Der Barack-Obama-Hype in Kenia: Ein Bier auf den Senator

Im krisengeschüttelten Kenia stehen Politiker derzeit nicht gerade hoch im Kurs. Aber einen würden hier alle zum Präsidenten wählen: Barack Obama.

Der Medienstar Sarah Obama selbst ist stets freundlich, zurückhaltend und die Geduld in Person. Bild: dpa

NAIROBI UND KOGELO taz Wenn jemand mal Paul Ochieng fragen würde, dann wäre Kenias politische Krise längst gelöst. Aber es fragt ihn ja keiner. Ochieng steht in einem der ärmeren Viertel im Osten von Nairobi an einer wackligen Bar, die aus vier notdürftig zusammengenagelten Brettern besteht. Darauf steht eine Flasche Bier der Marke Senator, warm natürlich. "Jagt Kibaki und Raila zum Teufel und holt den Obama hierher", fordert der Mann im über den üppigen Bauch gespannten weißen T-Shirt forsch. Ein anderer Gast prostet ihm zu. "Das wär was, darauf ein Obama."

Obama, so nennen vor allem die Kenianer aus dem Westen des Landes das Senator-Bier, seit der Sohn eines Kenianers im Dezember 2004 zum einzigen schwarzen Senator der USA gewählt wurde. "Ich meine tatsächlich gewählt", betont Henry, der Barmann, denn das ist hier in Kenia alles andere als selbstverständlich. "In den USA ja auch nicht immer", bringt Ochieng angesichts des Bush-Besuchs in Afrika hervor, und alle lachen.

Vor den Präsidentschaftswahlen Ende Dezember haben sie hier bei Henry oft gelacht. Zum Beispiel über diesen Standardwitz: Welches Land wird als Erstes einen Luo zum Präsidenten haben? Antwort: die USA, aber Kenia auf keinen Fall. Seit Raila Odinga, dem Angehörigen der Luo-Ethnie, die Wahl gestohlen wurde, was für Henry und seine Gäste eine Tatsache ist, mag niemand mehr darüber lachen. Zwei Monate sind seitdem vergangen, die ethnischen Unterschiede in Kenia sind je nach Wohnort zu einer Frage von Leben und Tod geworden.

Achthundert Kilometer von Henrys Bar entfernt - und sogar 24 Flugstunden von Washington - säumen grasbedeckte Hütten einen staubigen Feldweg. Am Markt stehen ein paar Bretterbuden, dazwischen meckern Ziegen. Vom Glanz des Weißen Hauses trennen dieses Dorf Welten. Und doch gibt es in Kogelo kein anderes Thema als die US-Vorwahlen. Hier, in Westkenia, liegt Barack Obamas Vater begraben, hier lebt die Großmutter des Spitzenreiters im Rennen um die demokratische US-Präsidentschaftskandidatur.

"Er kam hierher und sprach fehlerfrei in Englisch und Luo mit uns", schwärmt der Manas Njuyo, von Obamas Besuch in Kogelo vor knapp zwei Jahren. "Wenn wir heute auch nur ein Bild von ihm sehen, freuen wir uns", sagt der Direktor der Dorfschule, "Obama ist ein echter Held, jemand, den die ganze Welt kennt." Njuyos Schule wurde kurz vor Obamas Besuch in Senator-Obama-Schule umgetauft, Obama selbst hat hier eine Messingplakette enthüllt. "Seitdem haben wir wahnsinnigen Zulauf, statt früher 40 sitzen heute mehr als 60 Kinder in einer Klasse."

Jeder hier hofft, dass auch nur ein bisschen von jenem Ruhm auf ihn abfallen möge, den der Sohn eines kenianischen Einwanderers inzwischen errungen hat. Nicht nur die Schule ist nach dem berühmtesten Enkel des Dorfes benannt. Auch an den meisten Marktständen prangt sein Name, sogar Kühe, Ziegen und Hühner sind auf den Namen des "verlorenen Sohnes", wie ihn Kenias größte Tageszeitung Nation bezeichnet, getauft.

Seit Obamas Chancen gut stehen, der erste schwarze Präsidentschaftskandidat zu werden, haben sich zwischen den Grashütten die Übertragungswagen der US-Fernsehgesellschaften breitgemacht. Am Super Tuesday umringten so viele Journalisten den Hof von Obamas Großmutter Sarah, dass sein Onkel Said die Korrespondenten erstmals öffentlich ermahnte: "Wir werden von den Reportern förmlich überrannt, wir bitten sie deshalb darum, uns ihren Besuch zumindest anzukündigen." Da hatten zehn Korrespondenten sich beinahe darum geprügelt, zuerst die 85-jährige "Oma Obama" vor die Kamera holen zu dürfen - freilich ohne die alte Frau vorher zu fragen.

Der Familie platzte der Kragen, wenn auch nur kurz. Schließlich ist die Nachfrage nach Obama groß. So groß, dass sich die Obamas auf fast magische Weise kontinuierlich vermehren: Tanten und Vettern, Enkelinnen und Neffen, Kusinen dritten Grades, irgendwie ist jeder ein Teil des Obama-Clans, auch wenn er dafür seinen Namen ändern muss.

"Der mit dem brennenden Speer" bedeutet Obama angeblich, aber die genaue Übersetzung hängt davon ab, wen man fragt. Kein Wunder, dass es in Kogelo inzwischen auch "offizielle Übersetzer von Oma Obama" gibt - natürlich sind auch sie weitläufig mit dem Senator verwandt.

