Hinter der Castingshow: Visitenkarte für Franka Potente

Caster ersparen es Regie und Produktion, von ehrgeizigen Schauspielern zugemüllt zu werden. Warum erkennt das in Deutschland niemand richtig an?

"Es kommt drauf an, die Besten zu finden" Bild: ap

Eine kleine Kamera, ein Monitor, Lampen, ein paar Stühle und gut geordnete Archivwände voller Demomaterial - ein typisches Castingbüro hat mit "Deutschland sucht den Superstar" nichts gemein. Seit Castingshows den Traum vom Sichtbarwerden anheizen, hat der harte Auswahlwettbewerb als Unterhaltungsformat an eigenständigem Prestige gewonnen.Trotzdem ist die Arbeit, die Caster heute für die Filmherstellung leisten, ziemlich unbekannt - zumindest in Deutschland. Was Kamera, Ton und Darsteller fürs Gelingen eines Films bedeuten, wird zum Beispiel mit Preisen wertgeschätzt. Dagegen haben Casting Directors hier zu Lande festgestellt, dass für sie keine Auszeichnung vorgesehen ist, dass keine respektable deutsche Bezeichnung ihres Berufs existiert und der Schauspielnachwuchs meist nicht weiß, worauf es beim Casting ankommt.

Eine gute Besetzung mache 90 Prozent eines Films aus, behaupten die selbstsicheren Profis aus den USA. Sie haben den Begriff Casting Director geprägt und sehen sich als "unabdingbar wichtigen Posten im Filmbusiness". Stolze Zitate wie dieses aus dem Mund der Filmprofessorin Leonore DeKoven hat die Medienwissenschaftlerin Tina Thiele in einem Buch über Casting in Deutschland veröffentlicht, um die Defizite deutlich zu machen.

Mit der Ausbreitung privater Fernsehsender und spielfilmähnlicher TV-Movies entstand ein großer Bedarf, ein komplexer Markt für Gesichter, ein Ranking zwischen Fernseh- und Filmjobs.

In Deutschland verlief die Entwicklung in kleinerem Maß ähnlich wie in den USA. Für die reibungslosen Abläufe im Produktionsalltag ist die Besetzungsarbeit immer wichtiger geworden. In den 90er Jahren setzte ein Boom ein, freiberufliche Schauspielagenturen und ebensolche Castingbüros traten an die Stelle staatlich geregelter Schauspielervermittlung und hauseigener Besetzungsbüros in den Produktionsfirmen und Sendern. Statt 25 Casting-Büros gibt es heute inzwischen 300, hat der Münchener Caster Stephen Sikder ausgerechnet.

Druck ist entstanden, den Beruf klar von der Arbeit eines Schauspielagenten abzugrenzen und Qualitätsmaßstäbe aufzustellen. Die Bezeichnung Casting Director ist nützlich, um endlich mehr als den schlichten Besetzungsberater aus sich zu machen. Simone Bär, eine der bekanntesten deutschen Casterinnen, wird im Vorspann der Filme von Christian Petzold genannt, normalerweise taucht der Name des Casters im Abspann vor dem Catering auf. Gegen solche Missachtung wehrt sich die Münchener Casterin Cornelia von Braun, Vorsitzende des vor fünf Jahren gegründeten Castingverbandes.

Auch die Einordnung des Berufs in der Deutschen Filmakademie ärgert die CasterInnen. Dort können sie zwar Freunde und Förderer sein, nicht aber Mitglieder, die über die Vergabe der Preise mitentscheiden. Warum das so ist, darauf hatte die Filmakademie auf Anfrage keine klare Antwort.

Klassische Arbeitsvermittlung für Schauspieler sind Caster nicht. Schauspielagenturen vertreten ihre Schauspieler zum Beispiel beim Aushandeln der Verträge und werden anteilig von deren Gage bezahlt, Casting Directors arbeiten im Auftrag von Produktionsfirmen und Regisseuren, sie sind nach dem Abschluss der Besetzungsliste mit ihrer Arbeit fertig. Bei jedem Auftrag müssen sie ein Spektrum interessanter Vorschläge parat haben, daher die großen Archive voller Arbeitsproben und Bewerbungen. Früher war das eine Fundgrube von Fotos, Lebensläufen und Leistungsbilanzen, heute ist das oft eine "Materialschlacht" mit elektronisch gespeicherten Probestücken. Greta Amend, die Casterin für "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" war, heute unabhängig castet und zusätzlich Schauspieler-Coachings speziell für die Standardsituationen in ihrem Beruf anbietet, will "raus aus dem Archiv". Ihre Vorstellung ist, mehr für die Einführung von öffentlichen Vorsprechterminen zu tun, die in den USA zum Geschäft gehören, in Deutschland aber nur zur Komparsensuche üblich sind.

