REM-Konzert in Berlin: Michael Stipe in falschen Schuhen

Auch der heilige Michael hat ganz normale Füße - eine grundstürzende Erkenntnis beim REM-Konzert. Statt der Welt sollte die Band aber lieber ihre Performance retten.

Michael Stipe, einen Tag zuvor in Dresden - mit Designernanzug. Bild: reuters

Von einem feucht-unfröhlichen Abend im Grünen ist zu berichten - dabei ist eine Fahrt in die Berliner Waldbühne sonst immer ein Erlebnis. Aber bei andauerndem Nieselregen wirkt auch das weiße Zeltdach vor dem Waldpanorama leicht trostlos.

Beim ersten Stück der Vorband - die britische Indie-Rockband Editors - hörte der Regen rücksichtsvollerweise auf, und man saß zwischen bunten Regenjacken und erstaunlich leidenschaftslosen Menschen verschiedener Altersklassen. Emotionen wie Aufregung oder Vorfreude kamen nur am Bierstand auf. Editors verloren sich auf der großen Bühne, die Band war zu leise, der Gesang zu laut und elegisch, und bald mussten sie auch dem Umbau weichen.

Dann REM. Michael Stipe, der Sänger und wie immer zentrale Blickpunkt, lief ein, wie gewohnt im Designeranzug mit Krawatte; aber um diesen Aufzug ironisch zu brechen, trug er ein betttuchgroßes geringeltes Tuch um den Hals, das dann jedoch zur Brechung der Brechung schnell wieder abgelegt wurde. Vom ersten Ton an war er auf 180. Zornig! Unter Spannung! Explosiv! Gewissenhaft malträtierte er den Mikroständer und zeigte sämtliche Facetten seiner bisherigen Körperarbeit: die ungelenke Marionette, der staksende Roboter, der tänzelnde Anzugsmann.

Zwischendurch wurde es aber trotzdem sehr langweilig, und man hatte sehr viel Zeit nachzudenken. Zum Beispiel über die Frage: Warum werden eigentlich alle Rockstars über 40 so spirituell und missionarisch? Wie sein guter Freund Bono bewegt sich auch Michael Stipe im großen Weltrettungsquadrat zwischen Peta, Klima, Tibet, Afrika. Vor zwei Jahren schmierte er sich dazu auch ständig Farbe ins Gesicht und färbte die Augenzone leuchtend blau, um seine Exaltiertheit zu beweisen.

Am Mittwoch gab er sich aber fast hemdsärmelig, aufgekratzt und gut gelaunt. "I like this place", erzählte er freimütig und verriet, dass der Regen ja nun zwar ausbleibe, aber weil die Bühne sehr rutschig hätte werden können, trage er Sportschuhe - und das fühle sich jetzt falsch an. Völlig unangemessen für einen Gentleman seines Alters! Nach einem weiteren unbekannten Song überkam ihm die spontane Eingebung: So geht es nicht, ich muss die Schuhe wechseln. Dann folgte die Schuhperformance. Die richtigen Schuhe wurden gebracht, Stipe ließ sich nieder, wechselte die Fußbekleidung samt Socken, und die Kamera verfolgte alles aus der Nähe.

Man muss ja bei Konzerten dieser Größenordnung immer alles als symbolischen Akt sehen - aber was wollte er damit sagen? Auf Jesus verweisen, der bekanntlich seinen Jüngern die Füße gewaschen hatte? Eine Open-Air-Demutsgeste: Schaut an, der Erlöser zeigt seine nackten Füße und zieht grüne Strümpfe an? Oder war es ein umgekehrter Gottesbeweis: "Sehet, der heilige Michael hat auch ganz normale Füße?" Eine dämlichere kabarettistische Einlage hatte man selten zuvor gesehen.

Warum war nur alles so langweilig? Vielleicht, weil REM einfach immer schon eine sehr langweilige, sehr normale Band waren. Weil Alternative Rock seit 20 Jahren so langweilig ist. Weil man auch die Inhalte - Bush-Kritik, Kritik am "Katrina"-Missmanagement, Kritik an der überzogenen Reaktion auf 9/11, Sorge um Amerika - nicht mehr hören mag. Und eigentlich ging einem schon 1991 das allzu romantische Mandolinenstückchen "Losing My Religion" auf die Nerven.

Seitdem sind einige Jahre und einige REM-CDs ins Land gegangen. Das aktuelle, nunmehr 14. Studioalbum, "Accelerate", klingt zwar wieder etwas rockiger und weniger behäbig, aber in der Waldbühne kannte das sowieso kein Mensch, wie auch sonst die etwa 20.000 Besucher erstaunlich wenig Sachkenntnis zeigten. Während gemeinhin bei Großveranstaltungen dieser Art beim ersten Akkord eines bekannten Songs tausende Fans begeistert aufheulen, wurden hier selbst Hits wie "The one I love " erst beim Refrain erkannt. Im Gegenzug klatschte man dann aber auch, zu früh das Ende vermutend, in hochdramatische Pausen hinein. Bei "electro-Life" überkam dann Stipe die einmalige Idee, alle sollten nun ihre Mobiltelefone in die Luft halten, und da liebte man wieder das Berliner Publikum: Kaum einer machte mit!

Dann rottete sich die Band am Piano zusammen und spielte in einer recht schönen Unplugged-Version "Let me in", den Song für Kurt Cobain. Einer der raren guten Momente an diesem Abend.

Auf der Videoleinwand arbeitet man viel mit Schrift, Farbe und grafischen Mustern, zeigt die Musiker kunstvoll zersplittert und vervielfacht, zeigte bis zu 24-mal den verfremdeten Charakterschädel Stipes, der aber irgendwann einmal nur noch an den unangenehmsten Männerdarsteller unter den deutschen Schauspielern, Heiner Lauterbach, erinnerte.

Bei der ersten Zugabe "Losing my Religion" gingen schon viele, und in der S-Bahn machten die Fans dann per Nachbesprechung ihrer Enttäuschung Luft: Langweilig, Funke nicht übergesprungen, keine Stimmung. REM: einmal und nie wieder.

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