Isolierter Indianerstamm entdeckt: Aus der Vogelperspektive

Im brasilianischen Urwald ist ein Indianerstamm gesichtet worden, der ohne Kontakt zur Außenwelt lebt. Eine Schutz-Organisation will druch Fotos erreichen, dass das auch so bleibt.

Die rot bemalten Krieger des Stammes im brasilianisch-peruanischen Grenzgebiet drohen dem Flugzeug mit Pfeilen. Bild: dpa

Unsere moderne Welt - fotografisch erobert, bereist und kommunikativ vernetzt bis in den letzten Winkel - hat ein Loch in der Matrix bekommen: Die neuen Bilder aus dem Regenwald stammen aus einem Gebiet nahe der Grenze zu Peru. Die Bilder schoss Funai, eine brasilianische Regierungsorganisation zum Schutz der indigenen Bevölkerung, von einem Flugzeug aus, ohne persönlichen Kontakt aufzunehmen. Die rot bemalten Menschen, die mit Pfeil und Bogen auf das Flugzeug schießen, gehören zu den rund 100 Stämmen weltweit, die isoliert von der Außenwelt leben. Funai will ausgerechnet durch die Fotos erreichen, dass das auch so bleibt: sie bewiesen die Existenz des Stammes, dessen Lebensraum akut durch Abholzung bedroht ist und der Schutz brauche. Nun könne niemand mehr leugnen, dass es diese Menschen gibt.

Paradox ist daran, dass Funai durch eine Sichtbarkeit auf Fotos die Unsichtbarkeit in der Welt garantieren will. Fotografiert werden für unsere, die moderne Zivilisation, soll Schutz vor ebendieser bieten, die den Wald rodet. Die Mechanismen unserer medialen Welt verlangen Beweise in Pixeln und auf Zelluloid. Und Berichterstattung. Seht her, es gibt diesen Stamm wirklich - und jetzt schaut wieder weg, denn sonst überlebt er nicht.

Die Funai weiß seit 20 Jahren von diesem Stamm, hat aber bisher weder Kontakt zu ihm aufgenommen noch Fotos veröffentlicht. Das Ins-Bild-Holen, das Schaffen eines Abbildes ist für Funai offenbar der vorletzte Rettungsanker. Der letzte wäre dann, direkt von der Begegnung mit dem Stamm zu erzählen. Was scheitern dürfte an der Unverständlichkeit (und der Unvermittelbarkeit) einer fremden Welt, wenn sie einem in echt und nicht als Abbild begegnet.

Auf Fotos ist das Fremde erfassbar. Auch, weil man den eigenen Bildervorrat nach Ähnlichem durchsucht. Menschen im Regenwald, aus der Vogelperspektive aufgenommen, ein paar Hütten und Ackerfläche: Da ploppen Assoziationen auf, man verknüpft das Foto mit einem eigenen Bild im Kopf. Es ist eines aus einem Computerspiel. In "World of Warcraft" hat man eine ähnliche, fast göttliche Sicht von oben auf die Welt, die man selbst gestalten kann.

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