Die Mär der unbekannten Amazonasindianer

Wilde Kontroverse

Das angeblich noch völlig unbekannte Indianervolk am Amazonas ist schon seit 1910 aktenkundig. Wie die vermeintliche Entdeckung trotzdem zur Sensation wurde.

Winnetou-Faktor: 9,5. Bild: dpa

PORTO ALEGRE taz Vor vier Wochen erregten Fotos von einem bislang von der Zivilisation "nicht kontaktierten" Indianervolk in Amazonien weltweit Aufsehen. Nun hat ein Artikel im Observer eine Kontroverse ausgelöst, die vor allem eines zeigt: Immer mehr Medien verzichten auf eigene Recherche, andere manipulieren bewusst.

Das Blatt wirft José Carlos Meirelles von der brasilianischen Indianerbehörde Funai vor, er habe bei der Veröffentlichung der Fotos verschwiegen, dass es sich gar nicht um einen "unentdeckten Stamm" handelte. Mit den Bildern von den Kriegern, die mit Pfeil und Bogen nach oben zielten, habe er die Betroffenen für sein politisches Anliegen missbraucht, schreibt die britische Sonntagszeitung. "Die Enthüllung, dass die Existenz des Stammes bereits bekannt war, wird unangenehme Fragen aufwerfen: warum beschlossen wurde, sie zu fotografieren - was ja auch eine Art des Kontaktes ist."

Ende April war Meirelles an vier Tagen mit einem Fotografen über ein Gebiet an der Grenze zu Peru geflogen. Dass vielfach berichtet wurde, Meirelles habe die Ureinwohner "entdeckt", ist weder ihm noch der NGO Survival International anzukreiden, die die Fotos weitergeleitet hatte. Schuld sind die Medien selbst. So verbreitete die Deutsche Presseagentur dpa am 30. Mai eine Meldung mit dem Titel "Unbekannte Steinzeit-Indios in Brasilien entdeckt". Da schmückten die Fotos bereits die Titelseiten brasilianischer Zeitungen.

Die allerdings waren erst spät aufgewacht. Dabei hatte der Journalist Altino Machado schon längst in seinem Blog und im Onlineportal "Terra Magazine" über Meirelles Flüge berichtet. Auch die spektakulären Fotos standen sechs Tage lang weithin unbeachtet im Internet. Es folgte der Pressewirbel. In vielen Interviews sagte Meirelles: "Bereits seit 1910 ist die Existenz dieses Volkes bekannt."

Auch die taz hatte den Meldungen der Agenturen zunächst Glauben geschenkt. "Isolierter Indianerstamm entdeckt" war bei uns zu lesen - eine auf einer Meldung der Deutschen Presseagentur dpa aufbauende Geschichte. Die dpa ist eine Agentur, die von den deutschen Zeitungen finanziert wird, zu dem Zweck, Korrespondenten vorzuhalten und Nachrichten zu liefern - und so die eigene Arbeit der Zeitungen zu ergänzen.

Für die taz hat unser Südamerika-Korrespondent Gerhard Dilger weiterrecherchiert und zwei Wochen später die Geschichte dahinter aufgeschrieben.

Der Observer, der nun seinerseits seine Informationen aus einem Al-Daschsira-Interview abkupferte, blieb nicht allein. "Ein Betrug", schrieb El País in Spanien, "Indio-Entdeckung war PR-Gag", hieß es im Schweizer Fernsehen. Und die chinesische Agentur Xinhua meldet: "Der Fotograf, der mit den Fotos von einem verlorenen Amazonasstamm auf der ganzen Welt hausieren ging, hat zugegeben, dass sie Teil einer Fälschung waren."

"Ein Märchen", urteilte auch Radio Nederland und ließ den Anthropologen Peter Jorna zu Wort kommen. Die Indianerfreunde hätten die Fotos inszeniert und die Medien seien darauf hereingefallen, denn: "Die Vorstellung des edlen Wilden ist weiterhin populär." Stephen Corry von Survival International wies das zurück: "Wir haben die peruanische Regierung zu einer Untersuchung gezwungen, das ist ein Riesenschritt."

Die rot bemalten Krieger seien "keine Peruaner", erklärte ein Regierungsverteter in Lima am 9. Juni. Auch das hatte Meirelles nie behauptet. Jene Indígenas, die "etwa vor anderthalb Jahren" von Peru aus über die Grenze geflohen waren, versteckten sich grundsätzlich vor Flugzeugen, sagte er der taz, "bestimmt sind die schon von oben beschossen worden". In Peru kam er damit bislang nicht zu Wort. Stattdessen verbreiteten große Tageszeitungen und die staatliche Agentur Andina jetzt die "Enthüllungen" des Observer.

Um seine These von der Flucht vor peruanischen Holzfällern zu untermauern, ließ Meirelles vorgestern neue Fotos vom Gebiet am Xinane-Bach verbreiten. Dort, in unmittelbarer Grenznähe, hatte er Anfang Mai die verängstigten Menschen in den Wald rennen sehen. Auf einem der Fotos sind relativ neue Hütten an einer frisch gerodeten Lichtung zu erkennen.

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