektronischen Tanzmusik kommt dem Sound eine große Bedeutung zu. Und Detroit-Techno, der auf den Ruinen einer ehemals blühenden Industriestadt entstand und dem Niedergang der Popmetropole "Motown" etwas Eigenes entgegensetzen musste, fetischisiert den Klang ganz besonders.

Murphy erlebte die Blütezeit von Motown Records als Teenager aus nächster Nähe. Schon damals faszinierte ihn die Entstehung von Schallplatten, und er arbeitete beim Mastering von Soulsingles.

Auch nach dem Umzug von Motown nach Los Angeles blieb Murphy der lokalen Detroiter Musikszene in dieser Hinsicht treu. Wenn das Sein das Bewusstsein bestimmt, bestimmt beim Detroit-Techno der Sound das Image.

So wird die Musik auch bis heute vermarktet. Statt Bilderwelten und Sprechweisen gibt es nur die schwarzen Einheitscover der Maxisingles. In die Auslaufrille des Vinyls war stets das kleine Logo NSC eingeritzt. Die Eingeweihten erhielten damit eine Art Gütesigel. Nicht dass hier der Highend-Stereofreund Morgenluft wittert.

Murphy steht für das Gegenteil. Er schnitt seine Platten auf einer Maschine aus dem Jahr 1939, er war nicht Equipment-fixiert. Als strikter Gegner jeder Art von Kompression und Einpegelung des Sounds auf bestimmte Lautstärkeparameter, setzte er eigene Klangstandards.

Mit Wärme und Dynamik im Sound führte Murphy auch das Klischee vom kalten technologischen Klang der elektronischen Tanzmusik ad absurdum. Detroit-Technoplatten sind vielmehr pulsierende Werkzeuge, roh, unfertig, aber mit einer Boxen sprengenden Kraft ausgestattet.

Sie klingen futuristisch, fremd und doch auf eine eigenwillige Art soulful und intim. Murphy war für seine Kundschaft mehr als nur ein Dienstleister. Er galt als Respektsperson, kritisierte konstant die Musik der Detroiter Technoproduzenten und mahnte die Einhaltung von Qualitätsstandards an.

Murphy war das, was man im Englischen foulmouth nennt: immer am Meckern, dabei aber herzlich und engagiert, mit einer Engelsgeduld.

Sein Ruf brachte ihm zu Beginn der Neunzigerjahre auch Mastering-Aufträge in Berlin ein. Die Platten von Basic Channel wurden bei NSC gemastert, und das Mastering-Studio Dubplate and Mastering über dem Plattenladen Hardwax in Kreuzberg hat sich NSC von Ron Murphy als Vorbild genommen.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag ist Ron Murphy an einem Herzinfarkt gestorben. In seinem Umfeld in Detroit, aber auch in Berlin wurde die Nachricht von seinem Tod mit Trauer aufgenommen.

Nicht nur durch sein Mastering der Schallplatten bleibt Ron Murphy als liebenswertes Original und seine Signatur NSC als verlässliche Instanz in Sachen Klang in Erinnerung.

JULIAN WEBER

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