Springer gegen Bildblog

Presserat kuscht nicht

Trotz des Drucks von "Bild" und Konsorten will sich der Presserat auch weiterhin mit den Beschwerden der "Bild"-Kritiker befassen. Es sei denn, sie seien wirklich "missbräuchlich".

...und was in der BILD steht, wird von Bildblog unter die Lupe genommen. Bild: ap

Der Deutsche Presserat hat nicht vor Springer gekuscht und wird sich auch weiterhin mit Beschwerden von Bildblog.de befassen: "Die Regeln bleiben so, wie sie sind", sagte der gestern frisch gewählte Sprecher des Selbstkontrollorgans der deutschen Zeitungen und Zeitschriften, der dpa-Redakteur Manfred Protze, der taz. Man habe die drei noch offenen Bildblog-Eingaben geprüft. "Dabei gab es keine Anhaltspunkte, dass es sich um missbräuliche Beschwerden handelt", so Protze.

Beim Presserat kann sich jeder über Verstöße gegen den Pressekodex, die selbst auferlegten Spielregeln der Printmedien, beschweren. Springer hatte argumentiert, Bildblog betreibe die Beschwerdeführung quasi professionell und missbrauche so den Presserat. Der Verlag, dessen "Bild" seit Jahren das Ranking der Presserats-Rügen anführt, hatte verlangt, Bildblog-Beschwerden nicht mehr anzunehmen. Ein Springer-Sprecher hatte "Bildblog" dabei mit einem "Abmahnverein" verglichen.

Wichtig ist laut Presserat die Unterscheidung, ob es sich um individuelle Beschwerden nach dem "Jedermannsrecht" oder um eine gezielte Kampagne handele. Schwierige würde es daher bei Aufrufen wie dem, mit dem Bildblog Anfang 2007 auf der Website nach "Leuten suchte, die sich bei Bedarf über 'Bild' beschwerten", so Protze.

Bildblogger Stefan Niggemeier wies den Vorwurf zurück, dabei könne es sich um Missbrauch handeln. "Damit wollten wir zeigen, dass der Presserat im Zweifelsfall nicht verhindern könnte, dass sich Menschen bei ihm beschweren", sagte er. "Der Vorwurf des Missbrauchs sollte für den Presserat ohnehin vom Inhalt der Beschwerde und nicht vom Beschwerdeführer abhängen", so Niggemeier.

Wer allerdings eine starke Ansage des Presserats in Richtung Springer erwartet hatte, sah sich getäuscht. Es herrsche "Meinungsfreiheit", so Protze, von der auch "Springer Gebrauch" mache. Zudem sei "Kritik ja auch ein Zeichen von Wertschätzung".

Bei Bildblog nannte man die Presseratsentscheidung "erfreulich". Allerdings bleibe der Eindruck, dass es eher um eine "Sache zwischen 'Bild' und Presserat" als um Bildblog gehe, so Bildblogger Christoph Schultheis.

Da dürfte was dran sein: "Denn 'Bild' und Springer haben den Presserat nicht nur via Bildblog im Visier: Mal wirft "Bild" dem Selbstkontrollorgan vor, es lasse sich "offensichtlich von politischen Beweggründen leiten", weil es das Blatt wegen Schleichwerbung rügte. Ende 2007 polemisierte Bild gegen eine Presserats-Rüge wegen der Berichterstattung über den von "Bild" als "irrer Deutsch-Libanese" bezeichneten Khaled El Masri: "Irre: Presserat rügt "Bild" wegen dieses Brandstifters", stand über dem Text. Die Angelegenheit lässt dem Blatt bis heute keine Ruhe: "Schlafe ruhig, Deutscher Presserat!", höhnte "Bild"-Mann Nicolaus Fest erst letzte Woche auf bild.de und beschwerte sich darüber, dass die "Hetzkampagnen türkischer Medien nach dem Brand von Ludwigshafen" vom Presserat ungeahndet blieben. "Wenn es um angebliche Schleichwerbung geht oder um den Persönlichkeitsschutz krimineller islamistischer Ex-Kommandanten wie Khaled al-Masri", sei "dem Presserat die öffentliche Selbstdarstellung" dagegen "ein hohes Anliegen", so Fest.

Doch auch die Wahrnehmung von Bildblog selbst hat sich bei Springer geändert: War dort anfangs gerne mit ungespielter Herablassung von "Niggemeiers Hobby-Blog" die Rede, wirkt die Herablassung in jüngster Zeit ziemlich angestrengt. Da nennt der für "Bild" zuständige Springer-Vorstand Andreas Wiele Bildblog natürlich noch ein "Thema, was sich an ein paar obskure Online-Blogger wendet" und floskelt von "viel Feind, viel Ehr". Doch der nun gescheiterte Vorstoss beim Presserat spricht eine andere Sprache.

"Wir brauchen die härteste Blattkritik Europas", sagt im gestern bei Springer präsentierten "Bild"-Feelgood-Filmchen für mehr Leserfreundlichkeit ein "Bild"-Redakteur. Da ist was dran. Und Bildblog dabei ja auch behilflich.

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