Caster funktionieren als Nadelöhr, das der Regie und Produktion erspart, mit den Selbstanzeigen ehrgeiziger Schauspieler "zugespamt" zu werden. Um der Materialflut Herr zu werden, haben sie auf einschlägigen Internetplattformen eine Wunschliste veröffentlicht, die gewisse Formen für die Bewerbung von SchauspielerInnen vorschlägt. Dahinter verbirgt sich ein doppeltes Dilemma: Immer mehr Absolventen von Schauspielschulen suchen Arbeit, wissen aber nicht, wie sie sich auf dem verstopften Arbeitsmarkt bemerkbar machen können. Auf der anderen Seite entstehen Filme unter Sparzwang und Zeitdruck, so dass Besetzungen in der Vorauswahl häufig nur noch über Videocasting, das heißt ohne direkten Kontakt entstehen. CasterInnen, die ihren Namen lieber nicht gedruckt lesen möchten, fühlen sich weisungsabhängig und von schlechten Arbeitsbedingungen bedrängt. Von den Aufträgen kleiner Autorenfilmproduktionen lässt sich auf die Dauer nicht leben. CasterInnen fürchten die Abstumpfung, die beim endlosen Sichten oder beim extrem knappen Timing bei Interviews und Vorsprechen entstehen kann. Simone Bär hat entschieden, dass sie grundsätzlich nicht öffentlich über ihre Arbeitsbedingungen spricht.

Besetzungsberatung ist, richtig verstanden, ein kreativer Akt, nicht nur eine Dienstleistung. "Zwischen Regie und Kamera besteht eine symbiotische Beziehung, die akzeptiert ist", bemerkt die Berliner Casterin Suse Marquard, "das Casting müsste als Teil der künstlerischen Filmarbeit erst noch anerkannt werden." Eigentlich hat diese Wertschätzung eine lange Geschichte bis zurück in den Beginn der Tonfilmära, als Theaterschauspieler kaum kameratauglich sprechen konnten. Damals hielten Talentsucher nicht mehr in Theatern und Varietés, sondern auf der Straße Ausschau nach Stars.

Das kommt auch heute vor, wie die Münchner Casterin Nessie Nesslauer über ihre Arbeit für Hans Christian Schmid erzählte. Franka Potente folgte sie in eine Bar und gab ihr eine Visitenkarte, um sie für "Halb fünf im Uhrwald" zu besetzen. Alle Casting Directors betonen, es kommt darauf an, die "Besten zu finden", die richtige Zusammenstellung eines ganzen Ensembles zählt. Caster "komponieren" es, sofern Regie und Produktion auf ihre Vorschläge eingehen. Sie entwickeln aus dem blanken Text des Drehbuchs konkrete Vorstellungen von den Menschen, die das Erzählte verkörpern und vor der Kamera auch handwerklich als Schauspieler bestehen können. Sie suchen die Schauspieler, machen Probeaufnahmen und schnüren Pakete mit Namen, oft mehrere für ein Projekt, wenn Produktion, Regie und die beteiligten Fernsehsender unterschiedliche Interessen durchsetzen wollen. "Bevor ein Regisseur oder Produzent entschieden hat, wer was spielt, reden bis in die kleinsten Rollen Redakteure mit rein", stellt Cornelia von Braun fest.

"Was wir brauchen, sind neue Gesichter", verkündete ein Fernsehredakteur auf einer Podiumsveranstaltung zum Casting während des vergangenen Münchener Filmfestes. Sigrid Emmerich, eine erfahrene Berliner Casterin, konterte darauf mit der Erfahrung, dass dieser Wunschvorstellung oft der Mangel an Mut im Weg stehe, unbekannte Talente im Fernsehen zu besetzen. "Bekannte Namen sollen Quotenerfolge garantieren", beklagen die CasterInnen. Die Branchengrößen in Deutschland halten inzwischen mit hauseigenen Besetzungsbüros den Kreis der unbekannten Gesichter in ihren Filmen klein. Sigrid Emmerich vermutet, dass es kein Zufall ist, dass zumeist Frauen den schwierigen Beruf ausüben: "Die sind dran gewöhnt, für relativ wenig Geld viel Leidenschaft und Arbeit einzusetzen." Wenn ein Gesicht den Weg ins Kino schafft, dann meist durch eine Casterin, die Handwerk und Präsenz des Nachwuchses auf dem Theater studiert. Regelmäßige Theaterbesuche gehören für die meisten zur Arbeit.

Was aber, wenn junge Leute aus dem geschützten Raum der Schauspielschulen kommen und keine Ahnung vom Geschäft vermittelt bekommen haben? "Sei du selbst", sagt man ihnen, wenn sie sich auf ein Casting vorbereiten, "aber sie wissen oft gar nicht, was das ist." Das ist die Erfahrung von Karin Kleibel, die als Coach für Schauspieler arbeitet. Ähnlich wie Greta Amend hilft sie den unsicheren Kandidaten mit Sprechübungen, Ensembletrainings und "Cold Reading" (einer spontanen Leseübung von Szenen) die Angst vor dem Einrosten und die Angst vor der Mechanik des Castings zu überwinden. Ein Flickenteppich zahlloser Workshop- und Coachingangebote ist so rund um das Casting entstanden. Viele davon versprechen nicht die große Karriere, aber ein "Sichtbarwerden" vor dem Publikum, wenn auch nur in der Vorsprechsituation. Ob man entdeckt wird, ist immer noch eine Frage des Zufalls.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de