Kommentar Kolumbien und Venezuela: Vergiftete Nachbarschaft

So schlecht wie heute waren die Beziehungen zwischen Kolumbien und Venezuela noch nie - und rufen Erinnerungen an den Krieg zwischen Nicaragua und Honduras wach.

Paradoxer kann es kaum zugehen: Kolumbiens Präsident Álvaro Uribe hat seinem venezolanischen Amtskollegen Hugo Chávez schon vor Monaten jedes Verhandlungsmandat in der kolumbianischen Geiselaffäre entzogen. Trotzdem hat Chávez Vermittlung dafür gesorgt, dass die Farc-Guerilla vergangenen Mittwoch erneut vier entführte Politiker ohne jede Gegenleistung freiließ. Dankbarkeit darf Chávez dafür allerdings nicht erwarten.

Die Beziehungen zwischen den südamerikanischen Nachbarländern und ihren ungleichen Regierungen sind so schlecht wie nie zuvor. Dabei war das Verhältnis zwischen dem Linken Hugo Chávez und dem US-nahen Rechten Álvaro Uribe lange Zeit auffallend freundlich. Trotz unüberbrückbarer politischer Differenzen pflegten die Präsidenten einen geradezu kumpelhaften Umgang. 2004 vereinbarte man sogar den Bau einer Gaspipeline, um die Kooperation auch ökonomisch zu zementieren. Doch mit der Geiselaffäre hat sich diese Situation dramatisch zugespitzt: Caracas schloss zeitweise die Grenze zum Nachbarland. Kolumbien, mit 600 Millionen US-Dollar jährlich drittgrößter Empfänger von US-Militärhilfe weltweit, orderte 23 neue "Kfir"-Kampfflugzeuge in Israel. Sogar über einen offenen militärischen Konflikt wurde in letzter Zeit diskutiert.

Dass die Beziehungen schwierig sind, liegt eigentlich auf der Hand. 1999 startete Chávez unmittelbar nach seinem Amtsantritt eine Kampagne gegen die Entsendung einer multinationalen Eingreiftruppe nach Kolumbien, wie sie Washington und Bogotá damals propagierten. Der Bürgerkrieg im Nachbarland, so Chávez, sei militärisch nicht zu lösen. Der "Plan Colombia" werde den Krieg nur verschärfen. Diese Position brachte dem Präsidenten den Ruf ein, Guerilla-Unterstützer zu sein.

Im Nachbarland konterte man: Die Anführer des gescheiterten Anti-Chávez-Putsches erhielten politisches Asyl. 2004 wurden hundert kolumbianische Paramilitärs in der Nähe von Caracas verhaftet. Die Männer hatten den Auftrag, als venezolanische Soldaten verkleidet einen bewaffneten Aufstand gegen Chávez anzuzetteln. Und schließlich sagte ein hochrangiger kolumbianischer Polizeifunktionär aus, dass derartige Operationen Rückendeckung von ganz oben besaßen. Die Polizeibehörde DAS, Mitglieder der Regierung Uribe und Paramilitärs hätten gemeinsam mit der venezolanischen Rechten konspiriert, um Chávez gewaltsam zu stürzen.

Vor diesem Hintergrund mutete es von Anfang an merkwürdig an, dass Chávez im vergangenen Sommer von Uribe plötzlich als Vermittler berufen wurde, um einen Gefangenenaustausch mit der Farc-Guerilla auszuhandeln. Der weitere Verlauf der Vermittlungen war dann allerdings weniger überraschend. Chávez handelte in kürzester Zeit eine Vorvereinbarung mit der Guerilla aus. Präsident Uribe, der eigentlich eine militärische Lösung des Geiselkonflikts anstrebt, setzte alle Gespräche aus, woraufhin Chávez den Botschafter aus Bogotá abzog und erklärte, Uribe sei ein Kriegstreiber und Lakai des US-Imperialismus.

