"Der rote Baron" im Kino: Ein Kampfflieger wird Pazifist

Zeppeline hängen in der Luft wie halbtote Wale: "Der Rote Baron" mit Matthias Schweighöfer ist ein eher unbeholfen inszeniertes Heldendrama.

Nie war er so edel wie heute: Matthias Schweighöfer als Manfred von Richthofen. Bild: warner bros.

Die Sehnsucht nach deutschen Helden ist groß. Tom Cruise und Bryan Singer küssten sie im letzten Sommer wach, als sie dem gescheiterten Hitler-Attentäter Graf von Stauffenberg neues Leben einhauchten und "Walküre", den Spielfilm zum Attentat, am historischen Ort in Berlin drehten. Nicht ganz so groß geht Nikolai Muellerschoen die Sache an. Muellerschoen, 1958 in Stuttgart geboren, in Kalifornien beheimatet und verantwortlich für Filme wie "Schulmädchen 84", lässt lieber die Finger vom Zweiten Weltkrieg. Sein Held ist Manfred von Richthofen, ein Kampfflieger aus dem Ersten Weltkrieg. Sein Filmdenkmal heißt "Der rote Baron".

Rot nicht der politischen Orientierung wegen, sondern weil von Richthofen seine Flugzeuge rot streichen ließ, um die gegnerischen Flieger in Schrecken zu versetzen. Ab 1917 kommandierte er an der Westfront das Jagdgeschwader Nr. 1, im selben Jahr schrieb er seine Autobiografie "Der rote Kampfflieger", am 21. April 1918 wurde er tödlich verwundet, gerade 26 Jahre alt. Schon zu Lebzeiten war von Richthofen eine Legende, ein Popstar avant la lettre, da er besonders viele gegnerische Flugzeuge vom Himmel holte. In ihm überkreuzte sich Gegensätzliches: die Begeisterung für die neue Kriegstechnik des Flugzeugs einerseits, andererseits ein Ehrbegriff, der sich aus den Zeiten des Rittertums speiste. Mit den Schrecken des Grabenkriegs und des Senfgases wollten von Richthofen und andere Flieger nichts zu tun haben. Wer flog, hielt Sportsgeist und Fairness in Ehren. So will es der Mythos, dem Zeitgenossen auf beiden Seiten der Front anhingen. Über von Richthofens Geschwader schrieb eine Pariser Zeitung wenige Tage nach dessen Tod: "Es bewahrte vielmehr bei seinen Heldentaten eine gewisse Noblesse, eine letzte Erinnerung an adlige Gesinnung." Von Richthofens Biograf Joachim Castan hingegen kommt knapp 90 Jahre später zu einem anderen Schluss und spricht von einer "grausamen Kampfmaschine am Steuerknüppel".

Muellerschoen hält es mit der Pariser Zeitung und verwendet viel Mühe darauf, seinen Helden so zu zeichnen, als sei er vom Krieg unberührt. "Meine Herren, wir sind Sportsfreunde", schwört von Richthofen (Matthias Schweighöfer) seine Männer ein. Ein Bewusstsein von den Gräueln in den Schützengräben erhält er erst, als er sich in die Krankenschwester Käte (Lena Headey) verliebt. Ihre vom Blut der vielen Verletzten roten Hände reckt sie der Kamera entgegen und gibt, während sie von Richthofen durchs Feldlazarett führt, naheliegende Weisheiten zum Besten: "Das ist kein Spiel." Der dem Spiel zuneigende Baron begreift im Angesicht der dekorativ entstellten Leiber, was Sache ist, und vollzieht eine Muellerschoens Privatmythologie entspringende Volte. Er wird zum Gegner des Kriegs und arbeitet heimlich der deutschen Kapitulation zu. Ein Kampfflieger als Pazifist: Das überbietet bei weitem das Paradox, das in der Überlagerung von altem Ehrenkodex und neuer Technologie sich abzeichnet.

Man weiß nicht, was haarsträubender ist: das Begehren, den Kriegshelden von einst zu einem Helden für heute zu machen und ihn zu diesem Zweck so weichzuspülen, dass nichts mehr von ihm übrig bleibt? Oder doch die Unbeholfenheit, mit der der Regisseur ans Werk geht? Wäre Film eine Fremdsprache, Muellerschoen besuchte gerade mal den Grundkurs. "Der rote Baron" stottert, sein Vokabular beschränkt sich fast durchweg auf Schuss-Gegenschuss-Sequenzen. Der Soundscape klingt nach Konserve, die Montage ist beliebig, die Dramaturgie fahrig, für die Geschichte Wesentliches wird einfach in einem Schnitt versteckt. Die Kampfszenen in der Luft sind am Computer generiert und wirken trotzdem schwerfällig; von der dem Kino eigenen Freude an Geschwindigkeit, Schwerelosigkeit und Bewegung ist nichts zu spüren. Einmal hängen britische Zeppeline in der grauen Luft wie halbtote Wale, und man fragt sich, warum die Bilder so farbentsättigt sind - weil schwache Farben zuverlässig "Vergangenheit" markieren?

Der Rest ist an Wahrheiten und Botschaften reicher Dialog. Wie sagt es die um eine Weisheit nie verlegene Käte? "Nie war das Grauen größer."

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