Das Phänomen Tom Cruise: Grimassenkönig mit Zombiefrau

Hoffnungsträger oder Goebbels-Wiedergänger? Fest steht: Tom Cruise wird alt. Die Haare liegen nicht mehr, sein Lächeln wirkt grimassenhaft. Über ein Phänomen.

In den USA steht derweil Cruises geistige Gesundheit zur Debatte. Bild: dpa

Es ist die oft bemängelte Tragödie unserer Zeit, dass über wichtige Themen - etwa den Konflikt in Darfur - weniger Zeitungsseiten gefüllt und noch weniger Fernsehminuten gesendet werden als über die durchschnittliche, durchgeknallte Celebrity - über Britney Spears oder den frisch vermählten Nicolas Sarkozy. Vom so abgeklärten wie genussvollen Voyeurismus, der bei der medialen Mitzeugenschaft solcher Schicksale einsetzt, kann man sich nur schlecht befreien. Die eigene, vergleichsweise unbedeutende Existenz, meint man durch sie zu lernen, ist wenigstens noch bei Verstand. Mitunter wird bei solchen Gelegenheiten aus dem, der dumm und selbstverliebt genug ist, sich ins Blitzlichtgewitter zu begeben, sogar ein Zeitgeistspetakel für den Gemeinschaftssinn gemacht. Wie man bei der nunmehr seit sieben Monaten anhaltenden Debatte um Hollywoodstar und Scientology-Gallionsfigur Tom Cruise beobachten kann, geben sich in solchen Fällen die höchsten Vertreter aus Presse, Politik und Prominenz die öffentlichkeitswirksamen Klinken in die Hand. Dann kann es auch schon mal passieren, dass jemand wie Cruise gleichzeitig als "Deutschlands Hoffnung" (Florian Henckel von Donnersmarck, Deutschlands Oscar-Filmemacher in der FAZ) und als zeitgenössische Version von Joseph Goebbels (Guido Knopp, Deutschlands Geschichtenerzähler in der Bild am Sonntag) bezeichnet wird.

Dabei handelt es sich bei dieser kollektiven Obsession um ein spezifisch deutsches Phänomen, bekanntermaßen ausgelöst von der Kontroverse um Cruises Rolle als Graf Stauffenberg in der Hollywood-Babelsberg-Koproduktion "Valkyrie" von Regisseur Bryan Singer. In US-Amerika wurde Cruise vor zwei Jahren ebenso heiß diskutiert, aber unter einem anderen Gesichtspunkt, namentlich der Frage nach seinem geistigen Gesundheitszustand. Der Sprung des Filmstars auf das weiße Sofa von Talkshow-Ikone Oprah Winfrey, mit hochgerissenen Armen und zugekniffenen Augen hysterisch seine Liebe für die damals noch nicht so zombiehaft wirkende Katie Holmes mitteilend, wurde im US-amerikanischen Bewusstsein zu einer Art Bild des Jahres - dem einer psychischen Entgleisung. Zumal Cruise, mit Hinweis auf seine ausgeprägten scientologischen Psychiatriekenntnisse, einen Monat später noch mal auf NBCs Today-Show nachlegte und Frauen mit postnataler Depression eine medikamentöse Behandlung verbieten wollte.

Cruise hätte nicht tiefer fallen können. Für zwei Jahrzehnte verkörperte er jenes Männlichkeitsideal des lächelnden Sunnyboy-Machismo, für das er in Filmen wie "Top Gun" (1986), "Cocktail" (1988) oder "Mission Impossible" (1996, 2000 und 2006) berühmt wurde. Seine sympathische Macho-Inszenierung ist als etwas angestrengte Vorform der Metrosexualität zu sehen. Fehlende Virilität und patriarchalen Machtverlust machte er durch mitreißend optimistisches Selbstvertrauen, perlweißes Lächeln, Fitness-Physis und wehende Haare wieder wett, mitunter auch durch große Maschinen wie Rennautos, Motorräder oder Flugzeuge. Für kurze Zeit sah es sogar so aus, als würde er sich als ernst zu nehmender Schauspieler etablieren, etwa in Kubricks "Eyes Wide Shut" (1999) oder Andersons "Magnolia" (1999).

Doch seit dem ominösen Sofazwischenfall nimmt Tom Cruise in den USA niemand mehr ernst. Als sein seit kurzem im Internet kursierendes Scientology-Werbevideo auf die Klatschwebsite Gawker gestellt wurde, kommentierte der zuständige Redakteur Nick Denton trocken: "Wenn das Sofaspringen von Tom Cruise bei Oprah eine Acht auf der Grusel-Richterskala war, ist dieses Video eine Zehn." Recht hatte er, denn nicht nur kann man Cruise dort erklären hören, dass Scientologen die Einzigen unter uns seien, die bei einem Autounfall helfen könnten. Mehr noch: Er forderte seine Sektenbrüder und -schwestern dazu auf, "hier jetzt mal so richtig sauber (zu) machen." Was er mit "hier" meinte, ließ der nicht besonders redebegabte Schauspieler offen. Bild-Zeitung und Tagesspiegel übersetzten diesen Satz mithilfe von Guido Knopp trotzdem als "Sollen wir die Welt säubern?". Das ist natürlich ein bisschen übertrieben. Wahrscheinlicher ist, dass Cruise selbst nicht so recht wusste, was er sauber machen wollte. Nach einer kurzen Unsicherheitssekunde flashte er nämlich sein berühmtes Blendamed-Lächeln und schaute zum Sektenführer David Miscavige. Erst dann tobte der Scientologysaal.