Der Medienstar Sarah Obama selbst hingegen ist stets freundlich, zurückhaltend und die Geduld in Person. In einem einfachen Kleid steht sie vor ihrem Haus und pumpt Wasser, oder sie erntet Mais im Feld direkt hinter der Terrasse. Für die Verhältnisse von Kogelo hat Oma Obama ein luxuriöses Anwesen: Das kleine Haus aus Backstein ist frisch gestrichen, auf dem Dach sind seit kurzem Solarzellen befestigt, auch das eigene Wasserbohrloch ist nicht selbstverständlich.

"Oma Obama ist die Einzige mit Strom hier", raunt ein Karrenfahrer leise. In ihrem Wohnzimmer hängen Obama-Poster, eines ist handsigniert. "Als mich Barack zum ersten Mal hier besucht hat, da konnte ich mir nicht vorstellen, dass er einmal ein so bedeutender Mann wird", räumt Sarah Obama ein, während sie die rauen Schalen von den Maiskolben schneidet. Damals war er Mitte 20 und sah das Heimatland seines Vaters zum ersten Mal.

Als Barack gerade zwei war, trennten sich sein Vater Barack Obama senior und die US-amerikanische Mutter, die in Indonesien erneut heiratete. Mit zehn Jahren schließlich schickte sie ihren Sohn zu ihren Eltern in die USA. Seinen Vater sah Barack Obama dort nur einmal wieder. Als er schließlich als Student, Rucksack auf dem Rücken, nach Kogelo kam, lag der Vater schon begraben in seiner Heimaterde gleich neben Sarah Obamas Haus.

Seine Wurzeln, sagt Oma Obama, hat ihr Enkel dennoch nie vergessen: "Er hat mich gleich angerufen, als er sich entschieden hatte, seine Frau Michelle zu heiraten." Bevor die beiden den Bund fürs Leben schlossen, kam Obama zum zweiten Mal nach Kogelo - diesmal mit seiner Verlobten. "Ich erinnere mich, wir mussten auf dem Fußboden schlafen", offenbarte Michelle Obama lachend bei ihrem Keniabesuch 2006. Ihrem Mann sei sein kenianisches Erbe stets wichtig gewesen, auch wenn er einräumt, seinen Vater kaum gekannt zu haben. In Kogelo erzählt man sich, die US-Rechtsanwältin habe damals lernen müssen, wie man ordentlich mit einem Lehmkrug Wasser aus dem Fluss schöpft und nach Hause trägt - auf dem Kopf, versteht sich.

"Beide sind so bescheidene Menschen, sie haben damals Maisbrei und Gemüse gegessen wie alle hier", erinnert sich Sarah Obama. Auf ihrem Hof liegt seitdem ein Stück Land brach. Hier soll Barack Obama eines Tages eine Hütte bauen, wie es bei den Luo in Westkenia Brauch ist. Dies ist umso wichtiger, nachdem die Ältesten in Kogelo Obama zu einem der ihren gemacht haben - ohne die übliche stundenlange Zeremonie, dazu fehlte dem Senator auf Staatsbesuch die Zeit. "Aber einen traditionellen Stuhl und einen Stab haben sie ihm überreicht."

Eines Tages, so hoffen viele in Kogelo, wird Obama als Führer der freien Welt zurückkommen und alle an seinem Erfolg teilhaben lassen. "Ein Luo wie wir, das muss man sich vorstellen", jauchzt Mama Odhiambo, eine Bäuerin wie Sarah Obama. "Wir brauchen Obama, um Hoffnung unter den Jugendlichen zu verbreiten - hier gibt es doch nichts als Armut", wünscht sich Dismass Benadus, der sich noch daran erinnern können will, wie "Barrie" seiner Großmutter einst dabei half, Gemüse zum Markt zu bringen.

Andere sind direkter: Wunschlisten haben sie aufgestellt, die immer wieder mal bei einem Glas "Obama" an der Theke auf den Tisch kommen. "Neue Häuser brauchen wir", sagt einer. "Im Heimatdorf des US-Präsidenten können wir doch nicht in Grashütten leben." Selbst einen Flughafen sollen manche gefordert haben, bei der Provinzregierung im zwei Stunden entfernten Kisumu, das seit den Unruhen nach der Keniawahl mittlerweile in Schutt und Asche liegt. Doch von Wünschen will die Familie nichts hören. "Wir wollen nichts von ihm, aber wir werden ihn jederzeit als unseren Sohn in unserem Dorf willkommen heißen", sagt etwa Obamas Onkel Said.

Immerhin, Oma Sarah Obama hat selbst schon einen Wunsch: Wenn ihr Enkel es schafft, will sie bei der Amtseinführung im Weißen Haus dabei sein, so wie damals bei der Ernennung zum Senator in Chicago. "Wenn er mir ein Ticket schickt, dann werde ich hinfliegen. Ich kann doch auf keinen Fall verpassen, wenn mein Enkel Präsident der Vereinigten Staaten wird."

Doch bevor das passiert, hofft sie auf eine friedliche Beilegung der politischen Krise in Kenia. Wer soll der erste Luo sein, der Präsident wird? "Raila Odinga natürlich", sagt Oma Obama und schüttelt den Kopf, als sei das ganz selbstverständlich. Die Witze von Henrys Theke im Osten Nairobis haben sich bis hierher noch nicht rumgesprochen. Vielleicht ist das ja auch gut so.

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