Michael Kumpfmüller über seinen Polit-Roman: "Einheit. Danach war nicht viel"

Politiker zu sein ist deshalb so anstrengend, weil kaum etwas Dramatisches passiert - sagt Michael Kumpfmüller und begibt sich in seinem Roman auf Folgen-Suche.

Gähn: Schüler zu Besuch im Bundestag. Bild: ap

taz: Herr Kumpfmüller, Ihr neuer Roman "Nachricht an alle" spielt im Milieu der Politik. Hauptfigur ist der Innenminister eines nicht genauer bestimmten europäischen Landes. Das ist ein ungewöhnliches Thema in der deutschen Literatur. Was hat Sie daran gereizt?

Michael Kumpfmüller: Es gibt in Deutschland eine weit zurückreichende Tradition, Politik für ein schmutziges Geschäft zu halten. Das hat mich zunehmend empört. Innenminister geraten zudem leicht unter Faschismusverdacht: Das sind Pseudodemokraten, die immer nur die Bürgerrechte beschneiden - Orwell, und was für Fantasien da dran hängen. Ich wollte das umdrehen und herausfinden, was die eigentlich machen, also eine Arbeitsplatzbeschreibung. Erst in einer späteren Phase erweiterte sich das zum Gesellschaftsroman. Politik operiert ja nicht im luftleeren Raum. Man kann sich so etwas auch nicht im luftleeren Raum am Schreibtisch ausdenken.

Wie haben Sie verwertbare Erfahrungen gesammelt?

Am Anfang habe ich Politiker interviewt. Minister. Die wussten, dass ich einen Roman schreibe, und waren mit einer Ausnahme auch sehr offen. Dann habe ich viel gelesen, politische Theorie von Machiavelli bis Luhmann, auch Politikerbiografien, aber die sind ja meist etwas langweilig. Und ich habe sie im Fernsehen beobachtet: Wie sie sich bewegen, wer da neben ihnen steht. Es gibt eine Szene im Roman, wo der Minister sich im Hotel mit seiner Geliebten trifft. Vor der Hoteltür stehen die Bodyguards. Ich wusste aus einem Aufsatz von Hans-Jochen Vogel, was diese Bewachung rund um die Uhr mit einem macht.

Sie versuchen eine Ehrenrettung der Politik als Beruf, zeigen aber auch, wie hilflos und ohnmächtig Politiker sind.

Es geht darum, eine realistische Erwartung an die Politik zu formulieren. Sie ist unablässig beschäftigt, hat aber nichts mehr damit zu tun, sich an irgendwelchen großen Weltentwürfen oder einem Gesellschaftsmodell abzuarbeiten. Natürlich ist es populistisch, wenn Politiker wie kürzlich in Bochum bei der Schließung des Nokia-Werkes Empörung demonstrieren. Sie können die Standortförderung revidieren, mehr nicht. Mich ärgert es aber, wenn die Leute immer nur den Impuls haben, von der Politik etwas zu wollen. Der Staat ist einerseits eine Wunscherfüllungsmaschine, die alles können soll, auf der anderen Seite soll er sich aus allem raushalten. Ich finde, der europäische Sozialstaat ist eine Errungenschaft, die wir zu bewahren und zu verteidigen haben.

Ihr Innenminister ist nicht nur Politiker, sondern auch Ehemann und Liebhaber. Er ist ein Mann mit Erotik, mit ausgeprägter Körperlichkeit.

Ich musste erst einmal klären, ob ein Politiker unter diesen Hochleistungsbedingungen überhaupt noch einen Körper hat und wie dieser Körper hinter all den Panzerungen wahrgenommen wird. In dem Punkt bin ich Optimist. Die Zuschreibung, dass das nur gepanzerte Maschinen sind, halte ich für ideologisch. Das entspricht auch nicht meiner Erfahrung mit den Politikern, die ich getroffen habe. Die hatten alle Körper und konnten beschreiben, was das Leben in der Politikmaschine mit ihnen macht.

In Ihrem Roman ist die Gesellschaft durch Streiks und Aufstände in Unruhe. Ihr Innenminister findet das aber ganz gut. "Die Krawalle belebten ihn", schreiben Sie. "Er langweilte sich nicht mehr."

Politiker zu sein ist deshalb so anstrengend, weil in Wahrheit kaum etwas Dramatisches passiert. Es geht nur darum, die Maschinen immer neu zu justieren. Wann hat Schäuble zuletzt etwas tun dürfen? Das war bei der deutschen Einheit. Danach war nicht mehr viel. Auch in den Medien geschieht viel aus Langeweile. Die Diskurse sind so geordnet und reglementiert, dass man mit Tabubrüchen oder Provokationen aufzufallen versucht.

Eine Gegenfigur zum Innenminister ist die Journalistin Hannah. Die beiden verlieben sich ineinander. Was sie nicht begreift, ist: Warum wird man überhaupt Politiker? Warum tut man sich das an? Sie vermutet, das habe etwas mit der Angst vor dem Tod zu tun. Was meinen Sie damit?

Wir leben in einer hochindividualisierten Gesellschaft, wo das oberste Ziel ist, jung zu sein und jung zu bleiben. Untergründig arbeiten alle daran, dem Tod zu widerstehen, indem etwas von ihnen bleiben soll. Da ist der Machtmensch im Vorteil, der nicht nur Texte oder Bücher, sondern unser aller Geschichte schreibt. Aber im Zeitalter einer nichtheroischen Politik ist das zunehmend schwierig geworden. Es geht nur, indem man wieder Opfer produziert, also den Tod heraufbeschwört und zum Gegenstand von Politik macht.