In Deutschland treffen Cruises Weltwichtigkeitsgesten auf einen anderen Nährboden. Vielleicht liegt es an den clever akzentuierten Übersetzungen, vielleicht an dem schmeichelhaften Gefühl, dass sich ein echter Hollywood-Star hierher begeben hat. Ob aber der Burda Verlag und der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher dem Schauspieler Ende November den "Bambi Courage" auch verliehen hätten, wenn sie dieses Video gekannt hätten, ist fraglich. Dem Laudator Schirrmacher schien es vor allem auf die Mitteilung anzukommen, den "Querdenker" und "Weltstar" "über die letzten Monate aus der Nähe erlebt" zu haben. Dass hier das führende Mitglied einer totalitären Sci-Fi-Sekte einen Ehrenfilmpreis für den Mut, einen mutigen Menschen zu spielen, entgegennahm - dieses symbolische Ereignis wurde nicht weiter reflektiert.

Neben Henckel von Donnersmarck, Schirrmacher und Knopp ist es niemand anderem als Diana-Biograf Andrew Morton zu verdanken, dass die Diskussion um den Filmstar kein Ende nimmt. Morton ist ein investigativer Meister und hat keine Scheu, sich als Abgesandter unserer kollektiven Missgunst ins Rampenlicht zu stellen. Seine gerade erschienene Biografie "Tom Cruise" beschreibt Cruise nicht nur als "radikal und extrem", sondern weist auch zungenschnalzend auf die Koinzidenz von Scientologys relativ erfolgreicher Deutschlandexpansion und dem Dreh des Stauffenberg-Films hin. Natürlich wird Tom Cruise Deutschland nicht missionieren, dafür sollte nicht zuletzt der Verfassungsschutz sorgen, unter dessen Beobachtung die Sekte steht. Viel interessanter an Mortons Biografie ist das von ihm entworfene Charakterbild von Cruise - der Mann ist ein jähzorniger Kontrollfreak, der vor nichts und niemandem haltmacht, um Aufmerksamkeit für sein überdimensional aufgeblähtes, narzisstisches Ego zu bekommen. Nicht einmal vor Nicole Kidman.

Umso unterhaltsamer ist es daher anzuschauen, wie sehr dem Star unter dem Druck seiner skurrilen Weltanschauung die Kontrolle entgleitet, wie weit das Karriere-Cruiseship tagein, tagaus vom Kurs abkommt. Das Scheitern der ehemals so erfolgreichen Männlichkeitsfantasie des Hollywoodschauspielers ist das eigentlich faszinierende Entertainment, das die Debatte der letzten Monate geboten hat. Wovon die voyeuristischen Instinkte angestachelt werden, sind die täglich neuen Zeugnisse einer elaborierten Midlife-Crisis und ihre flächendeckende mediale Verbreitung. Ehemals sonniger Superstar und nunmehr eine Legende im eigenen Geiste, versucht sich der Schauspieler neu zu definieren, und immer wieder geht das schief.

Inzwischen ist er 45 Jahre alt. Das ehemalige Inbild maskuliner Jungenhaftigkeit zeigt die ersten Anzeichen von Fettpölsterchen. Die Haare liegen nicht mehr richtig. Das Lächeln wirkt grimassenhaft. Statt der seit Jahrzehnten bewährten Jeans-T-Shirt-Lederjacken-Kombi trägt Cruise nur noch graue Anzüge. In Amerika belächelt und in einem Atemzug mit Britney Spears und Michael Jackson genannt, flüchtet er sich nach Deutschland, gibt der deutschen Prominenz Celebrity-Zugang und einen Film, der sich wie wirkliches Hollywood anfühlt. Im Gegenzug erhält er einen "Bambi" und das Attribut "Deutschlands Hoffnung". Doch dann muss er sich als philanthropische Aufgabe ausgerechnet der verstärkten Öffentlichkeitsarbeit jener Sekte verschreiben, mit der hier niemand auf gutem Fuß steht.

Man möchte Tom Cruise in die Lehre bei George Clooney schicken. Nicht nur könnte der ihm zeigen, wie man sexy und elegant altert, sondern auch einen Einführungskurs ins Thema "die Medien und der philanthropische reife Filmstar" geben. Denn Clooney versteht es ganz wunderbar, unsere niedere Celebrity-Voyeurslust auf die wirklich wichtigen Dinge dieser Welt umzulenken. Letzte Woche wurde er zum Friedensbotschafter der Vereinten Nationen ernannt, aufgrund seines Engagements gegen den Konflikt in Darfur.

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