Zurück in die 80er Jahre mit Yazoo: Dont Go!

Retro wie Hölle: Das Synthiepop-Duo Yazoo geht als lebendiges Pop-Museum wieder auf Tour. Während ihres Konzerts in Berlin waren viele Menschen darüber sehr glücklich.

Es wirkt überzeugend, wenn Alison Moyet sich beim Publikum bedankt. Bild: rtr

"Alison! Alison!" Der Mann um die vierzig mit den kurz rasierten Haaren will sich nicht damit begnügen, dass er die Helden seiner Jugend endlich einmal auf der Bühne erleben darf. Immer wieder brüllt er seine Begeisterung zwischen und in die Songs, die Alison Moyet und Vince Clarke in der gut gefüllten Berliner Columbiahalle darbieten. Man kann es ihm nicht verübeln.

Das Duo Yazoo ist zum ersten Mal seit 25 Jahren wieder vereint. Eine Band-Reunion unter vielen, könnte man meinen. Im Popgeschäft ist es ja mittlerweile gängige Praxis, selbst die zerstrittensten Haufen erneut zusammen auf die Reise zu schicken, um Konzerte zu geben und die eigene Kasse aufzubessern, besonders bei alten Popriesen. Eigentlich ein Fall für das Kartellamt.

Puren Idealismus wird man auch Yazoo kaum unterstellen können. Doch allein die Umstände ihrer Bandgeschichte machen diesen Auftritt spektakulär. Vince Clarke war im Jahr 1981 gerade dabei, mit Depeche Mode die Popwelt zu erobern und Millionen von Hörern die Segnungen der Synthesizertechnik nahezubringen. Dann schrieb er einen Song - so will es die offizielle Bandgeschichte -, den seine Kollegen von Depeche Mode zu kitschig fanden, wenig später folgte der Bruch. Über eine Anzeige im Melody Maker fand er die Stimme für seinen neuen Song: Alison Moyet. "Only You" sollte Yazoos größter Hit werden.

Die Musik der beiden lebte von der Spannung zwischen Clarkes Synthesizer-Tüfteleien, die stets eine perfekte Balance zwischen fremdartig und kindgerecht wahrten, und Moyets traditioneller Bluesstimme. Die Kombination überzeugte: Die zwei Alben des britischen Duos waren große Erfolge. Die persönlichen Spannungen hingegen waren auf Dauer eher unproduktiv: Nach anderthalb Jahren war die Band wieder Geschichte, Alison Moyet begann eine Solokarriere, Vince Clarke feierte mit Erasure Erfolge.

Jetzt touren sie wieder als Yazoo und tun so, als sei die ganze Zeit nichts gewesen. Kein neues Album, kein neuer Song, stattdessen bringen sie in 90 Minuten nahezu ihr gesamtes gemeinsames Schaffen zur Aufführung. Von ihrem Debütalbum "Upstairs At Erics" spielen sie jeden einzelnen Song; die Arrangements, die Clarke mit seinem Laptop beisteuert, klingen nahezu wie die Originale.

Genau das ist es auch, was die Fans wollen. Keine Überraschungen, keine Experimente. Sie wollen die Yazoo ihrer Jugenderinnerung. Man könnte fast sagen, es ist das verlorene psychonalytische Objekt - das eigentlich notwendig immer entzogen bleibt -, das sie an diesem Abend wie durch ein Wunder wiederfinden, in einer Suche nach der verlorenen Zeit. Ein verlorenes Objekt wohlgemerkt, das sie nie wirklich hatten: Die meisten der Anwesenden, im Schnitt um die 30 Jahre, dürften zum ersten Mal in ihrem Leben Gelegenheit haben, ihre Idole leibhaftig zu erleben.

Es ist ein bisschen absurd, Klassiker der Achtziger in werkgetreuer Rekonstruktion präsentiert zu bekommen und sonst nichts. Einzig die Stimme Moyets ist etwas dunkler und vielleicht noch voller geworden. Und das ist das Unglaubliche an diesem Konzert: Es ist retro wie die Hölle, ein lebendiges Popmuseum - und trotzdem ergreifend. Schon mit dem ersten Song des Abends, "Nobodys Diary", bricht ein Jubel im Publikum los, und es funktioniert grandios. Moyet ist nach wie vor eine große Sängerin. Ob die Musik nun zeitlos ist oder irgendwie doch überholt, ist in diesem Moment nicht relevant. Das Ereignis, so scheint es, rechtfertigt sich allein dadurch, dass es stattfindet.

Auf der Bühne wiederum ereignet sich nicht so viel. Zwei Metallwände für Videoprojektionen und ein einsamer Stuhl bieten den reduzierten Rahmen des Geschehens. Clarke steht im dunklen eleganten Anzug an seinen paar Geräten und verzieht keine Miene. Gegen Ende des Auftritts lächelt er hin und wieder. Moyet wogt im dunklen Gewand zum Rhythmus der Musik, übernimmt die Ansagen. Wenn sie sich beim Publikum bedankt, wirkt es völlig überzeugend.

Dass die Sache gleichwohl nach Berechnung aussieht, stört nicht weiter. Selbst die prognosegemäße Schlusschoreografie des Konzerts mit der Evergreen-Trias "Situation", "Dont Go" und, als Zugabe getarnt, "Only You" kann die Begeisterung nicht schmälern, sondern steigert sich zum emotionalen Overkill. Einige der umstehenden Männer greifen zu ihren Taschentüchern. Ich habe noch nie zuvor so viele glückliche Menschen bei einem Konzert erlebt.

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