Trend zur Mannschaft beim Ironman

Stadler und das Team Investmentbank

Der zweimalige Ironman-Sieger Normann Stadler will sich vom Einzelkämpfer zum Teamleader entwickeln - mit "eiserner Transparenz". Ein Besuch im Trainingslager des Triathleten.

Normann Stadlers unglücklicher Auftritt beim Ironman 2007 ... Bild: dpa

Von Normann Stadler, Jahrgang 1973, heißt es, er habe bereits als 11-Jähriger an einem Tag eine Marathon-Wanderung und anschließend einen 20-km-Lauf absolviert. Das Talent für den Ausdauersport nutzte er, wurde Weltmeister im Duathlon (1994) und beendete 2004 und 2006 den Ironman auf Hawaii (3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren, 42 km Laufen) als Sieger. Der Badener sah seine Leistung aber nicht gebührend gewürdigt. Zum Eklat kam es bei der Sportler-des-Jahres-Wahl 2004, als Stadler nur auf Platz neun kam. Die Schuld daran schob er der Dopingaffäre um Triathletin Nina Kraft zu, zudem äußerte er sich abfällig über andere vor ihm platzierte Sportler, namentlich Turner Fabian Hambüchen und den Paralympics-Sieger Wojtek Czyz.

Ein sonniger Märztag auf Mallorca. Vor dem Hotel Playa de Muro hat sich eine kleine Menschentraube gebildet. Junge Frauen kichern, ältere Damen zücken die Handykamera. Erst als sich die Ansammlung auflöst, kommt die umschwirrte Hauptperson zum Vorschein. Normann Stadler, der zweimalige Ironman-Weltmeister. Mit seinem athletischen Körper in seiner hautengen schwarzen Radkleidung, dem aerodynamischen Helm und seinem futuristisch geschnittenen Bike ist der Mann ein Hingucker; er hebt sich halt deutlich ab von den Heerscharen der Hobbyradfahrer, die in diesen Tagen zu Tausenden die spanische Urlaubsinsel bevölkern. Auch die Vier-Sterne-Herberge an der Hauptstraße von Alcudia ist ganz auf sportliche oder semisportliche Gäste fixiert, die unter der Obhut von Max Hürzeler, einem ehemaligen Radprofi, seit mehr als 20 Jahren zuvorderst wegen der fast perfekten Radsportmöglichkeiten nach Mallorca reisen.

"Auch ich bin jedes Jahr zum Radfahren da", sagt Stadler. Der gewaltige Unterschied: Während die meisten der Radtouristen froh sind, wenn sie überhaupt die 136 Kilometer lange Küstenstrecke einmal bewältigen, rast Stadler in einem Höllentempo über jeden Winkel der Insel. In diesem Jahr ist er bereits das zweite Mal hier, diesmal zwei Wochen bis gestern, Karfreitag. Gefahren wird meist ein Mittel von 35 Stundenkilometer. "Einmal hat uns ein Radfahrer angesprochen, wir würden ja nicht so schnell sein", erzählt der 35-Jährige eine Episode aus dem Alltag. "Da haben wir gesagt, er soll mal mitfahren und haben das Tempo auf 39 erhöht. Der ist dann schnell abgeplatzt." Das heißt in der Sprache der Radfahrer: Man hat ihn abgehängt.

Wehe, jemand reizt den Wertheimer. "Das lässt man am besten schön bleiben", weiß auch Jan Raphael. Der talentierte Triathlet aus Hannover, Sieger in Florida 2007, ist seit dem vergangenen Jahr Mitglied im neu gegründeten Triathlon-Team der Dresdner Kleinwort, einer Investmentbank. Die steckt die nächsten Jahre fast eine Million Euro in ein Projekt, das vor allem Stadler in vielfacher Hinsicht neue Möglichkeiten eröffnet. Er hat jetzt eigene PR-Fachleute in Hamburg sitzen und täglich Teamkollegen um sich, "die mich Tag für Tag pushen". Stadler sagt: "Früher habe ich mein Training fast immer alleine gemacht. Jetzt arbeiten und erarbeiten wir fast alles in der Gruppe. Und das funktioniert ausgesprochen gut." Neben ihm und Raphael sind noch Markus Fachbach, Maik Twelsiek und der Belgier Mario Vanhoenacker sowie der Physiotherapeut Tim Großmann dabei. "Wir arbeiten hart, haben aber trotzdem Spaß", sagt Stadler und verweist mehrfach auf "die gute Gemeinschaft". Der früher als Egomane verschriene Ironman scheint zum Gruppenleiter zu mutieren. Denn eines wird schnell klar: Der 1,82 Meter große Modellathlet mit dem Ruhepuls von 42 gibt meist nicht nur das Tempo auf der Straße vor, sondern ist auch der Einzige, den die Hotelgäste als Profisportler identifizieren.

