Neue Alben von Gonzales und The Feeling: Musikalische Buttercremetorten

"Soft Power" von Gonzales erinnert an die Zeit, bevor Punk die musikalischen Buttercremetorten in den Müll fegte. Auch The Feeling setzen auf offensiv verbratenene Klischees.

Mit schmalzigen Melodien ist Gonzales inzwischen in die Pop-Beletage vorgedrungen. Bild: Universal Music

Ehrlichkeit ist ja angeblich eine Zier, allerdings selbst im pompösen Musikgeschäft keine, die zum Ausstaffieren eines eleganten Auftritts taugt. Doch ausnahmsweise will Gonzales mal niemanden hinters Licht führen. Keine größenwahnsinnige Aufführung mit ironischer Absicherung, keine Mätzchen mit Hintersinn, der König des Berliner Underground hat abgedankt.

Nein, man darf sich ausdrücklich gewarnt wähnen schon durch den Titel seines neuen Werks: "Soft Power". Auf der CD-Rückseite posiert der Kanadier, der nach langen Jahren als Wahlberliner mittlerweile in Paris lebt und als Kollaborateur von Leslie Feist in die Pop-Beletage vorgedrungen ist, vor tobender Brandung in einem Morgenmantel.

"Its a good good day for an apology", singt Gonzales. Es ist an eine ehemalige Liebe gerichtet, ließe sich aber auch ganz vorzüglich interpretieren als Motto für diese Platte, die doch eigentlich nur eine Entschuldigung ist an eine ganze popmusikalische Ära. Denn nahezu jedes Stück von "Soft Power" beschwört eine Galerie des Schreckens herauf: Peter Frampton und Steve Winwood, Billy Joel und Supertramp, Fleetwood Mac, das Electric Light Orchestra, ja sogar Toto und Foreigner kommen einem in den Sinn, wenn Gonzales mit Streichern hantiert, watteweiche Gitarren übereinander häuft, ein selbstzufriedenes Klavier voluminös anschlägt und das alles mit entrückten Frauenchören, schmachtendem Saxofon und schmalzigen Melodien verziert.

Es ist ein radikaler Stilwechsel in einer an radikalen Stilwechseln nicht eben armen Karriere. Jason Beck, Kanadier mit Klavier-Ausbildung, wurde bekannt als Electroclash-Rabauke und nahm zuletzt eine ganze Platte mit zwar spartanischen, aber trotzdem humorvollen Piano-Preziosen auf. Für "Soft Power" nun bezieht sich der begnadete Selbstdarsteller eindeutig auf jene dunkelsten Seiten des Mainstream-Poprocks, gegen den Punk Ende der Siebzigerjahre revoltierte. Natürlich ist Gonzales Beziehung zu den Originalen gebrochen. Aber er erlaubt sich nicht, den zeitlichen und inhaltlichen Abstand auf die simpelste Art und Weise, mit Dilettantismus nämlich, zu markieren. Gerade weil er dem Ausgangsmaterial mit handwerklichem Respekt begegnet und dessen musikalische Könnerschaft feiert, kann er einen ironischen Standpunkt einnehmen. Er macht den Soft Rock nicht lächerlich, aber er begegnet ihm mit einem feinen Lächeln um die Mundwinkel, wie einer alten Dame, der man in den Sessel hilft. So erfährt manch verteufelte Band eine vielleicht ja tatsächlich verdiente Rehabilitation.

Viel wichtiger aber ist, dass "Soft Power" ein ziemlich exaktes Gefühl davon vermittelt, wie sich das damals angefühlt haben muss, bevor Punk diese ganzen musikalischen Buttercremetorten in den Müll fegte. Gonzales lässt sie uns schmecken, die süße Ahnung vom Verfall auf allerhöchstem Niveau.

Ganz ähnlich verfahren The Feeling. Die Band aus Sussex hat ihre ersten Jahre als Einheiz-Kapelle in den Apres-Ski-Kneipen französischer Wintersportgebiete verbracht. Dort hat man einerseits sehr genau studiert, welche Melodien und musikalischen Tricks massenkompatibel sind. Andererseits sich auch das handwerkliche Können angeeignet, diese Erkenntnisse exakt umzusetzen. So wirkt auch ihr zweites Album "Join With Us" weniger wie ein originäres Rockalbum, sondern eher wie am Reißbrett entworfen. Gute-Laune-Stücke mit Mitklatschpotenzial bringen das Publikum in Fahrt und zum Mitgrölen geeignete Donnerrocknummern die Stimmung zum Überkippen, bevor die eine oder andere Schmachtballade eine Erholungspause garantiert.

Doch trotz aller offensichtlichen Effekte und der offensiv verbratenen Klischees, trotz der demonstrativen Oberflächlichkeit des emotionalen Ausdrucks ist jeder einzelne Song fein strukturiert, ausgiebig arrangiert und mit viel Liebe zum Detail eingespielt. Mit The Feeling, hier verspricht der Bandname nicht zu viel, verkommt Handwerk zum reinen Selbstzweck, zur Lart pour lart, in der sich die große Geste zum Gefühlsersatz aufschwingt. Doch woran liegt es, dass ein Trüffelschwein wie Gonzales gerade jetzt den Soft Rock der späten Siebziger entdeckt und eine Band wie The Feeling kommerzielle Erfolge feiert? Müde wirkt die Popmusik, die Revivaldurchlaufgeschwindigkeit wird immer schneller, retrospektive Sangeskunst von Duffy und Amy Winehouse dominiert die Charts, und wie so oft, wenn das Warten auf das neue große Ding allzu langweilig wird, besinnt man sich der guten alten Dinge. Womöglich stehen wir also am Ende einer Ära. Aber solange der Verfall so prima klingt, darf die Fäulnis ruhig noch ein wenig andauern.

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