Ist der Politiker also ein Verwandter des Schriftstellers?

Auch der Schriftsteller kann sich da nur Illusionen machen. Es gibt einen wunderbaren Text von Arno Schmidt, der das auf die Spitze treibt, wo die alle in der Hölle sitzen und darauf warten, dass sie endlich vergessen werden. Das halte ich für einen guten Standpunkt. Im nichtheroischen Zeitalter, wo hier in Europa eigentlich noch alles ziemlich in Ordnung ist, entsteht das Bedürfnis, alles zu musealisieren. Das ist absolut tödlich. Inzwischen darf man ja nicht einmal mehr 50er-Jahre-Häuser abreißen, weil uns ja etwas Wichtiges verloren gehen könnte. Doch um sich genau zu erinnern, muss man aussortieren. Früher hatten die Leute vielleicht 50 Fotos, die haben alle etwas bedeutet. Aber heute, wo wir überall mit Kamera unterwegs sind, führt das zum Gegenteil. Das hat mit dem Tod zu tun, mit der panischen Angst, zu verschwinden.

Ist "Nachricht an alle" ein politischer Roman oder eher ein Roman über Politik?

Mich interessieren als Schriftsteller die Bereiche, über die wir nichts wissen, obwohl eigentlich alles da ist. Das ist ein ethnologisches Interesse. Die deutsche Literatur interessiert sich dafür kaum, obwohl unsre ganze Lebenswelt von der Politik wesentlich mitbestimmt ist. Das hat mit der spezifisch deutschen Tradition zu tun, dass über Politik schreiben immer geheißen hat, in den 60er-Jahren, man müsse Partei ergreifen. Nun kann man unserer Generation vorwerfen, dass wir für gar nichts Partei ergreifen. Ich sehe erst einmal die Vorteile und sage: Wir sind die erste Generation im postideologischen Zeitalter, die hinschauen kann. Man muss das erst einmal beobachten und beschreiben.

Gibt es denn dann noch einen Standpunkt, von dem aus man die Politik kritisieren kann? Sie gehören ja zu dem Kreis jüngerer Autoren, die sich in Lübeck mit Günter Grass getroffen haben - einem Vertreter des klassischen Engagements.

Er hat diesen Standpunkt und kann nicht verstehen, dass unsere Generation damit Probleme hat. Wenn jemand Schriftsteller ist und sich in der Öffentlichkeit bewegt, gibt es natürlich die Option, sich auch als Staatsbürger öffentlich zu äußern. Da bin ich ganz bei Grass. Ich habe keine Position der Abstinenz. Trotzdem ist immer die Frage, wo man das macht. Es gibt so kritische Entlastungsdiskurse. Zum Beispiel hat Grass sich jetzt gegen das Elbbrücken-Projekt in Dresden geäußert. Dieses Pathos könnte ich da nicht aufbringen, weil die Sache doch klar ist.

Aber das kann doch nicht heißen, dass man auf Kritik und Widerstand verzichtet. Sie beschreiben ja auch, wie hohl viele Formen von Politik geworden sind, wenn es nur noch um den Machterhalt geht.

Man muss begreifen, dass diese Gesellschaft etwas Gefährdetes ist. Man muss etwas für sie tun. Mein Ort der Politisierung ist der Kindergarten und die Schule. Da sehe ich, dass die Gesellschaft, also in diesem Fall die Eltern, sehr gespaltene Erwartungen haben. Sie sagen: Bitte Staat, also Schule, sorge dafür, dass mein Kind fit ist für den Kampf in der globalisierten Wirtschaft. Und zugleich, typisch für unsere Generation: Um Gottes Willen kein Leistungsdruck. Anderes Beispiel: Steuerhinterziehung. Bekannte und selbst Freunde, alles keine armen Leute, hinterziehen Steuern. Sie sind Betrüger. Ihnen ist überhaupt nicht klar, was das bedeutet. Da, wo der Staat an sie herantritt, ist er der Wegelagerer. Aber in einem anderen Kontext sind sie die Ersten, die nach staatlichen Leistungen rufen.

Also Selbstkritik statt Widerstand und Protest?

Um wirklich dagegen sein zu können, muss man etwas wissen. Dieses Wissen führt aber dazu, dass das Neinsagen schwieriger wird. Das ist ein Dilemma. Mich interessiert, dass es zu sehr vielen Bewegungen eine verborgene Gegenbewegung gibt. Das beste Beispiel ist der Konsument. Man kann nicht Globalisierungskritiker sein und bei Aldi einkaufen. Ich kenne aber viele, die genau das tun, obwohl sie es nicht müssten. Sie trennen die beiden Sphären voneinander. Um aber politisch zu handeln, muss man das zusammendenken. Sonst ist alles Parole.

Dann geben Sie also, sosehr Sie sich vor politischen Handlungsanweisungen fürchten, nun doch eine: Nicht bei Aldi einkaufen!

Bei Aldi einzukaufen ist die unlustvollste Erfahrung, die man beim Einkaufen machen kann. Ich will vorsichtig sein mit Anweisungen, weil es ja Leute gibt, die wirklich arm sind. Aber 50 Prozent von denen, die dort hingehen, müssten das nicht. Aldi ist so gesehen nichts anderes als eine Maschine, um die allgemein gewachsene Gier zu befriedigen.

Interview: Jörg Magenau

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