... und als Sieger 2006. Bild: reuters

Da wird beim Essen schon einmal genau hingeschaut, was so einer sich auf den Teller tut. Aber auch ein Ironman greift morgens zu Pfannkuchen und abends zum Schokoladeneis. Ganz ohne Gewissensbisse. "So was muss drin sein. Ich bin ein Genussmensch." Aber eben ein besonders ehrgeiziger, der in diesem Jahr einiges gut zu machen hat. "2007 war nicht gut", sagt er. Erst die rätselhafte Rückenverletzung in Frankfurt, dann die merkwürdige Viruserkrankung auf Hawaii: Bei beiden Saisonhöhepunkten kam er nicht einmal ins Ziel. "Mir liegen die geraden Jahre mehr", betont er in Anspielung auf seine Coups in Kona 2004 und 2006. Vor dem ersten diesjährigen Höhepunkt, der Europameisterschaft in Frankfurt am 6. Juli, bestreitet er mehrere kleinere Wettkämpfe. Etwa die deutschen Halbmarathonmeisterschaften in Calw Anfang April, einen Kurz-Triathlon in Buschütten im Mai und den Half-Ironman in St. Pölten im Juni. Derzeit werden die Grundlagen gelegt. "In dieser Jahreszeit würde ich noch keinen Ironman gewinnen." Die oft quälend langen Trainingseinheiten in dieser Phase sind ermüdend, "das ist Arbeit".

Er ist einer der Ausnahmeathleten, die viel aus dem Bauch heraus entscheiden. Ohne Extratrainer, ohne Trainingsplan. "So falsch kann das nicht sein. Ich war noch nie verletzt." Und er habe noch nie mit unerlaubten Mitteln nachgeholfen. Stadler gibt seit je auch den Antidoping-Vorkämpfer; es ist gerade ein Programm auf den Weg gebracht, das "Eiserne Transparenz" heißt.

Wie zum Beleg erschien am Montag nicht nur Ulrike Spitz, die Sprecherin der Nationalen Antidoping-Agentur (Nada) für einen Vortrag im Hotel, sondern unangekündigt auch die Nada-Kontrolleure. Stadlers gesamtes Team wurde morgens an der Rezeption überrascht - alle ließen Blut und Urin. "Das war schon die vierte oder fünfte Kontrolle in diesem Jahr", sagt Stadler, "das wollen wir so." Die Radausfahrt fiel an diesem Tag flach.

Das Programm eines Ironman ist gewaltig: Fast 18.000 Kilometer Radfahren im Jahr, mindestens 80 Kilometer Laufen die Woche, dazu das Schwimmtraining, das Stadler indes vernachlässigt. "Deshalb kriege ich auch vor jedem Wettkampf noch Panik." Ansonsten ist er im Trainingslager die Gelassenheit in Person: Dem ausgedehnten Abendessen folgt meist noch ein gemütlicher Plausch an der Bar. Dabei ist auch ein Bier erlaubt, aber ein Ironman ist weit vor Mitternacht im Bett. Die Abende erscheinen austauschbar. Nur der Mittwoch bot eine Abwechslung.

Beim sogenannten Teamabend lud der Veranstalter drei Prominente auf eine putzige Bühne: Altstar Albert Fritz, Mountainbike-Weltmeisterin Irina Kalentieva und Stadler saßen der Reihe nach auf einem Barhocker, während der geneigte Hotelgast fragen konnte, was er schon immer wissen wollte. Von Fritz und Kalentieva wollte niemand etwas wissen, auf Stadler prasselten sie herein wie sonst nur bei Pressekonferen- zen. Wer sein größter Konkurrent sei? "Chris McCormack", antwortete Normann Stadler. "Der hat uns Deutsche als Feindbild und unsere Bilder aufs Klo gehängt." Dann sagte er etwas, was er so wohl noch nie geäußert hatte: "Ich muss nicht mehr gewinnen. Vielleicht kümmere ich mich bald nur noch um den Nachwuchs." Er wird im Sommer Vater einer Tochter.

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