Obwohl diese Vorfälle bereits drei Monate zurückliegen, ist das Klima, besonders in Kolumbien, vergifteter denn je. Auf den Anti-Farc-Demonstrationen Anfang Februar, bei denen mehrere Millionen Menschen die Freilassung der entführten Politiker und Offiziere forderten, waren die militaristischen - nicht nur gegen die Guerilla, sondern auch gegen die vermeintlichen Hintermänner in Caracas gerichteten - Parolen klar in der Überzahl. Selbst Angehörigen der Geiseln schlug die nationalistische Welle entgegen. So wurde Gustavo Moncayo, Vater eines entführten Polizeihauptmanns, von einer Demonstration vertrieben, weil er sich für eine Vermittlung von Chávez ausgesprochen hatte.

Die Situation ist auch deswegen so angespannt, weil die innenpolitischen Konflikte der Nachbarländer eng miteinander verquickt sind. Zwar gibt es für die These, Chávez unterstütze die kolumbianische Guerilla, keine seriösen Belege. Doch es ist nicht zu übersehen, dass die Regierung in Caracas den Farc in vielen inhaltlichen Fragen näher steht als dem Bush-Freund Uribe. Und umgekehrt sind kolumbianische Paramilitärs seit langem bewaffnet in Venezuela aktiv. An die 200 venezolanische Kleinbauern wurden seit dem Jahr 2000 im Auftrag von einheimischen Großgrundbesitzen durch - häufig kolumbianische - Todesschwadronen erschossen.

Chávez hat nun behauptet, dass die offiziell demobilisierten AUC-Paramilitärs die venezolanische Grenzregion systematisch mit Kokain überschwemmten, um das Land zu destabilisieren. Das mag absurd klingen. Außer Frage steht jedoch, dass die Paramilitärs nicht nur den Drogenanbau besteuern, wie es auch die Farc tun, sondern auch den internationalen Export kontrollieren. Und unzweifelhaft belegt ist auch, dass Uribes Regierungslager, Drogenhandel und Paramilitärs teilweise symbiotische Beziehungen ausgebaut haben.

Vor diesem Hintergrund werden Erinnerungen an einen anderen lateinamerikanischen Krieg wach. Im Nicaragua der 1980er-Jahre wurde die antisandinistische Contra unter anderem mit Drogengeldern finanziert. Die Reagan-Regierung verhinderte damals Ermittlungen gegen die nicaraguanischen "Freiheitskämpfer" und fädelte illegale Waffenlieferungen ein. Als wichtigster Stützpunkt diente dabei das an Nicaragua angrenzende Honduras, wo eine mit Washington verbündete Rechtsregierung den Contras freie Hand gewährte und dafür im Gegenzug finanzielle Unterstützung aus Washington erhielt. Eine Schlüsselfigur dieses bizarren Geheimkrieges war der US-Botschafter in Honduras, John Negroponte. Unter George W. Bush 2004 wurde er Botschafter im Irak, oberster Geheimdienstkoordinator und schließlich Vizeaußenminister.

Ob sich der Konflikt an der kolumbianisch-venezolanischen Grenze ähnlich entwickeln wird wie einst im Contra-Land zwischen Honduras und Nicaragua, ist schwer zu beurteilen. Negativ könnte sich auswirken, dass Chávez und Uribe innenpolitisch unter Druck stehen. In Venezuela gibt es Streit über den Kurs der "bolivarianischen Revolution". Wegen bürokratiekritischer Stellungnahmen hat man mehreren Linken den Ausschluss aus der Regierungspartei angedroht. Und Uribe ist in Paramilitärskandale verstrickt. Zahlreiche Abgeordnete seiner Regierungskoalition sitzen wegen Verbindungen zu den AUC im Gefängnis. Und auch über Uribes Kontakte zum Medellín-Kartell wird wieder gesprochen; in einer unlängst veröffentlichten Autobiografie heißt es, der Präsident (den die USA 1991 als wichtige Person des kolumbianischen Drogenhandels einschätzte) sei vom legendären Pablo Escobar "der Goldjunge" genannt worden. Uribe habe als Chef der Luftfahrtbehörde für die Legalisierung von Drogenflugzeugen und Flugpisten gesorgt.

In Anbetracht solcher Vorwürfe ist der außenpolitische Konflikt ein willkommenes Mittel, um den Druck auf die eigene Person zu verringern. RAUL ZELIK

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